Er wollte mit allen Zeichen der Entrüstung an ihr vorübergehen . Sie vertrat ihm den Weg . “ Mein Gott , wie Du das tragisch nimmst ! Ich bemühe mich ja nur , auf Deine kleine Komödie einzugehen . Also in einen Federkrieg willst Du Dich mit mir einlassen ? Lieber Leo , da ziehst Du denn Kürzeren – darauf verlasse Dich ! – magst Du auch noch so viel epochenmachende medizinische Broschüren in die Welt geschickt haben . Das übermüthige Lächeln , das ihre Versicherung begleitete , erstarb ihr auf den Lippen , ein so eisig finsterer , zurückweisender Blick begegnete dem ihren . Jetzt dämmerte allmählich die Ahnung in ihr aus , es könne ihm doch wohl Ernst , bitterer Ernst sein – nicht mit seiner fingierten Liebe für “ die Jüngste ” – die war nun einmal nicht denkbar – wohl aber mit dem Entschlusse , bei aller Leidenschaft für sie , doch lieber in der letzten Stunde noch mit der kapriziösen Braut zu brechen als sich zeitlebens der “ Feuerprobe ” zu unterwerfen . Sie bereute ihr Vorgehen , und dennoch siegte der wilde Trotz , der beispiellose Uebermut in ihr . “ So gehe ! ” sagte sie rasch zur Seite tretend . “ Solche Blicke , wie Du mir eben zugeworfen hast , vertrage ich nicht . Gehe – ich rühre nicht einen Finger , Dich zu halten . Sie brach in ein schneidendes Hohngelächter aus . “ O Männercharakter , viel berühmter und besungener ! Es hat eine Zeit gegeben , wo ich fast aus den Knieen um meine Freiheit gebettelt habe ; man war würdelos genug , die widerstrebende Braut um so fester in Ketten zu legen . Da sieh , und lerne von mir , was in solchen Momenten selbst für ‘ die schwache , eitle Frauenseele ’ einzig und allein maßgebend ist : der Stolz – “ “ Es war auch Stolz , der mich damals unerbittlich bleiben ließ , unbändiger Stolz , wenn auch ein ganz anderer , als das Gemisch von Trotz und Grimm , das Du als solchen bezeichnest , ” unterbrach er sie mit maßvoller Ruhe , obgleich , die letzte Spur von Farbe aus seinen Wangen gewichen war . “ Ich bekenne mich ja dazu , schwer gefehlt zu haben ; ich werde Dich , wie bereits gesagt , mit keiner Vertheidigung behelligen , die Andere auch nur entfernt der Mitschuld bezichtigen könnte . . . . Der Impuls meiner damaligen Handlungsweise war das Pochen auf die eigene Kraft , auf den Manneswillen , der mit allen Gefühlsausschreitungen der Seele fertig werden müsse , wie ich wähnte . Ich gab Dir Dein Wort nicht zurück , weil ich gewohnt war , das meine , einmal gegeben , in allen Lebenslagen als unverbrüchlich bis in alle Ewigleit anzusehen ; von dem Standpunkte aus erschien mir unser Verlöbniß so unlösbar , wie dem Katholiken die Ehe . . . . Ich leugne nicht , daß auch der Rest studentischer Ehrbegriffe in mir nachwirkte . An jenem Abende habe ich Dir diesen einen Beweggrund ausgesprochen und ich muß ihn auch jetzt noch einmal betonen . . . Ich wollte nicht in die Schaar Derer zurücktreten , die an Delnem Slegeswagen gezogen und dann mit Eklat entlassen worden waren ; ich wiederhole , daß ich diese Anschaunng jetzt als jugendlich unreif verwerfe , weil in solchen Fällen nicht die Ehre des Mannes , sondern die der Frau kompromittiert ist . Sie wandte ihm mit einem zornflammenden Blicke den Rücken und ließ ihre Finger in leisem , unregelmäßigem Getrommel auf der Tischplatte spielen . “ Ich habe Dir nie verschwiegen , daß meine Hand unzählige Male begehrt und erstrebt worden ist , ehe ich mich mit Dir verlobte , sagte sie stolz nachlässig , ohne auch nur den Kopf in der Richtung nach ihm zu bewegen . “ Du so wenig , wie alle meine Bekannten , ” fiel er ein . “ Du darfst aber nicht vergessen , daß Du das unnahbare Ideal meiner Jugend gewesen bist . Auf der Universität und noch im letzten Feldzuge hat mich der Gedanke angespornt , daß das stolze Herz der Vielumworbenen sich noch Keinem zugeneigt , daß es den hoch beglücken müsse , der es erringe - er unterbrach sich - er durfte und wollte sich nicht auf ihre Koketterie beziehen ; er verschmähte alle , auch die begründetsten Vorwürfe als Hülfstruppen . “ Und möchtest Du dem entgegen behaupten , ich hätte auch nur Einen aus dem Troß dieser unvermeidlichen Anbeter geliebt ? ” brauste sie auf . “ Geliebt ? Nein , Flora , Keinen von Allen – auch mich nicht , ” rief er , doch wieder fortgerissen . “ Geliebt hast Du stets nur die unvergleichliche Schönheit , die gesellschaftliche Tonrnüre , den vielbewunderten Esprit , den künftigen Ruhm der gefeierten Flora Mangold . ” “ Sieh , sieh – die Schmeichelei des Liebenden habe ich stets auf Deinen Lippen schmerzlich vermißt ; selbst beim bräutlichen Kosen hast Du nie einen bezeichnenden Schmeichelnamen für mich gefunden – und jetzt , in der Erbitterung zeigst Du mir ein Spiegelbild , mit welchem ich wohl zufrieden sein kann . ” Er errötete wie ein Mädchen . Es war lange her , daß er den schönen Mund dort nicht mehr geküßt , und doch meinte er , daß es überhaupt geschehen , sei eine Versündigung an der Anderen , die , rein und unberührt an Leib und Seele , sein Frauenideal erst jetzt verwirklichte . Er entzog unwillkürlich sein Gesicht den Augen , die ihn mit einem heimlich lachenden Ausdrucke fixierten , und sah hinaus in den Garten . Ah , sie hatte ihn im richtigen Moment an schöne Zeiten erinnert – jetzt hatte sie gewonnenes Spiel . “ Leo , bist Du wirklich zu mir gekommen , um hart mit mir zu verfahren , um mich anzuklagen ? ” fragte sie , rasch zu ihm tretend - sie legte ihre