welchem die taube Alte darauf blickte , und die Reinlichkeit wohltuend . Er seufzte nur ganz gelinde , als er den Mietvertrag , der ihn zum zeitweiligen Herrn von Bett , Tisch und Stuhl machte , abschloß und dadurch Besitz ergriff , daß er einen Efeuzweig mit drei oder vier grünen Blättern , den er bis jetzt in der Hand getragen hatte , auf den Tisch niederlegte . Auch er holte sodann seine Habseligkeiten in der bereits angegebenen Weise und richtete sich ein . Wenn das Gefühl , sein eigener Herr zu sein , nicht ganz ohne Beimischung von Wehmut war , so war es doch recht erquicklich . Schon der Gedanke , daß der grün-goldene Jean in diese Tür sein freches Gesicht und seinen Backenbart nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis schieben dürfe , war etwas wert . Als die Einrichtung vollendet war , jedes Ding seinen Platz hatte und der Kandidat sich auf seinen Stuhl vor seinem Tische niederließ , überkam ihn ein Behagen , das er seit seiner Studentenzeit nicht mehr gekannt hatte . Der Zugwind , der durch das schlecht verwahrte Fenster zischte , war Hauch der Freiheit ; alle Bequemlichkeiten und Opulenz von Bocksdorf , Kohlenau und dem Hause des Geheimen Rates Götz konnten ersetzt werden durch das stoische frohe Frösteln , das er hervorbrachte . Wie sich die Verhältnisse im Hause des Geheimen Rats weiterentwickelt hatten , können wir jetzt erzählen , da der Kandidat , wenn nicht warm , so doch trocken sitzt und der Regen machtlos über seinem Kopfe auf dem Dache trommelt . Die Glocke , die so gellend durch das Haus schallte , als der Vater Kleopheas in sein Zimmer wankte , verkündigte der Hausgenossenschaft sehr bestimmt die Stimmung , in welcher sich die Mutter befand . Krämpfe und Ohnmachten waren die erste Folge des Briefes Kleopheas gewesen ; während der Fahrt nach der Stadt hatte die gnädige Frau im apathisch brütenden Stumpfsinn in ihrer Wagenecke gelegen ; nach der Heimkehr brach die Leidenschaft des Weibes in wilder Furienhaftigkeit hervor . Die Geheime Rätin wütete , und es war gefährlich , in ihre Nähe zu kommen , was fast alle Glieder des Hausstandes nacheinander erfuhren . Selbst der Gedanke an die » Welt « war zuerst nicht imstande , ihr die wünschenswerte Selbstbeherrschung wiederzugeben , obgleich der Schmerz und Zorn der Dame sich im Grunde nur um diese » Welt « drehten . Nicht das Geschick , in welches sich die Tochter gestürzt hatte , sondern der éclat , den das abscheuliche Begebnis machen mußte und ohne Zweifel bereits machte , trieb die Mutter fast in den Wahnsinn . Sie suchte nach jemand , an welchem sie ihren Grimm auslassen konnte , und sie fand zwei für einen . Da war das Fränzchen , welches anhören mußte , was man ihm sagte , und da war der Hauslehrer , der Kandidat Unwirrsch , welchem man sogar ins Gesicht schreien konnte , daß durch seine Schuld der schändliche Verräter , der Doktor Stein , der Jude , in das Haus gekommen sei . Die Geheime Rätin war fähig , dem armen Hans die ganze Schuld an dem gräßlichen Skandal aufzuladen , und vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet , war dieses ein großes Glück für sie . Hans Unwirrsch wehrte sich diesmal nach Kräften , bis er einsah , daß es unmöglich sei , diesem Weibe gegenüber , und noch dazu im jetzigen Moment , einen Rechtsstandpunkt behaupten zu wollen . Er ließ das Unwetter über sich ergehen in dem Gedanken , wie das Fränzchen so unendlich viel schlimmer dran sei als er . Seine Angst um das Fränzchen überwog alles andere . Zerschlagen an allen Gliedern , verwirrt in allen Sinnen , mit dem Gefühl , plattgedrückt , auseinandergerissen und zu einem Knäuel gewickelt zu sein , verließ Hans das Gemach der gnädigen Frau und stieg in sein Zimmer hinauf , um in der Abenddämmerung seinen Koffer zu packen . Am andern Morgen schon mußte er das Haus verlassen , und bis zum andern Morgen sah er außer dem Bedienten niemanden mehr von der Hausgenossenschaft , auch das Fränzchen nicht . Er schlief wenig in der Nacht und war früh wach und angekleidet . Um acht Uhr erschien Jean mit der Meldung , daß der Herr Geheime Rat ihn zu sprechen wünsche , und ohne Verzug stieg er zu der Studierstube desselben hinab . Er klopfte an und trat ein , obgleich ihn niemand dazu einlud , und als er eingetreten war , stand er einige Augenblicke verdutzt an der Tür , weil er glaubte , es befinde sich auch niemand im Zimmer . Da stand der gefräßige Riesenpapierkorb , in den schon soviel nutzlos beschriebenes Papier hinabgeworfen worden war , in welchem aber das klägliche Dokument Theodor Götz contra mundum noch nicht steckte , obgleich es vielleicht so besser für dasselbe gewesen wäre . Da standen die vielen rechtsgelehrten Bücher in langen , dürren Reihen in Schränken und Fächern . Da stand der grünbeschlagene Riesenschreibtisch mit seinen berghohen Aktenhaufen , und hinter diesen Aktenhaufen sah Hans , als er sich auf den Zehen erhob , den Geheimen Rat sitzen im schwarzen Frack , mit weißer Halsbinde , wie gewöhnlich . Und die Arme des Mannes lagen auf dem Tisch , und der Kopf lag auf den Armen ; es war ein Kopf mit recht dünn gesäten grauen Haaren , ein trübseliges Haupt , welches der Kandidat Unwirrsch tief bedauern mußte . Hans trat einige Schritte näher ; der Geheime Rat erhob das Gesicht , doch der Ausdruck desselben war so überwacht , so kummergeschlagen nichtssagend , daß Hans nicht glauben konnte , von seiner Gegenwart im Zimmer sei bereits Kenntnis genommen worden . Er trat noch einen Schritt heran und sagte : » Herr Geheimer Rat , ich bin ' s ; - ich bin gekommen , Abschied von Ihnen zu nehmen und Ihnen - Ihnen - zu - zu - « Er wußte eigentlich nicht , was er sagen sollte ,