In diesen Zauber ließ sie die Töne wie Nachtigallen aus ihren Händen fliegen - die Töne wurden Albano wie von einem Sturme bald heller , bald matter zugetrieben - er stand vor ihr mit gefalteten Händen wie betend und ruhte mit tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt . - Einmal hob sie das heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf , aber sie schlug es schnell vor dem Sonnenblick des seinigen nieder . Nun deckten die großen Augenlider unbeweglich die süßen Blicke zu und gaben ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit - sie schien eine weiße Maiblume auf winterlichem Boden , die das Blütenglöckchen senkt - sie war eine sterbende Heilige in der Andacht der Harmonie , die sie mehr hörte als machte - nur die rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens , als eine letzte Rose mit , die den eilenden Engel schmückt o konnt ' er dieses Beten der Tonkunst stören mit seinem Wort ? - Mit immer engern Kreisen faßten ihn die magnetischen Wirbel der Töne und der Liebe an . - Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der stechenden Sonne sein Herz aufleckte - und da die Blitze der Leidenschaft über sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Höhlen der Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick zusammenfaßte : so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen , und sie blickte heiter auf , um sie fallen zu lassen - da riß Albano die Hand aus den Tönen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner Sehnsucht : » Gott , Liane ! « - Sie zitterte , sie errötete , sie sah ihn an und wußte nicht , daß sie fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte . - » Nein , Albano , nein ! « sagte sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhüllte sich - erschrak über den Stillstand der Töne - und ermannte sich und ließ sie wieder langsam strömen und sagte mit zitternder Stimme : , » Sie sind ein edler Mensch - Sie sind wie mein Karl , aber ebenso heftig . - Nur eine Bitte ! - Ich verlasse die Stadt eine Zeitlang « ..... Sein Erschrecken darüber wurde Entzückung , als sie den Ort bestimmte , sein Blumenbühl . Sie fuhr mühsam fort vor dem Erfreueten - ihre Hand lag oft lange auf der Dissonanz im Vergessen der Auflösung - - ihre Augen schimmerten feuchter , ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende : » Sein Sie meinem Bruder , der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen , o sein Sie ihm alles ! Meine Mutter erkennt Ihren Einfluß - Ziehen Sie ihn - ich sag ' es heraus - besonders vom hohen Spiele ab ! « Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern , als Rabette mit der fast unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte , daß die Mutter komme . Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen . Albano trennte sich mit abgebrochnen Reise-Wünschen von dem Paare und vergaß im Sturm , Rabettens Bitte um Besuche zu bejahen . Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brüderlichen Scheiden zu . Indem er durch die Fülle der Jahrs-Zeit eilte , dacht ' er an die reiche Zukunft , an Lianens Stammeln und Verhüllen : brauchen nicht schöne weibliche Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flügel zum Erheben , aber vier zum Verhüllen ? - Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen , aber überall leuchtete es auf seiner weiten Fläche , und Funken tropften vom Ruder . 63. Zykel Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein trübes Gewölke . Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern dahin . Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen Herzen auf- das ist offenbar . Bis hieher bogen mancherlei Zufälle einige Blumen , die Liane verhüllend über das Herz gezogen , wie die Erdstockwerke in Städten durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren , von der dunkelsten Ecke des Hintergrundes weg , in der etwan die Rückseite eines Brustbildes hing , das umgedreht vielleicht dem Grafen glich . Aber noch hängt das Bild mit dem Gesichte gegen die Wand . - Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor : der geschickte Steinmetz tut tausend Schläge , ohne daß der parische Block nur in die Linie eines Sprunges reiße ; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die Form , die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte . Am Sonnabend , wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbühl abreisen wollten , um das Begraben und Einweihen anzusehen , kam der Hauptmann nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten für Lianen zwar nicht die Flügel , aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen- , sondern auch voll Angst zum Grafen .... Aber ihr Musen ! warum sind in der poetischen Welt alle die Begebnisse selten so vielfach motiviert als häufig in der wirklichen ? ... Seine Angst war bloß die , daß sein Vater früher anfahre als seine Mutter ab - denn er kannte den Minister . Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags , Dienstags ( spätestens am Sonnabend ) anlangen ; allein dies konnte - da Froulay gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen ließ - noch gewisser drohen , daß er - weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh bloß in der Hoffnung ausschlug und kam , seine Leute über irgend etwas recht Häßlichem zu ertappen - in jeder Minute zum Hoftore hereinjage . Kam er angejagt , an diesem Vormittage oder in der Minute , wo der Bediente die Tochter in den Wagen hob und die Mutter schon darin saß : so war so viel durch tausend Schlüsse aus der Observanz gewiß , daß