er recht hat und daß ich den Widerstand , den ich in dem Minister suchte , in dem Könige selbst zu suchen habe . Aber auch das erschüttert mich nicht . Ich habe das Bangen vor dem Volke nicht , und ich wage es mit ihm . Es ist eine Torheit , auf die Fehler oder Nachsicht eines Gegners rechnen zu wollen , wenn man die Macht in der Hand hat , ihm die Gesetze vorzuschreiben . Die Hände in den Schoß legen heißt ebensooft Gott versuchen als Gott vertrauen . Aide-toi même et le ciel t ' aidera . « Damit bog der Wagen rechts um die Lindenecke und hielt gleich darauf vor dem Gasthofe » Zur Sonne « , wo man beschlossen hatte , das Dejeuner zu nehmen . Zweites Kapitel Auf dem Windmühlenberge In dem » Wieseckeschen Saal auf dem Windmühlenberge « , in dem erst am Abend vorher der große Silvesterball stattgefunden hatte , waren am Neujahrstage wohl an hundert Stammgäste mit ihren Frauen und Kindern versammelt . Alles war wieder an seinem alten Platz , und auf derselben Stelle , wo sich vor kaum vierundzwanzig Stunden die Paare gedreht hatten , standen jetzt , als ob der Ball nie stattgefunden hätte , die grüngestrichenen , etwas wackeligen Tische mit den vier Stühlen drum herum ; und zwischen den Stühlen und Tischen , hin und her und auf und ab , preßte sich eine Schar von Verkäufern , die hier seit vielen Jahren heimisch und fast ein zugehöriger Teil des Lokals geworden waren : alte Mütterchen mit Schaumkringeln und Zimmetbrezeln , primitive Tabulettkrämer , in deren vorgebundenen Kästchen Stahl und Schwamm , Schwefelfäden und blaue Glasperlen zum Verkaufe lagen , endlich Stelzfüße , die neben den beiden Berliner Zeitungen auch allerhand Flugblätter feilboten . Über dem Ganzen lag eine angesäuerte Weißbierluft , die , durch Lichterblak und Tabaksqualm ziemlich beschwerlich werdend , nur dann und wann sich auffrischte , wenn ein Glas dampfenden Punsches vorübergetragen wurde . An einem dieser Tische , der halb schon unter der Musikempore stand , saßen vier Berliner Bürger , zwei von ihnen in eifrigem Gespräch , die beiden andern ebenso eifrige Zuhörer . Es waren Nachbarn aus der Prenzlauer Straße : der Schornsteinfegermeister Rabe , der Bürstenmacher Stappenbeck , der Posamentier Niedlich und der Mehl- und Vorkosthändler Schnökel . Alle vier Männer von vierzig Jahren und drüber , Niedlich und Schnökel in demselben Hause wohnend , nur durch den Flur getrennt . Rabe war der Angesehenste unter ihnen und hatte nicht nur das , was die meisten Schornsteinfegermeister zu haben pflegen : gute Haltung , frischen Teint und weiße Zähne , sondern auch einen wundervollen Charakterkopf , der jedem Chefpräsidenten Ehre gemacht haben würde . Er wußte das auch und verfuhr darnach , ließ sich lieber erzählen , als daß er selber erzählte , und vermied , obschon er aus einer alten Berliner Familie stammte , alle großen Worte . Er war der Drosselstein dieses Kreises , das aristokratische Element , wie denn die Schornsteinfegermeister , bei denen das Geschäft von Vater auf Sohn geht , wirklich eine Art Bürgeradel bilden . Wenn Rabe der Drosselstein dieses Kreises war , so war Stappenbeck der Bamme . Niedlich warf ihm vor , daß er den Bürstenmacher nicht verleugnen könne , und das traf in allen Stücken zu ; denn wie sein Haar , so war auch seine Manier und Sprechweise : die Borsten immer nach oben . Ein echter Berliner . Er stand an Ansehen hinter Rabe zurück , war ihm aber an Wissen und Witz und selbst an Erfahrung weit überlegen . Er hatte Reisen gemacht , war um seines Geschäftes willen , das er mit Eifer und Umsicht betrieb , in Polen und Rußland gewesen und galt seit Beginn des Zuges gegen Moskau in allen russischen Lokalfragen als unanfechtbare Autorität . Selbst Rabe , ohnehin zu vornehm , um lange zu streiten , unterwarf sich seinen Weisheitssprüchen , die von dem festen Boden der Landeskenntnis aus allerdings mit Vorliebe in das Politisch-Militärische hinüberspielten . Sein Gegensatz war Posamentier Niedlich , ein kleiner artiger Mann , dessen Redseligkeit nur durch seine Ängstlichkeit gezügelt wurde . Er trug einen hellgrünen Rock und , weil er an Kopfreißen litt , ein Käppsel von geblümtem Sammetmanchester mit einer Puschel daran , » dem Zeichen seines Standes « , wie Stappenbeck versicherte . Er konnte , von Geschäfts wegen an ein beständiges Hin- und Herhüpfen gewöhnt , nie länger als fünf Minuten sitzen bleiben , ganz einem Zeisig ähnlich , der es nicht lassen kann , die Sprossen seines Bauers auf- und abzuspringen . Auf seinen mageren Backen brannten zwei scharf abgezirkelte rote Flecke , als ob er hektisch oder echauffiert sei ; er war aber weder das eine noch das andere . Den Schluß machte Schnökel . Er war der Baß dieses kleinen Männerkonzertes , in Stimme wie Figur . Ein großer starker Mann mit kurzem Hals ; das Bild des Apoplektikus , ein gründlicher Kenner in Sachen Berliner und Cottbuser Weißbieres . Er schmeckte nicht nur die Sorten , sondern auch die Lagerungstage heraus , trank , rauchte und schwieg . Nur dann und wann , wenn das wiederholte Klopfen mit dem Deckel nicht geholfen hatte , rief er über alle zwischenstehenden Tische hinweg mit Stentorstimme nach einer neuen » Weißen « . Stappenbeck hatte die » Berlinische Zeitung « unter seinem linken Ellbogen . Es war die Nummer vom 26. Dezember , aus der er seinen drei Genossen eben die Hauptstellen des darin abgedruckten neunundzwanzigsten Bulletins vorgelesen hatte . Mit der Rechten fuhr er , sich aufzufrischen , in die große Schnupftabaksdose , die zwischen ihnen mitten auf dem Tische stand ; Rabe rauchte still , Schnökel in großen Wolken , während Niedlich , ein ausgesprochener Nichtraucher - der , solange die Vorlesung dauerte , zu Stappenbecks äußerstem Mißbehagen ein ganzes Dutzend Zuckeroblaten geräuschvoll zerbrochen und aufgegessen hatte - , jetzt eine alte Frau heranwinkte , um sich den Schaumkringeln zuzuwenden