unsere geistige Speise derb und unschmackhaft verab ­ reichen und genießen ? Diese Barbareien haben wir , Gott sei Dank , mit unseren veredelten Formen ab ­ gestreift . “ „ Sie haben von dem Standpunkte der Gesellschaft aus vollkommen Recht — Frau Gräfin ! Nur wun ­ dert es mich , daß Sie mit solcher Wärme die For ­ men verteidigen , während Sie die Form so gering ­ schätzen . “ Eine dunkle Röte stieg in dem Gesicht der Wor ­ ronska auf . Aber mit ihrem Groll wuchs ihr Vor ­ satz , sich dieser Feindin zu bemächtigen , wenn sie auch ihr Übergewicht mit wachsender Verwunderung erkannte . „ Ja , Sie sprechen es aus , ich liebe die Formen , weil sie uns angenehm , hilfreich und dienstbar sind . Ich hasse die Form , weil sie uns beherrschen will und Sie haben unter der Form die Sitte gemeint — ich verstand Sie wohl . Ja denn ! Ja — ich liebe die Sitten , weil sie das Leben ästhetisch schöner , den Verkehr gefälliger machen , aber ich verabscheue das , was man Sitte nennt . Als ich meinen ersten Gatten in der Verzweiflung über seine Tyrannei und im Abscheu vor seiner Gemeinheit heimlich verließ und mit Lebensgefahr über die nur halbgefrorene Newa zu meinem Vater flüchtete , um mit ihm in Armut und Einsamkeit zu leben , da handelte ich edel , aber man verdammte mich , die entlaufene Gattin war ein Ge ­ genstand der Verachtung , sie hätte ja der Sitte ins Gesicht geschlagen . Als ich jedoch nach erfolgter Schei ­ dung den alten Grafen Worronsky heiratete , nur weil ich mich nach Glanz und Reichtum sehnte , da handelte ich gemein — aber dies war kein Verstoß gegen die Sitte — man bückte sich wieder vor mir und ich genoß des höchsten Ansehens , als ich am Tiefsten vor mir selbst gesunken war ! — Was ist nun die Sitte ? Ein Götzenbild , dem wir geopfert werden , ein hohler Popanz , mit welchem uns der Egoismus der Männer in unsere vier Wände schreckt ! Tyrannei , Haß und Rache , Eifersucht und Neid , Bosheit und Verleumdung , jede Schändlichkeit , jede Kleinlichkeit verkriecht sich in die Falten seines Mantels und stürzt sich wie giftiges Gewürm auf seine Opfer ! Welche freigeborene Seele wird ihm nicht fluchen , wenn sie nur den Schatten seiner Rute über sich hingleiten sah ? Ich habe damit begonnen , ihm zu fluchen — aber damit aufgehört , ihn zu verachten . Fehde habe ich ihm geschworen und glauben Sie mir — es ist eine lustige Fehde , ein wahrer Fastnachtsscherz , wo es nur gilt , eine grimmige Maske herabzureißen ! Louise A .... bekämpft ihn noch mit viel zu edeln Waffen . Er ist es gar nicht wert , daß man mit solch feier ­ lichem Pathos gegen ihn zu Felde zieht . In hundert Jahren schon wird man lachen , daß er einem Weibe , wie Louise , so bange machen konnte . “ Sie schwieg und beobachtete den Eindruck ihrer Worte in Ernestinens Gesicht . Aber noch immer än ­ derte sich kein Zug . „ Ich vermag auf Ihre Sprechweise nicht einzu ­ gehen , Frau Gräfin . Ich bin an konkretes Denken gewöhnt , nicht in Gleichnissen geübt und kann meine Rede nicht mit so reichen Bildern schmücken . Ich kann Ihnen nur einfach und schlicht antworten , daß ich in dem , was Sie als unsern Feind bezeichnen , unsern Schutz erkenne und daß es ein ganz anderer Feind ist , den ich bekämpfe . Deshalb , Frau Gräfin , werden wir uns nie vereinigen und es ist unnützer Zeitverlust , uns einander nähern zu wollen ! “ Die Gräfin bebte , ihre Lippen entfärbten sich , so fest preßte sie sie zusammen ! Aber sie wollte noch einen letzten Anlauf wagen . Sie blickte Ernestinen mit tiefem Mitleid an und zog ihre widerstrebende Hand zu sich hin . „ Armes Kind , also dieser kühne Geist schmachtet auch noch in den Banden des Vorurteils ? Wie schade ! Wie unbegreiflich ! Und darf man wissen , welchen Feind Sie als den schlimmsten betrachten ? “ „ Die Geringschätzung unseres Geschlechtes von Seiten der Männer ! “ „ O — und Sie glauben dieser durch Ihre Werke zu begegnen ? “ „ Ich hoffe es ! “ „ Täuschen Sie sich nicht ! Wir haben hiezu wirk ­ samere Mittel als die Feder . “ „ Es gibt kein wirksameres , als die Entwicklung unserer Fähigkeiten , — denn durch diese zeigen wir ihnen , daß wir ihre Mißachtung nicht verdienen , daß wir zu leisten vermögen , was sie leisten . “ „ Das werden sie aber nicht anerkennen ! Alles Geistige ist relativ — es gibt nichts Absolutes , als die physische Kraft . Wenn wir einen Mann körper ­ lich zu Boden werfen , muß er glauben , daß wir so stark sind als er . Unsere geistige Ebenbürtigkeit aber wird er nie gelten lassen — weil seine Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit hierin nicht zu kontrollieren ist . So lange Sie auf der Welt keine dritte Autorität finden , die in dem Wettstreit zwischen beiden Geschlechtern entscheidet , — was nur geschehen könnte , wenn Gott selbst vom Himmel herunter stiege , — so lange werden wir der Parteilichkeit der Männer zum Opfer fallen . “ Ernestine blickte sinnend vor sich hin . „ Hierin können Sie leider Recht haben , aber dann muß uns das Bewußtsein trösten , daß wir durch den Wettstreit selbst das Gute fördern halfen . Das Gute zu fördern ist der allgemeine Zweck und das Individuum muß sich bescheiden , keinen Lohn zu fordern , als den Frieden dieses Bewußtseins . “ „ O , welch ein kalter , Trost ! Mich dünkt , die Blumen auf Ihrem Wege müßten absterben unter dem eisigen Hauch einer solchen Moral