wie wir sind , Thaten vollbringen , neben denen sich die des Hercules und anderer Heroen wie die Spielereien von Pygmäen ausnehmen ? daß unsere wegen ihrer Schlaffheit und Thatlosigkeit vielgescholtene Zeit trotz all dem und all dem ein kreisender Berg ist , der nicht lächerliche Mäuse , sondern schnaubende Dampfrosse , Riesenwerke der Industrie , Triumphe der Erfindsamkeit aller Art ohne Unterlaß gebiert ? Nur dadurch , meine Freunde , daß sich das Verhältniß eines Zeitalters , wo der Kampf und die Arbeit der Menschheit von einzelnen Heroen gethan wurde , während die große Masse als ein stumpfsinniges , thatenloses Gesindel schreiend hinterherzog , gerade umgekehrt hat . Heut zu Tage gilt der Einzelne , und wäre er noch so bedeutend , wenig ; die ganze Kraft liegt in der Masse , die in dicht geschlossener Colonne , langsam aber unaufhaltsam auf der Bahn des Fortschritts weiter drängt . Das ist noch nicht Vielen klar geworden ; ja Herrscher , Fürsten und Fürstenknechte , die eine dunkle Ahnung von der Sache haben , möchten in ihrem brutalen Egoismus und ihrer frivolen Eitelkeit die alte Zeit wieder heraufführen , wo der Einzelne Alles und die Menge nichts war ; aber es hilft ihnen wenig . Mit dem todesmuthigen Instinct der Wanderratte ausgerüstet , marschirt die Fortschrittsarmee in langer , unabsehbarer Linie heran , Schulter an Schulter , der Hintermann in den Fußstapfen des Vordermanns , und wenn hier oder da eine Lücke entsteht , so schließt sie sich auch in demselben Momente wieder . Und dieser Gedanke , meine Freunde , den ich mir so recht klar zu machen suchte , hatte etwas wunderbar Tröstendes für mich . Ich dachte : was ist daran gelegen , ob du heute oder morgen zusammenbrichst ; hinter dir marschirt ein jüngerer , stärkerer Krieger , der sofort über dich weg an deine Stelle treten und mit denselben Waffen , die deiner ermattenden Hand entfielen , Größeres vollbringen wird , denn du . Bei diesen Worten drückte der Geheimrath innig die Hand seines Schwiegersohns ; Sophie aber , die schon lange mit den Thränen gekämpft hatte , warf sich schluchzend in ihres Vaters Arme . Nein , nein , mein Kind , sagte dieser , ihr das weiche Haar liebevoll streichelnd : Du mußt nicht weinen ; ich wollte Dir und Euch Allen ja eben beweisen , wie wir nicht weinen und klagen , sondern uns freuen müssen , daß wir in den Andern und mit den Andern unüberwindlich und unsterblich sind . Ja , es ist ein schönes und wahres Wort , das ich noch heute in Freiligrath ' s Glaubensbekenntniß las : » Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth ' an Blüthe . « Ich sehe hier um mich herum Alles knospen und blühen , einen ganzen Menschenfrühling im Kleinen . Wie lang ' wird es dauern , und diese Knospen und Blüthen werden zu herrlichen Blumen und Früchten reifen . Ob ich ' s erlebe ? ich wünsche es , ich hoffe es ; aber selbst , wenn es nicht sein sollte , wenn es mir nicht vergönnt wäre , Eure Kinder um meine Kniee spielen zu sehen - nun denn , Ihr Lieben : Leid will Freud ' und Freud ' will Leid haben . Wo Blüthe sich an Blüthe drängen soll , da muß das dürre Holz herausgehauen und in den Ofen geworfen werden , und wenn ' s geschieden sein muß , sei ' s , wenn auch nicht fröhlich , doch muthig geschieden . Während der Geheimrath sprach , hatte man vor den Fenstern auf der Straße ein dumpfes Geräusch von Tritten und das verworrene Gemurmel gedämpfter Stimmen gehört ; dann war es wieder lautlos still geworden , und als der Geheimrath das letzte Wort sprach , da erschallte in den prachtvollen Tönen eines gewaltigen Männerchors , leise wie Frühlingswehen , und doch mächtig wie Donnersturm : Es ist bestimmt in Gottes Rath , Daß man vom Liebsten , was man hat , Muß scheiden ; Wiewohl doch nichts auf dieser Welt Dem Herzen ach ! so sauer fällt , Als Scheiden . Die im Zimmer ergriff es , wie wenn eine überirdische Stimme zu ihnen spräche . Sophie lehnte schluchzend ihr Haupt an ihres Vaters Brust ; in den Augen der Männer standen die hellen Thränen ; Marguerite , obgleich sie kein Wort verstand , war so ergriffen , daß sie ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte und laut weinte . Dann erhoben sich Alle und traten in den dunklen Erker . Unter dem Fenster auf der sehr breiten Straße in einem weiten , von hellen Laternen bezeichneten Halbkreis standen die Sänger - Männer des Handwerkervereins , den der Geheimrath vor Jahren gestiftet hatte und dessen Präsident Franz in den letzten Wochen gewesen war ; weiterhin eine dunkle Menschenmenge , Kopf an Kopf , Männer und Frauen , Bürger , Studenten , Arbeiter - lautlos , regungslos , wie in einer Kirche . Und mächtiger flutheten die Toneswellen : Nur mußt Du mich auch recht versteh ' n : Wenn Menschen auseinandergeh ' n , So sagen sie : Auf Wiedersehn ! Auf Wiedersehn ! Die Töne waren verhallt ; die Laternen wurden ausgelöscht ; still , wie sie gekommen war , entfernte sich die Menge . Wieder war es dunkel auf der Straße , aber in den Herzen der Menschen , die da oben im Erker standen und sich innig umfangen hielten , war es hell wie an einem wonnigen Maienmorgen . Achtundzwanzigstes Capitel Die weiten Wälder von Berkow standen entlaubt . Wo sonst durch grüne Dämmerung Vögel singend schlüpften und Käfer und Mücken summend schwärmten , pfiff jetzt der kalte Herbstwind durch kahle Aeste und Zweige , und wo an den knorrigen Eichen das dürre Laub noch haftete , da flüsterte es nicht mehr lieblich , wie in der schönen Sommerzeit , sondern raschelte unheimlich und unwirsch . Nur die Tannen thaten , als ob die Jahreszeit nichts mit ihnen zu schaffen hätte