wen preisgegeben ! Wer hatte die Niederlage jenes Corps verschuldet , das ungewarnt , ohne jede Deckung , einem Angriffe , ausgesetzt war , gegen den es sich durch die Vorhut des Fürsten Baratowski gesichert glaubte ? Waldemar raffte seine ganze Fassung zusammen . » Woher haben Sie die Nachrichten ? Sind sie zuverlässig , nicht bloß Gerüchte ? « » Der Haushofmeister Pawlick brachte sie mir , « erklärte der Administrator . » Er ist drüben – « » Bei Ihnen ? Und Ihnen bringt er die Nachricht , während er weiß , daß ich hier seit Stunden auf seine Rückkehr harre ? Weshalb kommt er nicht ins Schloß ? « Franks Auge suchte wieder den Boden . » Er wagt es nicht – die Frau Fürstin , die junge Gräfin hätten am Fenster sein können ; sie müssen doch erst vorbereitet werden – Pawlick ist nicht allein , Herr Nordeck . « » Was ist geschehen ? « brach Waldemar ahnend aus . » Mein Bruder – « » Fürst Baratowski ist gefallen , « sagte der Administrator leise , » Pawlick bringt die Leiche . « – Waldemar schwieg . Er legte nur einige Sekunden lang die Hand über die Augen , dann raffte er sich gewaltsam auf und eilte hinüber nach dem Gutshofe , Frank ihm nach . Drüben im Hause des letzteren trat ihnen Pawlick entgegen . Er blickte scheu zu seinem Herrn auf , den er , der treu ergebene Diener der Fürstin , als Feind zu betrachten gewohnt war , aber der Ausdruck Nordecks zeigte ihm , was ihm schon der heutige Morgen gezeigt hatte , daß es nur noch der Bruder seines jungen Gebieters sei , der jetzt vor ihm stand , und da brach die Fassung des alten Mannes zusammen . » Unsre Fürstin ! « jammerte er , » sie wird es nicht überleben und Gräfin Wanda auch nicht . « » Sie haben den Fürsten also nicht mehr erreicht ? « fragte Waldemar . » Doch , « berichtete Pawlick mit halb gebrochener Stimme . » Ich holte ihn noch rechtzeitig ein und überbrachte ihm die Warnung . Er wollte nicht darauf hören , wollte trotz alledem den Uebergang versuchen ; er meinte , das Waldesdickicht werde ihn schützen . Ich bat ; ich lag auf den Knieen vor ihm und fragte ihn , ob er sich denn von den Grenzposten niederschießen lassen wolle , wie ein gehetztes Wild . Das half endlich . Er willigte ein , zu warten bis zum Abend . Wir überlegten eben , ob wir die Einkehr in die Försterei wagen dürften , da begegnete uns – « » Wer ? Eine Patrouille ? « » Nein , der Pächter von Janowo . Von dem war kein Verrat zu besorgen ; er hat von jeher zu uns gehalten . Er hatte Vorspanndienste bei den Truppen leisten müssen und kam nun zurück von der Grenze . Bei der Gelegenheit hatte er gehört , was man sich dort erzählte , drüben bei W. sei es heute zum Kampfe gekommen , und der sei noch jetzt nicht entschieden , das Morynskische Corps wehre sich verzweifelt gegen einen Ueberfall . Da war es aus mit der Vernunft und Besinnung unsres jungen Fürsten ; er hatte nur den einen Gedanken noch , nach W. hinüber zu kommen und sich mit in den Kampf zu werfen . Wir konnten ihn nicht halten – er hörte auf keinen mehr . Eine halbe Stunde war er fort , da hörten wir Schüsse fallen , erst zwei rasch hintereinander , dann ein halbes Dutzend auf einmal , und dann – « Der alte Mann konnte nicht weiter reden ; die Stimme versagte ihm , und ein heisser Tränenstrom stürzte aus einen Augen . » Ich habe die Leiche mitgebracht , « sagte er nach einer Pause . » Der Herr Rittmeister , der gestern hier im Schlosse war , hat es mir ausgewirkt von denen da drüben . Mit dem Toten konnten sie ja doch nichts mehr anfangen . Aber ich wagte nicht , mit ihm ins Schloß zu kommen . Wir haben ihn einstweilen dort niedergelegt . « Er wies nach dem gegenüberliegenden Zimmer , Waldemar gab ihm und dem Administrator einen Wink zurückzubleiben und trat allein in das bezeichnete Gemach . Grau und trübe fiel das schon im Schwinden begriffene Tageslicht herein und auf die leblos hingestreckte Gestalt des jungen Fürsten . Schweigend stand der Bruder an der Leiche . Das schöne Antlitz , das er so strahlend von Leben und Glück gesehen hatte , war jetzt starr und kalt ; die flammenden dunkeln Augen waren geschlossen , und die Brust , die so hoch aufschwoll von Freiheits- und Zukunftsträumen , trug jetzt die Todeswunde . Was das heiße , wilde Blut des Jünglings verbrochen , das hatte auch das Blut gesühnt , das aus der zerschossenen Brust quoll ; es rötete in unheimlich dunkeln Flecken die Kleidung . Noch vor wenig Stunden stürmten in dieser nun entseelten Hülle alle Leidenschaften der Jugend , Haß und Liebe , Eifersucht und Rachegedanken , Verzweiflung über die eigene nicht gewollte That mit ihren entsetzlichen Folgen – jetzt war das alles vorbei , erstarrt in der eisigen Ruhe des Todes . Nur eines stand noch auf dem stillen , bleichen Antlitz , stand so fest darin ausgeprägt , als sei es eingegraben für ewig , jener Zug bitteren Schmerzes , der um die Lippen des Sohnes zuckte , als seine Mutter ihm das letzte Lebewohl verweigerte , als sie ihn ohne ein Wort der Verzeihung , des Abschiedes von ihrer verschlossenen Thür gehen ließ . Alles andre sank mit dem Leben zusammen . Dieses Weh hatte Leo Baratowski mit hinübergenommen in den Todeskampf , in den letzten Schimmer des Bewußtseins – selbst der Schleier des Grabes vermochte es nicht zu decken . Waldemar verließ das Gemach , stumm und düster , wie er es betreten hatte , aber als er den draußen Harrenden entgegentrat