waren für Julien die Worte der Prinzessin , sie griff nach Hut und Shawl . » Du willst , « rief die Prinzessin , » du willst mich verlassen , meine süße Freundin ? - Bleibe - bleibe - tröste mich , wenn du kannst ! - Unheimliches Grauen geht durch diese Säle , durch den Park ! denn wisse - « Damit führte Hedwiga Julien an das Fenster , zeigte nach dem Pavillon hin , in dem der Adjutant des Prinzen Hektor gewohnt hatte , und begann mit dumpfer Stimme : » Schau ' dort hin , Julia , jene Mauern verbergen ein bedrohliches Geheimnis ; der Kastellan , die Gärtner beteuern , daß seit der Abreise des Prinzen niemand dort wohne , daß die Türe fest verschlossen , und doch - O schau ' nur hin - Schau ' nur hin ! - siehst du es nicht , am Fenster ? « In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster , das in dem Giebel des Pavillons angebracht war , eine dunkle Gestalt , die in demselben Augenblick wieder schnell verschwand . Hier dürfe , meinte Julia , indem sie fühlte , wie Hedwigas Hand krampfhaft in der ihrigen bebte , von einem bedrohlichen Geheimnis oder gar von etwas Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein , da es nur zu leicht möglich , daß irgend jemand von der Dienerschaft den leeren Pavillon unbefugterweise benutze . Der Pavillon könne ja augenblicklich durchsucht und so auf der Stelle aufgeklärt werden , was es mit der Gestalt , die sich am Fenster blicken lasse , für eine Bewandtnis habe ; die Prinzessin versicherte aber dagegen , daß der alte treue Kastellan dies längst auf ihren Wunsch getan und beteuert , daß er in dem ganzen Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden . » Laß es , « sprach die Prinzessin , » laß es dir erzählen , was sich vor drei Nächten begab ! - Du weißt , daß mich oft der Schlaf flieht , und daß ich dann aufzustehen und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege , bis mich eine Müdigkeit überfällt , der ich mich überlasse und es wirklich zum Einschlafen bringe . So geschah es , daß mich vor drei Nächten Schlaflosigkeit in dies Zimmer trieb . Plötzlich zitterte der Widerschein eines Lichts an der Wand vorüber , ich schaute durch das Fenster und gewahrte vier Männer , von denen einer eine Blendlaterne trug , und die in der Gegend des Pavillons verschwanden , ohne daß ich bemerken konnte , ob sie wirklich hineingingen in den Pavillon . Nicht lange dauerte es aber , so wurde eben jenes Fenster hell , und Schatten huschten inwendig hin und her . Dann wurde es wieder finster , aber durch das Gebüsch strahlte nun bald ein blendender Schimmer , der aus der Türe des geöffneten Pavillons kommen mußte . Immer mehr näherte sich der Schein , bis endlich aus dem Gebüsch ein Benediktinermönch hinaustrat , der in der linken Hand eine Fackel , in der rechten aber ein Kruzifix trug . Ihm folgten vier Männer , eine mit schwarzen Tüchern behängte Bahre auf den Schultern . Nur einige Schritte waren sie gezogen , als ihnen eine in einen weiten Mantel eingehüllte Gestalt entgegentrat . Sie standen still , setzten die Bahre nieder , die Gestalt zog die Tücher weg , und ein Leichnam wurde sichtbar . Mir wollten die Sinne vergehn , kaum gewahrte ich noch , daß die Männer die Bahre aufhoben und dem Mönch schnell nacheilten auf dem breiten Seitenwege , der bald zum Park hinausführt auf die Straße nach der Abtei Kanzheim . Seit dieser Zeit läßt sich jene Gestalt am Fenster sehen , und vielleicht ist es der Spuk eines Ermordeten , der mich ängstigt . « Julia war geneigt , den ganzen Vorgang , wie ihn Hedwiga erzählte , für einen Traum oder , stand sie in der Tat wach am Fenster , für das täuschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten . Wer sollte , wer konnte der Tote sein , den man unter solchen geheimnisvollen Umständen aus dem Pavillon forttrug , da niemand vermißt worden , und wer mochte daran glauben , daß dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung , aus der man ihn fortgebracht ? Julia äußerte dieses alles der Prinzessin und fügte noch hinzu , daß jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf optischer Illusion beruhen , auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers , Meister Abraham , sein könne , der ja oft sein Wesen treibe mit solchem Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen gegeben habe . » Wie , « sprach die Prinzessin , die ihre ganze Fassung wieder gewonnen , sanft lächelnd , » wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist , geschieht das Wunderbare , Übernatürliche ! - Was den Toten betrifft , so vergissest du das , was sich in dem Park begab , ehe Kreisler uns verließ . « - » Um Gott , « rief Julia , » sollte denn wirklich eine gräßliche Tat begangen sein ? - Wer ? - von wem ? « » Du weißt , « fuhr Hedwiga fort , » du weißt ja , Mädchen , daß Kreisler lebt . - Aber auch er lebt , der in Liebe ist zu dir - Sieh mich nicht so erschrocken an ! - Solltest du das nicht längst ahnen , was ich dir sagen muß , damit dir es klar werde , was , länger verborgen , dich verderben könnte ? - Prinz Hektor liebt dich , dich , Julia , mit all der wilden Leidenschaft , die seiner Nation eigen . Ich war , ich bin seine Braut , du aber , Julia , bist seine Geliebte . « Die letzten Worte betonte die Prinzessin auf eine eigne scharfe Weise , ohne übrigens jenen besonderen Akzent hineinzulegen , der dem Gefühl innerer Kränkung eigen .