so tief wie sie ; daher erwiderte ich nichts , sondern setzte mich still etwas von ihr entfernt halb gegenüber , und so blickten wir mit düsterm Schweigen in das feuchte Element . Von dessen Grunde sah ich ihr Spiegelbild mit dem Krönchen heraufleuchten wie aus einer andern Welt , wie eine fremde Wasserfei , die nach einem Vertrauens Frucht in die Tiefe zu fliehen droht . Indem ich sie so gewaltsam an mich gedrückt und geküßt und sie in der Verwirrung dies erwidert , hatten wir den Becher unserer unschuldigen Lust zu sehr geneigt ; sein Trank überschüttete uns mit plötzlicher Kälte , und das fast feindliche Fühlen des Körpers riß uns vollends aus dem Himmel . Diese Folgen einer so unschuldigen und herzlichen Aufwallung zwischen zwei jungen Leutchen , welche einst als Kinder schon genau dasselbe getan ohne alle Bekümmernis , würden vielen närrisch vorkommen ; uns aber dünkte die Sache gar nicht spaßhaft , und wir saßen mit wirklichem Grame an dem Wasser , das um keinen Grad reiner war als Annas Seele . Den wahren Grund der schreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht ; denn ich wußte nicht , daß in jenem Alter das rote Blut weiser sei als der Geist und sich von selbst zurückdämme , wenn es in ungehörige Wellen geschlagen worden . Anna hingegen mochte sich hauptsächlich vorwerfen , daß sie nun doch für ihr Nachgeben , dem Feste beizuwohnen , bestraft und ihre eigene Art und Weise gröblich und roh gestört worden sei . Ein gewaltiges Rauschen in den Baumkronen ringsumher weckte uns aus der melancholischen Versenkung , die eigentlich schon wieder an eine andere Art von schönem Glück streifte ; denn meiner Erinnerung sind die letzten Augenblicke , ehe uns der starke Südwind wachrauschte , nicht weniger lieb und kostbar als jener Ritt auf der Höhe und durch den Tannenwald . Auch Anna schien sich zufriedener zu fühlen ; als wir uns erhoben , lächelte sie flüchtig gegen mein eigenes verschwindendes Bild im Wasser ; doch schienen ihre anmutig entschiedenen Bewegungen zugleich zu sagen Wage es ferner nicht , mich zu berühren ! Die Pferde hatten längst zu trinken aufgehört und standen verwundert in der engen Wildnis , wo sie zwischen Steinen und Wasser beinahe keinen Raum fanden , sich zu regen ; ich legte ihnen das Gebiß an , hob Anna auf den Schimmel , und denselben führend , suchte ich auf dem schmalen , oft vom Flüßchen beeinträchtigten Pfade so gut als möglich vorwärtszudringen , während der Braune geduldig und treulich nachfolgte . Wir gelangten auch wohlbehalten auf die Wiesen und endlich unter die Bäume vor dem alten Pfarrhause . Kein Mensch war daheim , selbst der Oheim und seine Frau waren auf den Abend fortgegangen , und alles still um das Haus . Dieweil Anna sogleich hineineilte , zog ich den Schimmel in den Stall , sattelte ihn ab und steckte ihm sein Heu vor . Dann ging ich hinauf , um für den Braunen etwas Brot zu holen , da ich auf ihm noch dem Schauspiele zuzueilen gedachte . Auch forderte mich Anna gleich dazu auf , als ich in die Stube kam . Sie war schon umgekleidet und flocht eben ihr Haar etwas hastig in seine gewohnten Zöpfe ; über dieser Beschäftigung von mir betroffen , errötete sie aufs neue und wurde verlegen . Ich ging hinab , den Braunen zu füttern , und während ich ihm das Brot vorschnitt und ein Stück um das andere in das Maul steckte , stand Anna an dem offenen Fenster , ihr Haar vollends aufbindend , und schaute mir zu . Die gemächliche Beschäftigung unserer Hände in der Stille , die über dem Gehöfte lagerte , erfüllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glücklichen Ruhe , und wir hätten jahrelang so verharren mögen ; manchmal biß ich selbst ein Stück von dem Brote , ehe ich es dem Pferde gab , worauf sich Anna ebenfalls Brot aus dem Schranke holte und am Fenster aß . Darüber mußten wir lachen , und wie uns das trockene Brot so wohl schmeckte nach dem festlichen und geräuschvollen Mahle , so schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu sein , in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir bleiben sollten . Anna gab ihre Zufriedenheit auch dadurch zu erkennen , daß sie das Fenster nicht verließ , bis ich weggeritten war . Siebzehntes Kapitel Die barmherzigen Brüder Gleich vor dem Dorfe kam der Schulmeister gefahren mit dem oheimlichen Ehepaar , denen ich sagte , daß Anna schon zu Hause sei ; und ein Stück weiter stieß ich auf des Müllers Knecht , welcher dessen Pferd nach Hause führte . Da ich vernahm , daß schon alles bei der Zwinguri versammelt und dort ein großes Hallo sei , auch der Weg dahin nicht mehr weit war , gab ich meinen Gaul auch dem Knecht und eilte zu Fuß weiter . Zur Zwinguri hatte man eine verfallene Burgruine bestimmt , welche auf dem höchsten Punkte einer Bergallmende steht und eine weite Aussicht ins Gebirge hinüber gewährt . Die Trümmer waren durch einiges Stangen- und Brettergerüst so bekleidet , als ob sie eben im Aufbau statt im Verfalle wären , und mit den Kränzen der triumphierenden Tyrannei behangen . Die Sonne ging eben unter , als ich ankam und sah , wie das Volk das Gerüste zusammenbrach und mit den Kränzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen anzündete . Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich , statt vor seinem Hause , doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung , sondern infolge einer allgemeinen Erfindungslust , wie der Augenblick sie in den tausend Köpfen erweckte , und der Schluß der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende Freudenfeier über . Die weggejagten Zwingherren mit ihrem Trosse waren wieder herangeschlichen und gingen um unter dem Volke als vergnügte Gespenster ; sie stellten die harmloseste Reaktion vor . Auf allen Hügeln und Bergen sahen