Lippen zweier Menschen längere Zeit auf einander geruht und sich plötzlich wieder getrennt hatten . Mit der Entstehung dieses höchst eigenthümlichen Geräusches hing es aber so zusammen : Als das promenirende Paar - ganz zufällig - in den dunklen Erker gerathen war , hatte Mademoiselle Marguerite sogleich wieder umkehren wollen , der löwenkühne Bemperlein aber hatte ihre Hand ergriffen und im eindringlichen Tone gesagt : Haben Sie gelesen , was auf dem Zettel stand ? Nun hatte Marguerite es allerdings gelesen , aber sie wäre keine kleine Lacerte gewesen , wenn sie auf eine so directe Frage nicht mit : Non , Monsieur ! hätte antworten sollen . Erlauben Sie denn , daß ich es Ihnen sage ? Die kleine Lacerte fing hierauf ein ganz klein wenig an zu zittern , ohne weder Ja noch Nein zu sagen ; Herr Anastasius Bemperlein aber , der mit großem Scharfsinn das Zittern und das Schweigen zu seinen Gunsten auslegte , schlang seinen Arm um die feine Taille der kleinen Lacerte und flüsterte ihr in ' s Ohr : Mademoiselle Marguerite Martin ! je vous aime de tout mon coeur . Da das Zittern in Folge dieser loyalen Erklärung nur noch zunahm , ohne daß von Seiten der Dame irgend ein Versuch gemacht wurde , sich den Armen des Ritters zu entziehen , so sagte dieser noch leiser und dringender : Marguerite , antworten Sie mir : lieben Sie mich ? Ja , oder nein ? Da Marguerite auf diese kurze Frage mit einem kaum hörbaren : Oui ! geantwortet hatte , so blieb einem in Liebesaffairen so ausnehmend bewanderten Manne , wie Herrn Anastasius Bemperlein , offenbar nichts anderes übrig , als die Dame noch fester in seine Arme zu schließen und ihr einen schallenden Kuß auf die nicht widerstrebenden Lippen zu drücken . Oh , mon Dieu ! rief die kleine Lacerte , erschrocken aus des Ritters Armen schlüpfend . Sei nur ruhig , erwiderte der Ritter ; Sie müssen es ja doch erfahren . Sprach ' s , faßte die kleine Dame bei der Hand , schlug den Vorhang zurück , trat , wie der Edelknappe im Taucher , » sanft und keck « auf die Freunde zu und sagte : Meine Freunde , ich habe das unaussprechliche Vergnügen , Ihnen Fräulein Marguerite Martin als meine liebe Braut vorzustellen . Da Bemperlein unter dem Siegel der Verschwiegenheit Sophie in sein Geheimniß eingeweiht , und diese es unter demselben Siegel an Franz und den Vater weitergegeben hatte , so konnte , besonders nach der Amorscene und nun gar nach dem Kuß im Erker , durch diese Nachricht eigentlich Niemand so recht gründlich überrascht werden . Indessen waren die Glückwünsche von Seiten der Freunde darum nicht weniger warm . Die Männer schüttelten sich herzlich die Hände . Sophie küßte Marguerite mit einer bei ihr sehr ungewöhnlichen Rührung , und es dauerte eine geraume Zeit , bis die hochgehenden Gefühlswogen sich wieder zu einem klaren Spiegel ebneten . Wir müssen ein solches Ereigniß auch äußerlich durch eine entsprechende Feierlichkeit documentiren , sagte der Geheimrath , griff nach der Klingel und hieß den eintretenden Diener , die letzte von den zwölf Flaschen Johannisberger Cabinet bringen , die er alljährlich von einem Fürsten , den er durch seine Kunst vom Tode errettet hatte , zum Geschenk erhielt . Und als der edle Wein in den Gläsern funkelte , sprach der Geheimrath : Meine Lieben ! In froher Stunde spricht sich ' s gut von vergangenem Leid , und so laßt denn auch mich das heiter schöne Bild des Augenblicks in einen dunklen Rahmen fassen , aus dem seine glänzenden Farben noch um so viel heller strahlen werden . - Ich habe in diesen letzten Leidenstagen , wo ich , dessen Pflicht und Amt es ist , zu helfen , wo ich kann , selbst so ganz hülflos auf dem Krankenbette lag , oft an ein Wort denken müssen , ein klagendes , thränenreiches Wort , das die von Kriegsdiensten überbürdeten römischen Plebejer einst ihren stolzen irdischen Göttern , den Patriciern , zuriefen : Sine missione nascimur ! zu deutsch , Ihr Mädchen : » Ohne Urlaub werden wir geboren . « Ob unsere Kräfte in der endlosen Reihe der Kriege , die Ihr im Namen des Vaterlandes zu Euerm Nutz und Frommen führt , aufgerieben werden , ob unsere Aecker brach liegen und unsere Weiber und Kinder sterben und verderben - Euch kümmert ' s nicht . Zu den Waffen , zu den Waffen ! tönt Euer Ruf Jahr aus , Jahr ein ; und wir , wir müssen frohnden Jahr aus , Jahr ein : Sine missione nascimur . Der Geheimrath that einen tiefen Zug aus seinem Glase und fuhr mit bewegter Stimme fort : Auch wir , so dachte ich weiter , auch wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts werden ohne Urlaub geboren . Die ungeheuren Aufgaben , die uns gestellt sind in der Wissenschaft , in der Politik , auf jedem Gebiete menschlicher Thätigkeit , nehmen von frühester Jugend auf unsere Kräfte in eine erdrückende Frohnde . Zu den Waffen , zu den Waffen ! - so ergeht auch an uns der ewige Ruf , ob unsere Waffen nun Feder oder Pinsel , Pflug oder Hammer , Zirkel oder Lanzette sind . Und die Arbeit , die unerbittliche , gebieterische Arbeit , was fragt sie nach dem Arbeiter ? ob seine Schläfen im Fieber pochen , ob sein Hirn bis zum Wahnsinn überreizt ist , ob seine Glieder vor Ermattung zittern - sie kümmert es nicht . Sie lohnt ihm mit Armuth , Krankheit und Noth und verlangt von ihm , dem Gemißhandelten , dem Geächteten die Thaten eines Hercules . Ja meine Freunde , auch wir sind Proletarier im Frohndienst der Arbeit , wie jene römischen Proletarier im Frohndienst des Krieges und können mit ihnen klagen und sagen : Sine missione nascimur ! Und dennoch , fragte ich mich : wie ist es möglich , daß wir , Schwächlinge und Epigonen ,