erscheint uns gewiß jeder Besitz und jedes Entbehren gering ! Der alte Mevissen erwartete schon seit sechs Wochen mit Bestimmtheit seinen Heimgang ! Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit , sich in Benno ' s Worte zu finden , daß sie eine Nichte der Frau von Gülpen wäre . Sie war erfahren genug , bald einzusehen , daß damit nur ein Deckmantel gemeint sein konnte , unter dem sie unter dem Dache eines Geistlichen wohnen durfte . Sie hielt jetzt diese Angelegenheit keiner Frage mehr werth . Hätten wir die Gräfin Paula bei uns ! sagte sie , als sie sich von dem Grabe entfernten und Bonaventura Benno ' s Vorhaben , die Nacht über wirklich das Grab zu hüten , entschieden ablehnte . Warum ? hieß es . Dann säße der alte Mevissen vielleicht leibhaftig auf dem Hügel dort und man könnte ihn fragen , ob er dem wirklich in seinem Stroh soviel Geld versteckt hätte ! Die ekstatischen Zustände der Gräfin Paula waren allen bekannt genug und auch Bonaventura bestätigte die Fähigkeit derselben , über Gräbern Schatten zu sehen , die andere Augen nicht sähen . Dabei überraschte den Pfarrer keineswegs die Möglichkeit , daß Lucinde nach allem Vorangegangenen so kurzweg den verhängnißvollen Namen aussprechen und , wie wenn nichts mit ihm wäre , ihn ins Gespräch ziehen konnte . Er wußte , wie weit Lucindens Verstellungskunst ging . Er war auch nach Empfang der überraschenden Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der That von ihr wieder auf alles gerüstet . Wissen Sie nicht , wie es der Gräfin geht ? fragte er Lucinden , als man sich nach einigem Staunen über eine so weit gehende Sehergabe der Gräfin in der Annahme einer Täuschung und der Unmöglichkeit , überhaupt Geister in sichtbarer Gestalt anzunehmen , bald geeinigt hatte . Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr ? fragte Lucinde erstaunt und mit schneidender Schärfe . Wie sollte ich ? erwiderte Bonaventura gelassen . Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr ! fuhr er fort . Sie wird auf Westerhof wohnen und sich vorbereiten , die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen zu werden ! Alle schwiegen wie zur Bestätigung . Lucinde entgegnete : Also eine Altarkerze im Dome der Heiligen , eine Rose von Jericho will dem Glauben ihrer Väter verloren gehen ! Wie ? Der kalte Luftzug des Verstandes , der Frost des Zweifels soll sie tödten ! Ich hörte , daß man alles aufbietet , diese Verbindung mit einem Lutheraner unmöglich zu machen ! Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann , der soeben von jener östlichen gemeinsamen Heimat herübergekommen war . Auch Benno verstand diesen Blick und antwortete statt des achselzuckenden Hedemann : Aus dem bringt niemand etwas heraus ! Die Mühle , die er sich in Witoborn gekauft hat , muß ihn taub gemacht haben für alles , was uns sonst von dort hätte interessiren müssen ! Er war nicht auf Schloß Neuhof , womit er jetzt vielleicht dem Fräulein gedient haben würde , er war vielleicht nicht einmal in Westerhof , nicht im Kloster Himmelpfort , nicht im Stift Heiligenkreuz - nirgends ! So verschlossen ist er wie die Offenbarung Johannis , in die er sich , glaub ' ich , in Amerika ganz verlesen hat ! Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der Kreuze , lächelte und sagte mit gelassener Ruhe : Wie hätt ' ich nicht Westerhof besuchen sollen nach den Erfahrungen und Aufträgen des Obersten ! Je schlagender diese Antwort schien und je genügender sie die beiden Asselyns aufklärte , desto unsicherer und dunkler tastete Lucindens aufgeregte Combination . Wer war der Oberst ? Welche Erfahrungen desselben hätten Hedemann , der nun wieder plötzlich ein Müller wurde , von dem Schlosse Westerhof entfernt halten können ? Sie kennen Schloß Neuhof , Fräulein , fragte Benno , und wissen von dem Interesse , das das ganze Land an den Vorgängen in der Camphausen ' schen Familie nimmt ? Lucinde kannte auf Schloß Neuhof jeden Winkel im Schlosse , im Park jeden Baum , auf dem Plateau , das zum Düsternbrook führte , die Stelle , wo Klingsohr einst zwei Blütenzweige in die Erde senkte , die freilich der nächste Sturm schon verweht hatte , sie war auch eines Tages zum Fronleichnamsfest in Witoborn gewesen und hatte dort eine Mühle gesehen , die die reißende Witobach mit einer Gewalt trieb , daß man allerdings an ihr taub werden konnte ; aber von den Dingen , die um sie her lebten , hatte sie nichts als das durchschaut , was mit dem Cultus ihrer eigenen Person zusammenhing . Was ich von den Verhältnissen Paula ' s weiß , sagte sie , kenne ich nur aus den Tagen her , wo sie meiner Pflege anvertraut war . Die Zeit , wo ich auf Schloß Neuhof war und die Wißbegierde der Gensdarmen durch meinen Paß nicht befriedigen konnte , war kurz und gehört meiner frühesten Kindheit an ! Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Gestalt des Kronsyndikus schien in diesem Kreise vermieden zu werden . Man verblieb bei den nachbarlichen Beziehungen . Benno schilderte als nicht gering die Gefahr , die sich der engern Heimat aus dem Uebergange der reichen Besitzthümer der Linie Dorste-Camphausen in die Linie Salem-Camphausen ergeben würde . De Kirchenfürst unserer Provinz selbst , sagte er , nimmt den lebhaftesten Antheil an einer Entscheidung , für welche sogar mein gewiegter Principal , der Procurator Dominicus Nück , keine andere Hülfe hat als die des Aufschubs . Die Gräfin ist neunzehn Jahre . Sie hat noch zwei Jahre Zeit , sich zu erklären , ob sie vielleicht den geistlichen Stand wählt oder mit Entsagung ihrer großen Besitztümer irgendeine andere Wahl trifft . Auf alle Fälle gehen mit dem Aussterben der männlichen Erben die Güter dieser ältern Linie an jene jüngere über , die in den Zeiten der Wiedertäufer den alten Glauben abschwur , dann nach Ungarn