« » Du darfst . « » Wenn du das Bleichgesicht des Silberlöwen sein willst , welches zu uns herüberkommt , uns unsere Medizinen zu nehmen , so laß mich der junge Indianer des Kriegsadlers sein , der vom Mount Winnetou herniederkommt , um seinen Brüdern ihre Medizinen zurückzugeben ! « » Kannst du das ? « » Wenn du willst , ja ! « » Fliegen ? « » Ja . « » Dreimal um den Berg ? « » Ja ! « Das war ein ganz eigenartiger , vielleicht sogar ein großer Augenblick . Dieses Dunkel ! Dieser schauerliche Ort ! Ein Bleichgesicht im Greisenalter . Ein hochbegabter , kühner Indianer im hoffnungsreichsten Jugendalter ! Beide hier am Altar einander gegenüberstehend , mit kleinen , winzigen Lichtern in den Händen , deren spärlicher Schein von der Finsternis schon zwei , drei Schritte weit verschlungen wurde ! Er sprach vom Fliegen . Er versicherte , es zu können , und zwar mit einer Stimme und in einem Tone , der jeden Zweifel ausschloß ! Er meinte körperliches Fliegen . Ich aber dachte ebenso sehr auch an den seelischen , an den geistigen Flug , den er , der Typus seiner verjüngten Nation , zu nehmen hatte , wenn er ihr die im Verlaufe der Jahrtausende verloren gegangenen » Medizinen « zurückbringen wollte . Aber ich hatte ein großes , ein warmes und ich möchte sagen , ein heiliges Vertrauen zu ihm . » Ich glaube dir ! « antwortete ich . » Ich nehme sie jetzt . Aber ich gebe sie dir , sobald du sie von mir verlangst . « » Deine Hand darauf ! « » Hier ! « Wir reichten einander die Hände . » So nimm sie ! « sagte er und griff nach der Platte , um mir zu helfen , sie auf die Seite zu schieben . Sie war fast noch heiß . Ich nahm die Medizinen aus dem geöffneten Altar . Wir schoben die Platte in ihre vorige Lage zurück und verließen dann , nachdem wir die Lichter verlöscht hatten , das Haus , um nach unserm Lagerplatz zurückzukehren . Die Leiter nahmen wir mit , damit sie nicht nachträglich noch zur Verräterin an uns werde . Unser Aufenthalt am » Dunkeln Wasser « hatte von jetzt an als beendet zu gelten . So kurz er gewesen war , so sehr konnten wir mit seinen Ergebnissen zufrieden sein . Sechstes Kapitel Am Mount Winnetou Es war ungefähr eine Woche später . Wir hatten während der letzten Nacht am untern Klekih Toli gelagert und ritten nun am frühen Morgen an seinem Ufer aufwärts . Klekih Toli ist ein Apatschewort . Es heißt so viel wie » weißer Fluß « . Dieser Fluß hat ein bedeutendes Gefälle . Er kommt in zahlreichen Kaskaden vom Mount Winnetou herab . Der weiße Schaum dieser Kaskaden ist es , der ihm seinen Namen gegeben hat . Er ist tief eingeschnitten . Darum sind seine Ufer hoch und steil , oben mit Wald und unten mit Buschholz bewachsen . Da , wo er aus dem gewaltigen Massiv des Mount Winnetou tritt , bildet er mehrere Wasserfälle , welche ihrer Umgebung ein höchst energisches Aussehen erteilen . Wir waren vier Personen ; das Herzle , der » junge Adler « , Pappermann und ich . Die beiden Enters hatten wir am » Dunkeln Wasser « nicht wieder zu sehen bekommen , zumal kein besonderer Grund für uns vorhanden war , ein solches Wiedersehen herbeizuführen . Daß wir ihnen irgendwo und irgendwann wieder begegnen würden , verstand sich ganz von selbst . Kakho-Oto war am Morgen nach der Beratung im » Hause des Todes « zu uns gekommen und hatte uns berichtet , daß im Lager der Roten nichts Besonderes geschehen sei . Sie fragte uns nicht , was wir erlauscht hätten ; darum schwiegen auch wir darüber , um sie nicht mit sich selbst und ihren Stammespflichten in Konflikt zu bringen . Vor allen Dingen wurde ihr verheimlicht , daß wir uns in den Besitz der Medizinen gesetzt hatten . Je weniger Personen das wußten , um so besser war es für uns . Als wir ihr unsern Entschluß kundgaben , sofort weiter zu reiten , tat ihr diese schnelle Trennung wehe . Sie hätte uns gern begleitet , sah aber wohl ein , daß dies mehr eine Belästigung als eine Erleichterung für uns gewesen wäre , und daß sie mehr und besser für uns wirken konnte , wenn sie bei den Kiowa blieb . Doch wurde verabredet , uns unter allen Umständen am Mount Winnetou wiederzusehen . Diesem Berge waren wir jetzt nun nahe , obgleich wir ihn noch nicht sahen , der tiefen Flußrinne wegen , in der wir ritten . Es gab vom » Dunkeln Wasser « aus einen anderen , bequemeren Weg nach dem Mount Winnetou , den wir aber vermieden hatten , weil wir annahmen , daß er unter den jetzigen Verhältnissen belebter sein werde , als wir wünschten . Wir wollten unnütze Begegnungen vermeiden und am liebsten dort plötzlich eintreffen , ohne vorher gesehen und beachtet worden zu sein . Darum kamen wir von einer nicht gerade übermäßig wegsamen Seite her und waren nun aber doch gezwungen gewesen , nach dem Klekih Toli einzubiegen , um nicht an unserem Ziele vorüberzugehen . Daß wir dadurch auf einen jetzt viel betretenen Weg geraten waren , bemerkten wir an den Spuren von Menschenfüßen und Pferdehufen , die uns in die Augen fielen . Und gar bald sahen wir auch einige Indianer , welche an einer Stelle , an der wir vorüber mußten , zwischen den Büschen hockten . Es waren ihrer vier . Ihre Pferde weideten am Wasser . Sie waren unbemalt und nur mit der Lanze bewaffnet , trotzdem aber sofort als Kanean-Komantschen zu erkennen . Als sie uns erblickten , richteten sie sich aus ihrer hockenden Stellung auf und schauten uns entgegen . Sie bildeten einen Posten , den man hier aufgestellt hatte