. Zwar da , wo ich eingesperrt war in dem Gefängnis , ist es mir recht gut vorgekommen , weil ich von der Welt nichts gewußt und keinen Menschen niemals gesehen habe . « In diesem Ton ging es weiter ; späterhin kamen einige zum Schönrednerischen strebende Stellen , und eine begann mit dem Satz : » Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine unverdiente Einsperrung , in der ich meine blühendste Lebenszeit zugebracht habe , und wo so manche Jugend in goldenen Vergnügungen lebte , da war meine Natur noch gar nicht erwecket . « Träume , Hoffnungen , Sehnsuchtsbilder , Berichte über kleine Ausflüge , über Unterhaltungen mit Fremden ; hier und da ein beherzigenswertes Wort , in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche geklaubt ; allmählich Sätze , an denen etwas wie persönlicher Schliff hervortrat und eine merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils . Unmittelbar war nie ein Kummer , ein Urteil , eine Meinung ausgedrückt ; er hatte es eben , wie Quandt diese Eigenschaft formulierte , hinter den Ohren . Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt und daneben ein Sternchen ; manches Ereignisses war nur in scheuen Umschreibungen gedacht ; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd ; so hieß es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz : » Der Erntemonat wäre bald mein Sterbemonat geworden . « Kleine Vorfälle des täglichen Lebens : » Gestern hat mich eine Biene gestochen , das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt , sie sagte , wen die Biene sticht , der hat Glück . « Oder : » Gestern war eine Feuersbrunst , über Dautenwinden hat der Wald gebrannt , ich bin die halbe Nacht am Fenster gesessen und hab gedacht , die Welt geht unter . « Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck : » Herr Quandt riecht nach alter Luft , die Lehrerin nach Wolle , der Hofrat nach Papier , der Präsident nach Tabak , der Polizeileutnant nach Öl , der Herr Pfarrer nach Kleiderschrank . Fast alle Menschen riechen schlecht , nur der Graf hat wie ein Leib gerochen , an dem nichts ist als guter Odem . « Dem Grafen war manche Seite gewidmet ; hier wurde der Ton poetisch und nicht selten drängend in der Art eines Gebets . Stanhope und die Sonne wurden zu Bildern von verwandter Kraft . Seit dem Abschied aus Nürnberg hatte das aufgehört , der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt , nur das Gelöbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben . Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung , welche über die Hälfte einer Seite füllte : die Umrisse eines männlichen Kopfes , mit auffallend geschickter Hand festgehalten . Es war ein fremdartiges Gesicht , keinem irdischen ähnlich , eher dem einer Statue , doch wie aus einer schauerlichen Vision gerissen , von schmerzlicher Unbewegtheit . Darunter war geschrieben : O großer Mensch , was tuest du mir an ? Du folgest mir , und meine Spur ist blind , Und so du mich erschaust , bin ich verwandelt . Dem Kerker ist entflohn das arme Kind , Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert , Und ohne Reiter läuft das weiße Pferd . Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden ; aus einem Traum auffahrend , hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen ; er war aus dem Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet . Die Verse hatte er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden . Ihrem Sinn hatte er nicht weiter nachgegrübelt , erst jetzt wurde er stutzig und flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin . Mittlerweile war es spät geworden , Caspar wollte gerade vom Tisch aufstehen , da hörte er das Haustor knarren , rasche Schritte näherten sich , es klopfte an die Tür , und Quandts Stimme befahl zu öffnen . Erschrocken blies Caspar das Licht aus . Im Finstern tastete er sich zum Sofa , brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck , und während Quandt immer stärker pochte , gelang es ihm , das Bild an den Nagel zu hängen . Quandt hatte nämlich , vom Spitalweg kommend schon aus der Ferne in Caspars Zimmer Licht bemerkt . Er packte seine Frau am Arm und rief : » Sieh mal , Frau , sieh mal ! « » Was gibts denn schon wieder ? « murrte die Frau , die voll Ärger darüber war , daß Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben hatte . » Jetzt hast du doch den Beweis , daß er bei der Kerze sitzt « , sagte Quandt . Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der Rückseite . Quandt wählte den , und als er mit der Frau im Hof stand , fiel ihm ein , ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen und sehen könne , was er treibe . Der Birnbaum an der Mauer war wie geschaffen dazu . Quandt war geschickt und kräftig , ohne Mühe erklomm er die Mauer und dann einen breiten Ast , von wo er Caspars Zimmer überschauen konnte . Was er sah , genügte . Nach kurzer Weile kam er aufgeregt herab , raunte seiner Frau zu : » Ich hab ihn erwischt , Jette « , und stürzte ins Haus und die Stiege empor . Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte , geriet er in Wut . Er fing an , mit den Fäusten , sodann mit den Absätzen an die Tür zu trommeln , und als auch dies nichts half , beschloß der beklagenswerte Mann in seiner Raserei , ein Beil zu holen und die Türe einzuschlagen . Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurück und sah , daß es in Caspars Zimmer indessen finster geworden war , ein Umstand , der seinen Zorn nur noch steigerte . Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht