großen Herzen müsse die Politik bloß aus der Religion hervorgehen oder sie müßten vielmehr ganz dasselbe sein , ein tätiger Mensch , der seine Zeit anwende , zu was sie ihm verliehen sei , habe sie nicht übrig , sie in verschiednes zu teilen , so müsse denn seine Religion als vollkommner Weltbürger in ihm ans Licht treten - usw. - Dieser Brief ist so herrlich , so seelenrein , so über alles erhaben , wonach kleinliche Menschen zielen , aber auch so lebendig , daß ich glauben muß , aus einem lebendigen Herzen entspringt alle Philosophie , aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen fürs Gute , die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt , gesund macht wie ein Strom frischer gewürzreicher Luft ; - das tut doch die Philosophie nicht , die aufs Dreieck sich stützt , zwischen Attraktion und Repulsion und höchster Potenz einen gefährlichen Tanz hält , die dem gesunden Menschenverstand die Rippen einstoßen und er als Invalidenkrüppel sich endlich zurückziehen muß . Und einmal ist doch die natürliche Geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe , und ich denke , daß wenn der Scharfsinn sich von Hoffart unbeleibter Spekulation losmachte und sich ganz auf den Zustand der sinnlichen Tagsgeschichte wendete : dann müßte kein Gedanke so tief oder so erhaben sein , der nicht im irdischen Treiben sich Platz verschaffte und in sittlichem Sinn sich bekräftigt und aufwächst . - So wie der Großvater möcht ich sein , dem alle Menschen gleich waren , Fürsten und Bauern gleichmäßig auf den Verstand anredete und nur allein durch diesen mit ihnen zurechtkam , dem nie eine Sache gleichgültig war , als läge sie außer seinem Kreis ; er sagte : » Was ich mit meinem Verstand beurteilen kann , das gehört unter meine Gewalt , unter mein Richteramt , und ich muß laut und öffentlich entscheiden , wenn ich mich vor Gott verantworten will , daß er mir den Verstand dazu gegeben , wer seine Pfund benützt , dem wird noch mehr dazu , und er wird Herr über alles gesetzt . « - Ja , das bin ich überzeugt , aber ich glaub nicht , daß die Philosophen dies Ziel erreichen werden , ich glaub eher , daß man auf dem Großvater seine Weise die tiefste Philosophie erwerbe , nämlich den Frieden , die Vereinigung der tiefsten geistigen Erkenntnis mit dem tätigen Leben . - Der Großvater schrieb noch in einem andern Brief an den Kurfürst über den Mißbrauch der vielen Feiertage und Verehrung der Heiligen , er wollte , daß eine reinere Grundlage eine verbesserte Religion sei . - Statt so viel Heiligengeschichten und Wundertaten und Reliquien , alle Großtaten der Menschen zu verehren , ihre edlen Zwecke , ihre Opfer , ihre Irrungen auf der Kanzel begreiflich zu machen , sie nicht in falschem , sondern im wahren Sinn auszulegen , kurz die Geschichte und die Bedürfnisse der Menschheit als einen Gegenstand notwendiger Betrachtung dem Volk deutlich zu machen , sei besser , als sie alle Sonntagnachmittag mit Brüderschaften verbringen , wo sie sinnlose Gebetverslein und sonst Unsinn ableierten ; - und schlägt dem Kurfürst vor , statt all dieses mattherzige zeitversündigende Wesen unter seinen Schutz zu nehmen , so soll er doch lieber eine Brüderschaft stiften , wo den Menschen der Verstand geweckt werde , statt sie zu Idioten zu bilden durch sinnlose Übungen ; da könne er ihnen mit besserem Gewissen Ablaß der Sünden versprechen ; denn die Dummheit könne Gott weder in dieser noch in der andern Welt brauchen ; aber Gott sei ein besserer Haushalter wie der Kurfürst , der lasse den gesunden Geist in keinem zugrunde gehen , aber in jener Welt könne nichts leben als der Geist , das übrige bleibe und gehöre zur Petrefaktion der Erde . - Es ist eine einfache edle Korrespondenz , wo der Großpapa seinen Charakter nicht einmal verleugnet , der Kurfürst schreibt schön und edel , und schon das ist ein Verdienst , daß er ein Wohlgefallen an so tüchtigen Wahrheiten findet ; - man hielt ihn wegen seinem dicken Leib für gar nicht besonders geistbeweglich . - Ich frug die Großmama , ob der Großvater denn Einfluß gehabt habe auf ihn . - Sie sagte : » Mein Kind , die geringste Luft hat ja Einfluß auf die menschliche Seele ! Warum sollte der reine uneigennützige Geist deines Großvaters keinen Einfluß auf den Kurfürst gehabt haben , der eben noch durch die Anerkenntnis des ganzen Landes auf einer so hohen Stufe stand , so daß der Kurfürst gegen sein eignes ungerechtes Verfahren es zugestehen mußte . « - Schon dies beweist auch , daß im Kurfürsten eine edle Grundlage war , es war auch gar nichts Geringes , was der Großvater aufopferte . - Er hatte in hohem Ansehen und Würden gestanden , hatte fünf Kinder , die noch so jung waren , und er vertauschte alles mit einer kleinen Hütte in Speier , wo er am Wasser ein kleines Gärtchen pflegte und in der Beschäftigung mit diesem sich gar glücklich fühlte , der Großvater war auch ein besonderer Liebhaber von dunkelroten Nelken , ich habe mich sehr gefreut , weil ich eine Ähnlichkeit mit ihm hab . Ich war zwei Jahr , als er starb . Er hatte einen Stock mit goldnem Knopf und ließ mich mit dem Stockband spielen , ich erinnere mich noch deutlich , wie er mich anlächelte und seine großen schwarzen Augen mich verwunderten , daß ich darüber den Stock fallen ließ und ihn anstarrte , das war das erste- und letztemal , wo ich ihn sah , - denn noch an demselben Abend ward er vom Schlag gerührt . Von diesen Erzählungen der Großmama ward mein Gedächtnis so lebhaft geweckt , daß ich glaubte , mich aller seiner Gesichtszüge deutlich zu erinnern , er trug einen zimmetfarbigen Samtrock , und sogar auf einen kleinen dreieckigen Hut mit goldnen Borten besinn ich mich , den er vom Kopf nahm und mir aufsetzte und mich