damit vor den Spiegel trug , daran hatte ich niemals gedacht , und jetzt weiß ich diesen Umstand ganz genau . - Ist das nicht wie eine Geistererscheinung ? - Und mag die Liebe nicht Geister beschwören können ? - Denn in jenem Augenblick war ich so begeistert und voll Liebe für ihn , daß ich meinte , ich müsse einen Geisterumgang durch die Kraft meiner Einbildung möglich machen können , worin mir der Großpapa alles Gute , was mir wach würde , im Kopf einflüstern werde , und ich glaub es auch ; sollte denn das Wirken so wahrhafter Gesinnung mit dem Tode für uns aufhören müssen ? Ich sagte dies der Großmama , die antwortete : » Der Geist deines Großvaters regiert mich ja jetzt noch , wie hätte ich den Schmerz meiner lieben Bäume sobald verwinden können , wenn ich mich nicht seiner Lehren erinnert hätte ; darum hab ich ja das Wappen der Stadt Trier hervorgesucht und diese Briefe des Kurfürsten . Und besonders diesen , wo der Kurfürst ihn wegen seinem Unrecht um Verzeihung bittet und dein Großvater so wahrhaft großmütig und doch heiter antwortet . Denn er schrieb dem Kurfürsten , er werde nie vergessen , daß er der Gründer seines Glückes sei , er habe ihm hierdurch Gelegenheit gegeben , sich selber in seiner Gesinnung zu erproben , und da er sich glücklich durchgekämpft habe , so fühle er sich jetzt wohl und in besonderer Glücksstimmung . « Sie sagte : Dies bewege sie zur Nachsicht gegen die , welche sie beleidigt haben , - es komme drauf an , wie hoch eine Beleidigung aufgenommen werde ; man solle keine stärkere Schuld dadurch auf andre wälzen , Verzeihung sei Aufheben der Schuld , und Gott sei versöhnlich durch menschliche Großmut . - Der Großvater habe gesagt : » Was dir geschieht , das rechne für garnichts ! « Keine Rüge gilt etwas , sie sei denn zum Besten dessen , den man straft , sonst ist jede Strafe unnütze Rache , nur um den elenden Sünder noch elender zu machen und nützlose Rache sei eine viel ärgere Sünde am Verbrecher , der dem Menschen heiliger sein müsse , insofern er so gut seiner Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes , und Gott sei versöhnlich aus menschlicher Großmut , so müsse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen und allen verzeihen , wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere . Und sie tue es ihrem Laroche zulieb , daß sie ohne Bitterkeit es ertrage . Die Bäume seien dies Jahr abgehauen , sie selber werde gewiß sie nur kurze Zeit noch vermissen und wolle durch den Verdruß , den sie dabei beweise , keine spätere Reue veranlassen ; denn sie wolle , daß alle Menschen glücklich seien und am meisten die Ihrigen , für die sie so viele Opfer schon gebracht . - Vom Großvater erzählte sie mir noch , das ganze Land habe ihm Unterstützung angeboten und er habe auf einem großen Fuß leben können , wenn er gewollt hätte , doch all diese Bezeichnungen , die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung ausgingen , habe er ausgeschlagen von den Reichen , aber von seinen Bauern , denen er noch vieles geholfen , habe er angenommen , was ihm nötig war ; denn , sagte er : » Das Scherflein der Witwe muß man nicht verschmähen . « - Sie hat mir noch manches zu erzählen versprochen von ihm , als ich so feurig danach war , so werd ich nächstens wieder zu ihr kommen . - Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor ihrem Tod noch schenken , ich hätte lieber den Briefwechsel gehabt . - Ich glaub , zu so etwas hätt ich Verstand , es einzuleiten und zu bereichern für den Druck , da wollt ich wohl noch viel hinzufügen , mir kommt immer nur der Verstand , wenn ich von andern angeregt werd , von selbst fällt mir nichts ein , aber wenn ich von andern großes Lebendiges wahrnehme , so fällt mir gleich alles dazu ein , als sei ich aus dem Traum geweckt , vielleicht könnt ich hierdurch dem Clemens ein Genüge leisten , der mich zu so manchem aufgefordert hat , was mich ganz tot läßt . Erfinden kann ich gar nichts . Aber ich weiß gewiß , wenn ich diese Briefe des Großpapa durchläse , es würde mir alles einleuchten , was dazu gehört , ich weiß noch so viel von ihm , und die Großmama würde mir noch manches erzählen , ich hab sie noch nie ordentlich ausgefragt , und besonders hab ich mich immer gescheut , sie über ihre religiösen Ansichten zu fragen , weil ich fürchtete , sie zu beleidigen , aber bei diesem Gespräch sagte sie von selbst : » Siehst du mein Kind , so trägt die goldne Au der Vergangenheit die Ähren , ohne welche so mancher an Geistesnahrung Hunger sterben müßte , und rund um uns , wo die Sonne ihren Lauf öffnet und wo sie ihn schließt , wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt , allenthalben keimen Blumen , deren vereinter Strauß uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts . So gehört die Vergangenheit zum Tag des Lebens . Sie ist die Wurzel des meinen . Dein Großvater war guter Mensch und guter Staatsbürger , er hat als solcher auf Fürsten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau . Eine Vergangenheit ist also nicht für das wahre Gute , es wirkt ohne Ende , es kommt aus dem Geist , wie dein Großvater sagte , und alles andre , was vergänglich ist , das ist auch geistlos . « - Es war Mittag , ich wär gern den ganzen Tag bei der Großmama geblieben , wenn man in Frankfurt gewußt hätte , wo ich war . - An der Gerbermühl