wäre ; aber er weiß es nicht und soll es auch nie erfahren . - Ueber ihr früheres Leben sprach sie nie ; ich habe dem Baron versprochen , darüber zu schweigen , bis er sich öffentlich mit mir verlobe ; und , setzte sie wehmüthig lächelnd hinzu , da sehen Sie selbst , daß ich wohl ewig werde schweigen müssen . Sie kam fast nicht mehr von meiner Seite , und was Harald betrifft , so schien er in der letzten Zeit ganz vergessen zu haben , daß Marie noch auf dem Schlosse war . Nur manchmal , wenn ich mit ihm allein war , erkundigte er sich in kurzen , abgerissenen Fragen nach ihr , aus denen ich sah , daß er über ihren Zustand vollkommen unterrichtet war . So standen die Sachen . Der Sommer war zu Ende ; der Herbst kam mit Sturm und Regen , und die dürren Blätter wehten von den Bäumen . Es war an einem Nachmittage , Harald war ein paar Tage verreist gewesen ; ich war mit Marie im Garten und suchte ihr Trost zuzusprechen , da sie heute ganz besonders traurig war . Da schaute plötzlich ein Schacher-Jude über das Stacket und schrie , als er uns erblickte , in den Garten hinein : nichts zu handeln ? nichts zu handeln ? Ich rief ihn . Er kam . Es war ein alter , schmutziger , schlottriger Mensch , mit einem weißen Bart und einer Brille von blauen Gläsern über den Augen . Er kramte seine Waaren aus , und weil die Sachen hübscher waren , wie sie diese Leute sonst wohl führen , so kauften Marie und ich ihm Verschiedenes ab . Er forderte einen mäßigen Preis , aber es war doch mehr , als wir bei uns hatten , und so ging ich in ' s Schloß , das Uebrige zu holen . Zufällig konnte ich den Schlüssel zu meiner Commode nicht gleich finden , und als ich ihn gefunden hatte , fiel mir ein , daß ich in der Küche nothwendig etwas besorgen mußte ; so verging wohl eine halbe Stunde , bis ich wieder in den Garten kam . Ich traf Marie allein . Wo ist der Jude ? sagte ich . - Er will morgen wieder kommen , antwortete sie . - Was haben Sie , Kind ? sagte ich , denn ich sah , daß sie rothgeweinte Augen hatte und ganz verstört aussah . - Da fiel sie mir um den Hals und weinte , aber so sehr ich sie auch bat , mir zu sagen , was vorgefallen sei , ich konnte nichts aus ihr herausbringen . Der Jude kam am nächsten Tage nicht , aber Baron Harald kam . Er brachte ein paar Herren mit . Sie waren auf der Jagd gewesen und tüchtig müde geworden . So gingen sie heute früher zu Bett , nachdem sie ein paar Flaschen Wein getrunken hatten . Ich mochte wohl schon ein paar Stunden im Bett gelegen haben , ohne einschlafen zu können , denn es regnete und stürmte in dieser Nacht gar heftig und die Laden klappten und die Jagdhunde heulten . - Da hörte ich einen leisen Schritt auf dem Gange vor meiner Stube , eine Hand suchte nach dem Drücker der Thür und als ich mich erschreckt im Bett emporrichtete , ging die Thür auf ; es trat Jemand herein und kam auf mein Bett zu . - Wer ist da ? rief ich . - Ich bin ' s , Mutter Clausen , sagte eine leise Stimme . Es war Marie . - Sind Sie krank geworden , Kind ? sagte ich . - Nein , sagte sie , sich zu mir auf ' s Bett setzend , ich wollte nur Abschied nehmen , und Ihnen für all ' die Liebe und Güte danken , die Sie an mir gethan haben . - Ich glaubte , sie wollte sich das Leben nehmen , und sagte voller Entsetzen : Um Gotteswillen , Kind , was hast Du vor ? - Fürchten Sie nichts , Mutter Clausen , sagte sie , und dabei umarmte und küßte sie mich unter vielen heißen Thränen ; ich will fort , aber nur fort von hier . Ich habe es schon längst gewollt und jetzt ist die Stunde gekommen . - Warum jetzt ? sagte ich ; wo willst Du hin mitten in der Nacht ? und noch dazu in solcher Nacht ! Hörst Du nicht , wie Wind und Regen mit den Hunden um die Wette heulen ? Und Du kennst weder Weg noch Steg - Du rennst ja gerade in ' s Verderben , und wenn Du nicht an Dich denkst , so denke wenigstens an das Kind , das Du unter dem Herzen trägst . - An das eben denke ich , sagte sie . Es soll nicht hier , wo seine Mutter so grenzenlos elend gewesen ist , das Licht erblicken . Es soll nie erfahren , wer sein Vater war . Leben Sie wohl , liebe Mutter ! möge der allgütige Gott Sie behüten ! und fürchten Sie nichts für mich ! Ich gehe nicht allein ; es ist Jemand bei mir , der mich beschützen und über mich wachen wird , und der sein Leben für mich lassen würde - Weißt Du das auch gewiß , Kind ? sagte ich ; ich dächte , Du hättest jetzt gelernt , was den Männern ihre Schwüre werth sind . Wer ist es ? - Ich darf es nicht sagen , antwortete sie ; und jetzt muß ich fort , es ist die höchste Zeit . - Sie hatte sich von dem Bett erhoben . Warte , sagte ich , ich will Dir wenigstens das Geleit aus dem Schlosse geben . Sie bat mich inständig , zu bleiben ; aber ich kehrte mich nicht daran . Schnell hatte ich ein paar Kleider übergeworfen ; ich war fest entschlossen , sie nicht eher fort zu