an abgelegnen Orten gelagert fanden , scharf befragt ; da aber seine Papiere in Richtigkeit waren , so ließ man ihn jederzeit frei durch . Eines Tages gesellte sich ein Fußwandrer zu ihm . Der Mann trug einen Rock , wie ihn Jahn vorschreibt , hinten zu , vorn offen , ging im bloßen Halse , mit langen herabwallenden blonden Locken ; aus dem offnen , treuherzigen Gesichte strahlten die schönsten blauen Augen . Anfangs war das Gespräch zwischen ihnen ziemlich unbedeutend , als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich in freien Scherzen erging , nahm es einen ernsthafteren Charakter an . Bald wurden die Verhältnisse besprochen , an welche die Unzufriedenheit in unsrem Vaterlande gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat . Hermann , der noch nicht gelernt hatte , sich zurückzuhalten , gab seine Meinungen zu vernehmen , und man tauschte gegeneinander die gefährlichsten Dinge aus . Plötzlich sah Hermann , daß der Fremde sich reckte , in die Ferne schaute , und zusammenfuhr . Er bemerkte , daß ein Mensch ihnen entgegenkam , dessen Rock und Kragen den Polizeidiener verriet . » Ich bin ein Landschaftszeichner ! « rief der Fremde eilfertig und ängstlich , » ich will doch von jenem Hügel die Gegend aufnehmen . « Mit diesen Worten sprang er in ein hohes , wallendes Kornfeld , und arbeitete sich mit reißender Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhöhe , hinter welcher er verschwand . Hermann hielt betroffen sein Pferd an . Der Polizeidiener kam herzu und fragte : » Wer war der Mensch , der ins Korn sprang ? « Hermann versetzte : » Er sagte , er sei ein Landschaftszeichner , und wolle die Gegend aufnehmen . « - » Der Teufel mag er sein , aber kein Landschaftszeichner ; ich glaube , daß ich den Kerl kenne « , murrte jener , und setzte , achtsam nach allen Seiten umherschauend , seinen Weg fort . Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stündchen an einen Erdrand , von welchem der Boden senkrecht in eine beträchtliche Tiefe abwich . Es war ihm , als höre er aus der Vertiefung pfeifen . Er bog sich über , und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrüpp und hohem Ginster wahr . Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen . Nicht ohne Mühe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter , wobei der Fremde ihm behülflich war . » Sie werden sich über mein Benehmen verwundert haben « , sagte dieser . » Allerdings « , versetzte Hermann . » Ich habe nie die Neigung zu den schönen Künsten so sprungartig hervortreten sehn . « » Ich sagte die Unwahrheit ! « rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer . » Vergeben Sie mir « , fügte er hinzu , indem er Hermann sanft die Hand drückte . » Sie sind ein edler Mensch , ich will mich Ihnen frei entdecken . Aber vor allen Dingen : wo speisen wir ? Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich heute wenigstens in keine menschliche Wohnung wagen . « Hermann sagte hierauf , daß , wenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle , der Not abzuhelfen sei . Er holte Getränk und Speise aus den Pistolenhulftern , und legte die Flasche zur Abkühlung in eine Quelle , die an dem Orte hervorsprudelte . Sie setzten sich beide am Fuße einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr gemeinsames Mahl , wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt , denn nur auf Hermanns dringendes Nötigen war er zu bewegen , mit diesem gradedurch zu teilen . Das Pferd graste lustig zwischen den Gesträuchen . Nachdem der Fremde sich gesättigt , und den Mund säuberlich abgewischt hatte , fing er plötzlich an , zu weinen , umschlang Hermanns Nacken und rief : » O Freund , Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus ! Was habe ich dir getan , mein Vaterland , daß du mich also verfolgst ? Warum dürfen die Füße deines wärmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten ? Die Schelme sitzen an der Tafel und prassen , und die Kinder des Hauses irren in der Wüste umher . « » Fassen Sie sich « , sagte Hermann , betroffen über diesen unerwarteten Auftritt , » und entdecken Sie mir , wer Sie sind . « » Ich bin ein politischer Flüchtling « , versetzte der Fremde . » Gequält , gehetzt von den Schergen der neununddreißig Tyrannen weiß ich oft nicht , wohin ich mein Haupt legen , wo ich den Bissen für meinen Mund gewinnen soll . Jetzt ist mir Österreich vor allen auf der Spur , denn unter seinen Fäusten litt ich zuletzt . Und was habe ich getan ? Ich liebte Deutschland . Was ist meine Schuld ? Ich wollte die Enkel Hermanns , vor denen Roms Legionen zitterten , aus ihrer unseligen Zerissenheit , aus dem jammervollen Schlafe der Schmach , in den sie versunken sind , emporrütteln helfen . Das Mark unsrer Brüder wird von seidnen Knechten ausgesogen , wer , der ein Herz hat , kann es mit ansehn , ohne sich zu rühren ? « Hermann antwortete , nicht ohne Mitleid : » Obgleich ich ungeachtet meiner vorigen Scherze die auflösenden Gesinnungen nicht teile , welche diesen Reden zum Grunde liegen , so weiß ich doch die Stimmung sehr wohl zu würdigen , aus welcher sie entstehen mußten . Kann es Sie erleichtern , so erzählen Sie mir Ihre Geschichte , und seien Sie versichert , daß ich nichts dagegen habe , wenn Sie das Meinige , wie das Ihrige betrachten . « » Ist es so ? « rief der Fremde mit einem feurigen Blicke . » Wohl mir , ich habe wieder einen Edeln gefunden ! Nein , Teuts Volk kann nicht untergehn , in dem so viel Milde und Kraft sich paart . Sind wir nicht die einzigen , die in ihren uralten Sitzen unvermischt blieben ? O