und wieder Thränen gefunden hatte . Wir waren jetzt oft beisammen , denn seit jener Nacht kümmerte sich Harald nicht mehr viel um Fräulein Marie . Er ritt alle Tage aus , und nun kamen auch die Herren wieder auf ' s Schloß , wie sonst , und das alte Leben fing wieder an . Ob Harald seine Gewissensbisse zum Schweigen bringen , ob er die verlorene Zeit nachholen wollte , er war jetzt wilder und unbändiger , als ich ihn je gesehen hatte , und die Leute gingen ihm aus dem Wege , wo sie konnten . Eines Abends , als die Herren wieder einmal zu Besuch auf dem Schlosse waren , - es war gegen sieben und sie hatten seit drei Uhr bei Tische gesessen - Fräulein Marie war bei mir auf dem Zimmer , wo sie jetzt die meiste Zeit zubrachte - kam Harald plötzlich zur Thür herein . Ich sah auf den ersten Blick , daß er betrunken war . Sein Gesicht glühte und seine Augen funkelten , wie die einer wilden Katze . Als er Marie erblickte , die im Fenster gesessen hatte und bei seinem Eintritt voller Schrecken aufgesprungen war , lachte er und sagte : Treffe ich Dich hier ? ich habe das ganze Schloß nach Dir durchsucht . Komm , Schatz , ich will Dich den Herren vorstellen ; einen davon kennst Du schon - Du mußt aber hübsch artig und freundlich sein , hörst Du ? Marie war bei diesen Worten bleich wie der Tod geworden und zitterte an allen Gliedern ; ich sah , wie sie die Lippen bewegte , um etwas zu erwidern , aber sie brachte keinen Laut hervor . Ich konnte es nicht länger mit ansehen . Schämst Du Dich nicht , Harald , sagte ich , das arme , unschuldige Lamm so zu quälen . Pfui , Harald , - daß Du schlecht warst , habe ich immer gewußt , aber für so schlecht hätte ich Dich nicht gehalten ! - Er sprang mit einem Satze auf mich zu und packte mich mit seinen Eisenhänden an der Kehle . - Sprich noch ein Wort , knirschte er zwischen den Zähnen , und ich breche Dir das Genick , verdammte Hexe ! - Ich wußte , daß er seine Drohung ausführen könnte , aber ich fürchtete mich nicht vor dem Tode . - Thu ' , was Du willst , sagte ich ruhig , aber so lange ich noch einen Athemzug habe , will ich es Dir in ' s Gesicht sagen , Du bist ein Elender . - Ich sah ihm fest in ' s Auge ; ich sah , wie der Zorn immer wüthender in ihm aufkochte , und fühlte , daß seine Finger sich wie eiserne Klammern um meine Kehle schlossen . Ich glaubte meine letzte Stunde gekommen . - Da stand Marie plötzlich neben uns ; sie legte ihre Hand auf Harald ' s Arm und sagte ganz leise ; laß sie los , Harald ; ich will mit Dir gehen . - Weiter sagte sie nichts , aber es war genug , selbst ein so wildes Herz wie Harald ' s zu rühren . Er ließ die Arme sinken und starrte Marie an , als ob er aus einem schweren Traum erwachte . Plötzlich fiel er vor ihr auf die Kniee , verbarg sein glühendes Gesicht in den Falten ihres Kleides und schluchzte : Vergieb mir , Marie ; vergieb mir ! Dann sprang er auf , und als er sah , daß sie durch Thränen ihn anlächelte , hob er sie in seinen Armen empor , wie ein Kind , trug sie in der Stube auf und ab und herzte und küßte sie . Endlich setzte er sie hier in den Lehnstuhl , auf dem Du jetzt sitzt , und kniete vor ihr nieder , ihre Hände und ihre Kleider küssend , und wandte sich zu mir und rief : Geh ' , Alte , und sage dem Karl : er solle die Pferde satteln lassen . Ich sei krank geworden , oder was sie wollen , aber ich könnte sie heute nicht mehr sehen und morgen auch nicht . Ist es so gut , lieb ' Herz ? nicht wahr , ich bin nicht so schlecht , wie die Alte sagt ? - Ich ging vor Freude laut weinend , aus der Stube und dachte : es kann doch vielleicht noch Alles gut werden . Aber das wurde es nicht . Schon nach wenigen Tagen war Alles wieder beim Alten . Aehnliche Scenen kamen noch manchmal vor , aber Harald ' s gute Vorsätze hielten immer nur wenige Tage Stand , und wir mußten jede Spottrede der Herren mit bitteren Thränen bezahlen . Ich sage : wir , denn ich hatte die süße Dirne so lieb , also ob sie mein eigen Kind gewesen wäre . Und jetzt hatte die Aermste Trost und Liebe nöthiger als je . Sie wußte schon seit Monaten , daß sie die Frucht ihrer Liebe zu Harald unter dem Herzen trüge , und das Schicksal dieses Kindes , ihres und seines Kindes , bekümmerte sie tausendmal mehr als ihr eigenes . - Was aus mir werden soll , sagte sie , was ist mir daran gelegen ? Ich stürbe lieber heute als morgen : aber meines Kindes halber muß ich leben und will ich leben . Und ich will auch nicht mehr weinen und klagen : es hilft ja doch zu nichts , und Harald sagt ja , daß ihm nichts so verhaßt sei , als verweinte Augen . - Ich fragte sie , ob sie keine Eltern , keine Verwandte , keine Freunde hätte , zu denen sie ihre Zuflucht nehmen könnte . - Sie schüttelte traurig den Kopf ; ich habe Niemand auf der weiten Welt , Niemand , als Sie , liebe Mutter Clausen , und noch Einen , der Alles für mich thun würde , wenn er wüßte , wo ich