Gute Nacht ! “ sagte Gabriele ahnungslos , ihm die Hand reichend . „ Wir sehen uns ja morgen wieder . “ „ Morgen ! “ wiederholte Raven schwer . „ Ja , gewiß . “ Er hob sanft das Haupt des jungen Mädchens empor , so daß es voll von dem Lichte der herabhängenden Lampe beleuchtet wurde , und sah lange in das holde Antlitz , das jetzt wieder von dem rosigen Hauche des Glückes unflossen war , in die klaren , sonnigen Augen – so lange und tief , als wolle er dieses Bild für ewig festhalten . Dann beugte er sich nieder und küßte sie . „ Lebe wohl , meine Gabriele – gute Nacht ! “ Gabriele entzog sich leise seinen Armen und ging . Auf der Schwelle ihres Zimmers blieb sie noch einmal stehen und warf einen letzten Gruß zurück ; dann schloß sich die Thür hinter ihr . Arno stand regungslos und blickte auf die Stelle , wo sein „ Sonnenstrahl “ verschwunden war . Seine Stimme bebte , als er halblaut sagte : „ Armes Kind , wie wirst Du erwachen ! “ Der nächste Tag begann mit einem trüben , dichtverschleierten Nebelmorgen , wie ihn der Spätherbst häufig bringt . Es war noch sehr früh , und draußen war es eben erst hell geworden , als Oberst Wilten das Schloß betrat . Er kam zu Fuße und wurde von einem Diener , der bereits Weisung erhalten hatte , sofort in das Zimmer des Freiherrn geführt . Gleich darauf erschien dieser selbst . Er war bereits fertig , aber in seinen Zügen deutete auch nicht die leiseste Spur auf eine unruhige oder durchwachte Nacht hin . Er hatte in der That tief und fest geschlafen , bis zu dem Augenblicke , wo sein Diener ihn weckte , und begrüßte jetzt mit ruhigem Ernst den Oberst . Man wechselte einige Bemerkungen über den Nebel , über die Fahrt , über Ort und Stunde der verabredeten Zusammenkunft . Dann zog Raven den Schlüssel zu seinem Schreibtische hervor und übergab ihn dem Oberst . „ Ich möchte Sie ersuchen , für den Fall meines Todes die ersten und nothwendigsten Anordnungen zu übernehmen , “ sagte er . „ Meine Papiere sind geordnet . Dort in jenem Fache liegt mein Testament nebst einigen persönlichen Verfügungen , die ich gestern noch getroffen habe . Sie werden dort auch einen Brief finden , den ich bitte , unverzüglich an seine Adresse – Doctor Rudolph Brunnow – zu befördern . “ „ An Ihren Gegner ? “ fragte Wilten , auf ’ s Aeußerste befremdet . „ Ja . Es handelt sich um eine Erklärung , die ich ihm schuldig bin , die ich ihm aber unmöglich vor dem Duell geben konnte . Er findet sie in jenem Schreiben . Und nun noch Eins ! – “ der Freiherr hielt einen Augenblick inne und zog dann langsam einen zweiten Brief aus seiner Brusttasche hervor . „ Diese Zeilen sind für mein Mündel , Gabriele von Harder , bestimmt . Ich möchte aber nicht , daß sie den Brief unvorbereitet empfängt oder unvorbereitet von einem – Unglück hört ; sie würde tödtlich erschrecken . Ich bitte Sie daher , den Brief selbst in ihre Hände zu geben , aber dabei mit Vorsicht zu Werke zu gehen – mit der äußersten Vorsicht . Ein so zartes junges Wesen , wie Gabriele , bedarf der Schonung . Wenn die Nachricht sie jäh und plötzlich träfe , könnte sie ihr erliegen . “ Wilten verbarg mit Mühe seine Ueberraschung bei diesen Worten , die ein halbes Geständniß enthielten . Es begann ihm jetzt klar zu werden , weshalb sein Sohn eine Abweisung erhalten hatte . „ Ich habe also Ihr Versprechen ? “ fragte der Freiherr . „ Für den Fall Ihres Todes wird Baroneß Harder den Brief nur aus meinen Händen empfangen , und ich selbst werde ihr so schonend wie möglich die Nachricht überbringen . Mein Wort darauf ! “ „ Ich danke Ihnen , “ sagte Raven sichtlich erleichtert . „ Und nun werden wir wohl aufbrechen müssen . Mein Wagen hält bereits unten . Darf ich Sie bitten , allein voraus zu fahren und an der Rückseite des Schloßberges halten zu lassen ? Ich möchte bei diesem frühen Aufbruche jedes Aufsehen vermeiden und deshalb nicht am Hauptportal einsteigen . Ich komme durch den Schloßgarten . “ Oberst Wilten fand diese Anordnung ein wenig seltsam , fügte sich aber schweigend . Raven klingelte nach Hut und Mantel , und nachdem der Diener ihm beides gebracht hatte , verließen die beiden Herren das Zimmer , um sich erst unten an der Treppe zu trennen . Als der Freiherr über den Schloßhof schritt , begegnete er dem Hofrath Moser , der soeben aus seiner Wohnung kam und sehr verwundert aussah , als er seinen Chef zu so ungewohnter Stunde erblickte . Raven blieb stehen . „ Sieh da , Herr Hofrath ! Wollen Sie so früh schon ausgehen ? “ „ Ich sah nur nach dem Wetter , “ erklärte der Hofrath . „ Ich pflege sonst täglich einen Morgenspaziergang zu unternehmen , aber bei diesem kalten , feuchten Nebel ziehe ich es doch vor , zu Hause zu bleiben “ „ Da thun Sie recht , “ meinte der Freiherr . „ Das Wetter ist nicht einladend . “ „ Und Excellenz wollen doch ausgehen ? “ fragte Moser . „ Ich habe einen nothwendigen Gang , der sich nicht aufschieben läßt . Adieu , lieber Hofrath ! “ Damit reichte der Freiherr ihm die Hand , die der alte Herr bestürzt und ehrfurchtsvoll ergriff . Er hatte zwar von seinem Chef schon viele Beweise des Wohlwollens , aber noch kein einziges Zeichen der Vertraulichkeit erhalten . Diese ungewohnte Freundlichkeit ermuthigte den Hofrath zu einer Aeußerung , die er schon lange auf dem Herzen hatte . „ Wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte , “ begann er schüchtern . „ Man