bleich und verstört aus : » Herr Graf , ich zeige ergebenst an , daß ich die Schule schließen muß . Gestern sind zwei Kinder erkrankt und heute - gestorben . » Die Cholera ? « riefen wir . » Ich denke wohl ... wir müssen ' s beim Namen nennen . Die sogenannte Ruhr , welche unter den Soldaten , die hier einquartiert wurden , ausbrach und der schon zwanzig Mann erlegen sind - es war die Cholera . Im Dorf herrscht großer Schrecken , denn der Doktor , der aus der Stadt hierher gekommen , hat unverhohlen gesagt , daß die schreckliche Krankheit nunmehr zweifellos die hiesige Bevölkerung ergriffen hat . « » Was ist das ? « fragte ich aufhorchend - » man hört läuten . « » Das ist das Sterbeglöcklein , Frau Baronin , « antwortete der Schulmeister . » Es wird wohl wieder Jemand in den letzten Zügen liegen ... Der Doktor hat erzählt , daß in der Stadt die Sterbeglocke gar nicht mehr aufhört zu erklingen - « Wir blickten einander Alle in der Runde an - stumm und bleich . Hier war er also wieder - der Tod - und Jeder von uns sah dessen knöcherne Hand nach dem Haupte eines Teuern ausgestreckt . » Fliehen wir ! « schlug Tante Marie vor . » Fliehen , wohin ? « entgegnete der Lehrer . » Ringsum ist ja das Übel schon verbreitet . « » Weit , weit weg - über die Grenze - « » Da wird wohl ein Cordon errichtet werden , über den man nicht hinauskann - « » Das wäre ja entsetzlich ! Man wird doch die Leute nicht hindern , ein verseuchtes Land zu verlassen ? « » Gewiß - die gesunden Gegenden werden sich gegen Einschleppung verwahren . « » Was thun , was thun ? ! « Und Tante Marie rang die Hände . » Den Willen Gottes abwarten , « antwortete mein Vater mit einem tiefen Seufzer . » Du bist doch sonst so bestimmungsgläubig , Marie - ich verstehe Deine Fluchtsehnsucht nicht . Eines jeden Menschen Schicksal erreicht ihn , wo er immer sei ... Aber immerhin - mir wäre es auch lieber , wenn ihr Kinder abreisen würdet - und Du , Otto , daß Du mir kein Obst mehr anrührst . « » Ich werde sogleich an Bresser telegraphieren , « sagte Friedrich , » daß er uns Desinfektionsmittel sende « ... Was dann später folgte , ich kann es nicht mehr in seinen Einzelheiten erzählen , denn die Frühstückstisch-Episode war die letzte , die ich zu jener Zeit in die roten Hefte eingetragen . Nur aus dem Gedächtnis kann ich die Ereignisse der nächsten Tage berichten . Furcht und Bangen erfüllte uns Alle , Alle . Wer könnte zur Zeit der Epidemie nicht zittern , wenn man unter teuern Wesen lebt ? Über dem lieben Haupte eines Jeden schwebt ja das Damoklesschwert - und auch selber sterben , so furchtbar und so unnütz sterben - wem sollte der Gedanke nicht Grauen einflößen ? Der Mut besteht höchstens darin , nicht daran zu denken . Fliehen ? Diese Idee war mir auch gekommen - besonders , meinen kleinen Rudolf in Sicherheit zu bringen ... Mein Vater , trotz allem Fatalismus , bestand auf der Flucht der Anderen . Am kommenden Tage sollte die ganze Familie fort . Nur er wollte bleiben , um seine Hausleute und die Einwohnerschaft des Dorfes in der Gefahr nicht zu verlassen . Friedrich erklärte auf das Bestimmteste , auch bleiben zu wollen , und da war mein Entschluß gleichfalls gefaßt : von des Gatten Seite würde ich freiwillig nimmer weichen . Tante Marie mit den beiden Mädchen und mit Otto und Rudolf sollten schleunigst abreisen . Wohin ? - das war noch nicht bestimmt - vorläufig nach Ungarn , so weit wie möglich . Die Bräute widersetzten sich durchaus nicht , sondern halfen emsig packen ... Sterben - wenn in naher Zukunft die Erfüllung heißer Liebessehnsucht , das heißt verzehnfachte Lebenswonne winkt , das hieße ja zehnfach sterben . Die Koffer wurden in den Speisesaal gebracht , damit , unter der Beihilfe Aller , die Arbeit schneller von statten gehe . Ich brachte einen Pack von Rudolfs Kleidern auf dem Arm herbei . » Warum thut das nicht Deine Jungfer ? « fragte der Vater . » Ich weiß nicht , wo die Netti steckt ... ich klingelte ihr schon mehrere Male und sie kommt nicht ... So bediene ich mich lieber selber - « » Du verdirbst Deine Leute , « sagte mein Vater aufgebracht und er gab einem anwesenden Diener Befehl , das Mädchen überall zu suchen und augenblicklich hierher zu führen . Nach einer Weile kam der Ausgesandte zurück - mit verstörter Miene . » Die Netti liegt in ihrem Zimmer ... sie ist ... sie hat ... sie ist ... « » Kannst Du nicht sprechen ? « donnerte ihn mein Vater an . » Was ist sie - ? « » - Schon - ganz schwarz . « Ein Schrei kam aus unser Aller Munder : Und so war es denn da - das grause Gespenst - in unserem Hause selber ... » Was nun thun ? Konnte man das unglückliche Mädchen hilflos sterben lassen ? Aber , wer sich ihr nahte , holte sich fast sicher den Tod - und nicht nur sich - er gab ihn dann wieder den Anderen weiter . - Ach , so ein Haus , in welches die Seuche eingezogen , das ist , als wäre es von Räubern umzingelt , oder als stände es in Flammen - überall , an allen Ecken und Enden - auf jedem Schritt und Tritt - grinst der Tod . - - » Hole augenblicklich den Arzt , « befahl mein Vater zunächst . » Und ihr , Kinder , beschleunigt eure Abfahrt « ... » Der Herr Doktor ist seit einer Stunde nach der Stadt zurückgefahren , «