gleichwohl zusammen , ich sagte ihr , daß ich in ein leeres , unbewohntes Haus einzöge , und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen dürfe . » Nicht eben so gut wie jeder Andere ! « fiel sie ein . » Herr Gott ! mein Engelchen ! sage das doch nicht . Du weißt ja recht gut , daß es in der Welt nicht ist , wie es in Deinem Kopfe aussieht . Denke einmal selbst : auf dem Gute , in der Abhängigkeit von dem Manne - ! ach , mein Herz ! Du hast es auch längst eingesehen , daß es unschicklich ist , darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts . « Diese Worte , Hugo , diese Paar Worte trafen mich . Sie hatte recht . Weshalb nannte ich früher den Namen nicht , der jetzt nur sträubend über meine Lippen ging . Unschicklich ! Unschicklich ! ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei mir . Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemäntelt , er verletzte mich , allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit . Ich mußte mir sagen : freilich , es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken . Ich sagte das auch der Tante , mit dem Zusatze , daß ich meine Abreise noch verschieben , und wir weiter darüber sprechen wollten . » Nein , « rief sie aus , faßte meine beiden Hände mit großer Bangigkeit , und sah mir dabei scharf in die Augen : » Nein , jetzt , hier auf der Stelle , mußt Du es mir fest geloben , daß Du diesen Gedanken aufgiebst . « Ich suchte mich ungeduldig loszumachen . » Elise , « fuhr sie bittend fort , » ich hoffe zu Gott , Du bist unschuldig in Allem , was die Welt von Dir sagt ! aber wenn auch nichts , gar nichts davon wahr ist , kannst Du Dich entschließen , so kurze Zeit nach dem betrübten Tode der Gräfin in das Haus ihres Mannes zu ziehen ? Vergißt Du , was Du dem Andenken der Frau , was Du Georgs Vater schuldig bist , dessen Namen Du noch immer trägst ? Mein lieber Gott ! Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode gekommen sein , und der Ruf , ob man sich darüber wegsetzt oder nicht , bezwingt doch immer zuletzt den Trotz der Frauen . « » Liebe Tante , « erwiederte ich , im Innern zitternd und bebend , » Sie thun mir Gewalt an . « » Das will ich auch , « sagte sie fest . » Ja , das will ich ! und ehe ich Dich nach Wehrheim gehen sehe , werde ich Dir lieber zu Füßen fallen , und Dich so lange bitten , bis Du Deiner alten Tante guten Rath nicht länger verwirfst , und Dir ihre Treue zu Herzen nimmst . « Hugo ! ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau . Ich fragte mich : wer ist denn das ? wer spricht so zu mir ? Ich hatte Mühe , die peinliche , unsichre , unstäte Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen . Sie , die ein Regenschauer zur unrechten Zeit bestürzt und eine zerbrochene Fensterscheibe betrübt macht , die nicht weiß , darf sie einen Entschluß fassen ? oder muß sie den Gedanken daran aufgeben ? die hundertmal fragt und doch nur schüchtern dem empfangenen Rathe folgt , sie wußte mit einemmale , was sie wollte , was ich sollte , und behend , wie eine gewandte Fee , hatte sie die verborgenen Fäden meines Innern zum Lenkseile ihres Willens gemacht ! Ich brach in Thränen aus . Ich war innerlich empört , daß mir Jemand seine Meinung aufzwingen wollte , ich stieß diese Meinung von mir , sie sollte nicht Herr über mich werden . Sie ward es doch ! - Ich brach matt in mir zusammen , ich weinte , wie ein gescholtenes Kind , ich versprach Alles , und bin noch hier ! Warum kam auch Ihr Brief nicht zu rechter Zeit , Hugo ? Ich wäre längst von hier fort gewesen , ehe die Aengstliche , durch das schlechte Wetter noch ängstlicher gemacht , auf alle die Einwendungen und Fragen verfallen wäre . Es wäre nun geschehen , und ich in meiner Unbesonnenheit wohl noch unwissend und glücklich ! Nun , da mir die Gefahr gezeigt ward , fehlt es mir freilich an Muth , sie zu bestehen , denn ich bin nicht herzhafter , als uns Frauen der Himmel machte , nur blinder , wie die Meisten . Ich schwanke noch über die Frage , ob kurzsichtiger oder überhinsehender ? Es ist ein Unglück , Hugo ! wenn Gesichtskreis und Standpunkt nicht recht für einander passen . Ich sollte eigentlich hier schweigen , und es erwarten , daß Sie mich tadeln , ohne weitern Versuch , Sie mit meinem Unbestand auszusöhnen . Doch Eins will ich Ihnen noch sagen . Hier bleibe ich einmal nicht . Das steht fest . Ich ertrage den Widerspruch in mir selbst kaum noch , deshalb will ich vor der Hand zuerst mehr Freiheit gewinnen , ehe ich über mich bestimme . Bei Sophie denke ich diese zu finden . Sobald das Wetter nur einigermaßen erträglich wird , eile ich zu ihr ins Stift . Und dann ! - und dann ! - O mein Gott ! wie schlägt mir das Herz vor Entzücken ; glauben Sie mir , das Verständigere ist auch am Ende das Beste . So wie es war , wäre es doch nicht wieder geworden ! Die Unbefangenheit ist hin ! Der frische Hauch verduftet . Im Sommer werden die Schatten auch dichter , und die Natur ernster . Die hohen Blumen entwickeln sich langsamer , aber sie blühen länger . Der Frühling zaubert mit lachendem Uebermuthe seine üppige Welt zu unsern Füßen . Doch Zeit und Menschen gehen rasch darüber hin .