mein » oller « Landrath , der » schöne Enckefuß « ! Gerade vor der dustern Geschichte dazumal mit dem Deichgrafen bin ich hierher versetzt geworden ! Meine Nachfolger sollen keine Seide dabei gesponnen haben , daß sie nichts merken wollten , wer den dicken Mann , den Theilungscommissarius , dazumal , freilich auf Nachbargebiet , todt geschlagen hat ! Einer von meinen Collegen , der ritt so lange um den Düsternbrook und Schloß Neuhof herum , bis er sich einmal den Hals dabei gebrochen hatte - wirklich den Hals ... das kommt so , wenn der Gensdarm immer blos geradeaus sieht , während sein vernünftigerer Gaul links und rechts in die Büsche will . Der andere war noch zu grün und fand sich erst ins Geschäft , als es mit der rechten Spur nach dem rechten Hirschfänger zu spät war . Jetzt ist ja wol der Freiherr von Wittekind auch ganz verdreht und dummelig geworden wie dazumal sein Herr Sohn , der - ja so , bitte um Entschuldigung , Herr Pfarrer von Asselyn ! Grützmacher besann sich erst jetzt auf die Verwandtschaft des Pfarrers mit dem Freiherrn von Wittekind-Neuhof . Er war ja dessen Stiefenkel . Das Wiedersehen der jungen schönen Dame , fuhr der Wachtmeister mit ironischem Nachdruck fort , hätte ihm diese Erinnerungen zurückgerufen . Er hoffe sie aber bald in Kocher am Fall zu sehen , wohin sie ja , wie er gehört , als Nichte der Frau von Gülpen reise und um ihren Paß woll ' er sie diesmal gar nicht quälen ! Er wäre vollkommen über sie » ins Klare « ... Bonaventura , Benno und Hedemann richteten während aller dieser Reden überrascht ihre Augen fast zu gleicher Zeit auf Lucinden . Sich auf diese unerwartete Art im Zusammenhang mit Vorgängen genannt zu hören , die sie um vieler Gründe willen hier von sich fern zu halten wünschen mußte , durfte sie nicht wenig erschrecken . Selbst Bonaventura erfuhr zum ersten mal diese Beziehungen und fragte erstaunt : Schon vor sieben Jahren kannten Sie Schloß Neuhof und waren somit schon damals in der Nähe der Gräfin Paula ? Sich sammelnd erwiderte sie : Die Erinnerungen des Herrn Wachtmeisters treffen theilweise zu ! Nur die Ehre , mich eine Nichte der Frau von Gülpen nennen zu dürfen ... Werden Sie doch wahrhaftig nicht ablehnen ? unterbrach sie Benno mit Entschiedenheit . Ihre Tante sollte das hören ! Diese Worte wurden so fest , so bestimmt gesprochen , von Benno mit einem so ausdrucksvollen Blick begleitet , daß Lucinde verstummte und ihn nur fragend und groß ansah . Grützmacher schloß sein Portefeuille und nahm wieder die lächelnde Miene jener aufgeklärten Überlegenheit an , die gewissermaßen hier als landesüblicher Regierungsausdruck gelten konnte und geradezu so viel sagte als : Wir dulden euch und die wunderlichen Schwächen eurer Kirche und thun dies , weil ihr ja eben nichts dafür könnt ! Da auch Hedemann , der erst den lebhaftesten Antheil verrathen hatte , jetzt an die dunkeln Fenster getreten war und an die Scheiben trommelte , stand Grützmacher gewissermaßen als Sieger über allen . Meine Meldung , sagte er denn auch vollkommen befriedigt , meine Meldung ist Ihnen zu rasch gekommen , Herr Pfarrer ! Beschlafen Sie ' s noch ! Morgen reden wir weiter davon ! Ich wünsche ja selbst , daß die Leute Vernunft annehmen ! Ich will noch ' mal ins Wirthshaus hinüber und sagen , was Sie über den Sarg des alten Mannes denken ! Vielleicht nehmen die Menschen auf Ihr Wort Raison an , Herr Pfarrer ! Also , gute Nacht denn allerseits ! ... Gute Nacht , Hedemann ! warf er noch hintennach hinein wie zum Zeichen besonderer Vertraulichkeit mit einem ihm gewissermaßen Gleichgestellten . Renate leuchtete und fragte ihn wahrscheinlich draußen um Näheres über » die Nichte der Frau von Gülpen « . Als sein Säbel- und Sporenschritt verklungen waren , hörte man nur , daß Renate von außen die Fensterladen anlegte . Hedemann schloß sie von innen . Die drückende Schwüle , die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geistig herrschte , veranlaßte Benno zu dem Ausruf : Ich stecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht draußen auf dem Grabe ! Daß wir so thöricht wären ! sagte Bonaventura . Daß wir durch unser Beispiel einen solchen Glauben bestärkten ! Dennoch traten sie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten , von wo aus man zum Friedhof gelangen konnte . Die Spätsommernacht war mild und geheimnißvoll . Ringsum war es still geworden ; nur irgendein schlafgestörtes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig oder von den Bergen her ächzte der Hemmschuh eines verspäteten Fuhrwerks . Im Bienenhause schlief alles wie in den Gebüschen ringsum ; nur die kleine Welt der auf Raub gehenden Insekten huschte vor den Fußtritten der Vorübergehenden scheu am Boden hin . Auf dem Friedhofe lagen die Gräber mit ihren überdachten weißen und schwarzen , von welk gewordenen Blumen geschmückten Kreuzen und vergoldeten Glorienstrahlen schweigsam und feierlich . Seitab lag der im ersten Aufwurf begriffene neue Hügel , bewacht nur vom flimmernden Sternenheer , dem wir die Todten so nahe gerückt glauben . Bonaventura , Benno , Hedemann , Lucinde fanden alles , wie sich erwarten ließ , ungestört . Die Eingangspforte war geschlossen . Ihre Empfindungen mußten die verschiedenartigsten sein ; nur darin einigten sich alle , daß diese stille Welt um sie her sicher für immer mit dem Leben abgeschlossen hatte . Unter diesen Schläfern sollte noch einer etwas vergessen oder mitgenommen haben , was zu den Sorgen und Mühen dieser Erde gehörte ? Bonaventura sagte : Im ersten Augenblick der sich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung , daß man noch mit dem Leben so tausendfach sich verwickelt weiß , mit äußerster Anstrengung gegen den kalten Engel ringen , der uns dem Dasein entreißen will ; hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geschlungen und fühlen wir , daß wir keinen Widerstand mehr leisten können , so