im Stande , sich aufrecht zu erhalten , wollte sie die Freundin unterstützen , welche eben anfing , sich von selbst zu erholen , doch indem sie sich zu ihr beugte , fiel ihr Blick auf Luisens Befreier . Diesen hatten die Jäger unterdessen unter seinem Pferde hervorgezogen und er saß mit Blut bedeckt geduldig da , den Rücken an einen Baum gelehnt , von ihm zu Hülfe Eilenden umringt . » Oskar , « schrie sie mit dem tonlosen Schrei des höchsten Entsetzens . » Oskar , o stirb nicht , stirb nicht mein Bruder ohne mich ! « Sie warf sich neben ihm in das mit seinem Blute benetzte Gras , zerriß ihr Kleid , um die Kopfwunde zu verbinden , aus der das Blut sein Gesicht überströmte , umschlang ihn mit ihren Armen und zuckte erschrocken zusammen , da sie gewahrte , wie weh die leiseste Berührung ihm that , während er mit halberstorbener Lippe sie zu beruhigen suchte und ihr versicherte , daß er sich durchaus nicht gefährlich verwundet fühle . Die Scene , welche jetzt erfolgte , läßt sich nicht beschreiben . Freude , Schmerz , Erstaunen , Dankbarkeit , bewegten jede Brust und äußerten sich auf tausendfältige Weise . Luise hatte sich indessen vollkommen wieder erholt , stumm und bleich wie eine Bildsäule kniete sie mit gefaltenen Händen neben dem Verwundeten , den starren Blick so fest auf ihn geheftet , als wäre außer ihm die ganze Welt ihr verschwunden . Albert lag zu seinen Füßen , Thränen überströmten sein Gesicht . » Engel , zur Rettung eines Engels vom Himmel gesandt , « sprach er , » wie soll ich Dir danken ! wie Dich nur nennen , der , selbst wehrlos , mit unerhörtem Heldenmuthe sich für eine ihm ganz Unbekannte dem gräßlichsten Tode entgegenstürzte ! « - » Ich sah Frauen in Gefahr , da galt kein Bedenken , ich konnte nicht anders , « erwiederte Oskar mit schmerzlichem Lächeln und kaum hörbarem Ton . Die Jäger hatten indessen unter Meinaus Leitung aus Tannenzweigen eine Art von Trage zusammengezimmert und mit weichem Moose bedeckt , auf welche der Verwundete freilich unter großen Schmerzen gelegt ward , um ihn nach Leuenstein zu bringen . Alle Männer wetteiferten untereinander , ihn abwechselnd auf den Schultern zu tragen , Luise und Frau von Meinau gingen neben her , ihn zu unterstützen ; so kam langsam , einem Leichenbegängnisse ähnlich , der Zug im Schlosse an , der am Morgen unter Hörnerschall fröhlich ausgegangen war . Zum Glück konnte Oskar sogleich die nöthige ärztliche Hülfe erhalten , denn Meinau hatte Besonnenheit genug gehabt , um gleich im ersten Augenblick einen reitenden Boten nach einem ziemlich geschickten Wundarzte , der in der Nähe wohnte , auszuschicken . Diesen fanden die Ankommenden schon im Schlosse vor und sein Ausspruch nach dem ersten Verbande gab wenigstens Beruhigung . Weder die Kopfwunde noch die übrigen Verletzungen , die Oskar beim Sturze mit dem Pferde erlitten , drohten die mindeste Gefahr für sein Leben ; doch freilich war der linke Arm zerbrochen , der rechte verrenkt , die Schmerzen welche er litt waren groß , und Monate mußten wahrscheinlich darüber hingehen , ehe es ihm möglich werden durfte , das Schloß zu verlassen , um sich zu seiner Schwester zu begeben . Dieser , wenn gleich an sich traurige , doch auch in andrer Hinsicht tröstliche Ausspruch eines als geschickt anerkannten Arztes , beruhigte Alle ; selbst Frau von Meinau vergaß einigermaßen über die Erhaltung ihrer Freundin den Schmerz , den geliebten Bruder nach jahrelanger Trennung so wieder finden zu müssen ; nur Albert wollte es kaum wagen in seinem Herzen der Hoffnung Raum zu gewähren . Die Gräßlichkeit der Gefahr , in welcher er seine Luise gesehen hatte , schwebte unabläßlich in furchtbarer Deutlichkeit vor seiner aufgeregten Phantasie , sein eignes Leben schien ihm jetzt an dem ihres heldenmüthigen Befreiers zu hängen , und er wußte sich vor den entsetzlichen Bildern , die ihn stündlich verfolgten , nicht anders zu retten , als daß er , stets bedacht für Oskars Erhaltung zu sorgen , auch Luisen ermahnte , der Erfüllung dieser heiligen Pflicht sich ausschließlich zu weihen . In Luisens weicher Seele steigerte sich nur zu leicht der Enthusiasmus der Dankbarkeit bis zur Leidenschaft hinauf , ja man könnte sagen , daß diese die einzige Leidenschaft sey , welche sie bis dahin wahr und wirklich empfunden hatte . Bernhard erweckte sie zuerst in ihr , aber seine höhere Natur hielt sie ab , ihn anders als aus der Ferne zu verehren . Oskar hingegen stand ihr weit näher und daß er als Kranker stets ihres Beistandes bedurfte , machte ihn ihr mit jedem Tage noch werther . Sie verließ ihn so selten als möglich und wachte über ihn wie eine Mutter über den Liebling ihres Herzens . So lange er durch den Verband gehindert wurde , sich seiner Hände bedienen zu können , suchte sie mit unglaublicher Aufmerksamkeit auch den kleinsten seiner Wünsche zuvorzukommen , und hiedurch sowohl als durch tausend andere Zufälligkeiten , wie sie das häusliche Leben mit sich führt , entstand zwischen beiden ein zartes , namenloses Verhältniß , dem sie sich hingaben , ohne weiter darüber zu denken . Ueberdem wurde Frau von Meinau durch ihre häuslichen Pflichten oft abgehalten , sich der Pflege ihres Bruders so anzunehmen , wie sie es wohl gewünscht hätte , und so blieb diese Sorge Luisen größtentheils allein überlassen . Oskars ungeschwächte Jugendkraft beförderte seine Genesung ; er durfte weit früher als man gehofft hatte es wagen , sein Lager und bald auch sein Zimmer zu verlassen und entwickelte nun auch im häuslichen Beisammenseyn die liebenswürdigsten Eigenschaften . Schon seine männlich schöne Gestalt mußte auf den ersten Anblick für ihn einnehmen . Die zwar nicht regelmäßig schönen , aber ausdruckvollen Züge seines sehr angenehmen Gesichts waren der treuste Spiegel jeder Regung seines Gemüths , dabei trug sein ganzes Wesen einen Anstrich von Ritterlichkeit , der ihm außerordentlich gut stand