Etwas kommt mir in die Hand ; ich , die ich sonst so apprehensiv , kitzlich und schreckhaft bin , schließe die Hand , schließe sie , schweige , und das Kleid wird fortgeschickt . Sogleich ergreift mich von allen Empfindungen die wunderlichste . Beim ersten verstohlenen Blick seh ' ich , errat ' ich , zu Ihrem Kästchen sei es der Schlüssel . Nun gab es wunderliche Gewissenszweifel , mancherlei Skrupel stiegen bei mir auf . Den Fund zu offenbaren , herzugeben , war mir unmöglich : was soll es jenen Gerichten , da es dem Freunde so nützlich sein kann ! Dann wollte sich mancherlei von Recht und Pflicht wieder auftun , welche mich aber nicht überstimmen konnten . Da sehen Sie nun , in was für einen Zustand mich die Freundschaft versetzt ; ein famoses Organ entwickelt sich plötzlich , Ihnen zuliebe ; welch ein wunderlich Ereignis ! Möchte das nicht mehr als Freundschaft sein , was meinem Gewissen dergestalt die Waage hält ! Wundersam bin ich beunruhigt , zwischen Schuld und Neugier ; ich mache mir hundert Grillen und Märchen , was alles daraus erfolgen könnte : mit Recht und Gericht ist nicht zu spaßen . Hersilie , das unbefangene , gelegentlich übermütige Wesen , in einen Kriminalprozeß verwickelt , denn darauf geht ' s doch hinaus , und was bleibt mir da übrig , als an den Freund zu denken , um dessentwillen ich das alles leide ! Ich habe sonst auch an Sie gedacht , aber mit Pausen , jetzt aber unaufhörlich ; jetzt , wenn mir das Herz schlägt und ich ans siebente Gebot denke , so muß ich mich an Sie wenden als den Heiligen , der das Verbrechen veranlaßt und mich auch wohl wieder entbinden kann ; und so wird allein die Eröffnung des Kästchens mich beruhigen . Die Neugierde wird doppelt mächtig . Kommen Sie eiligst und bringen das Kästchen mit . Für welchen Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehöre , das wollen wir unter uns ausmachen ; bis dahin bleibt es unter uns ; niemand wisse darum , es sei auch , wer es sei . Hier aber , mein Freund , nun schließlich zu dieser Abbildung des Rätsels was sagen Sie ? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken ? Gott sei uns gnädig ! Aber das Kästchen muß zwischen mir und Ihnen erst uneröffnet stehen und dann eröffnet das Weitere selbst befehlen . Ich wollte , es fände sich gar nichts drinnen , und was ich sonst noch wollte und was ich sonst noch alles erzählen könnte - doch sei Ihnen das vorenthalten , damit Sie desto eiliger sich auf den Weg machen . Und nun mädchenhaft genug noch eine Nachschrift ! Was geht aber mich und Sie eigentlich das Kästchen an ? Es gehört Felix , der hat ' s entdeckt , hat sich ' s zugeeignet , den müssen wir herbeiholen , ohne seine Gegenwart sollen wir ' s nicht öffnen . Und was das wieder für Umstände sind ! das schiebt sich und verschiebt sich . Was ziehen Sie so in der Welt herum ? Kommen Sie ! bringen Sie den holden Knaben mit , den ich auch einmal wieder sehen möchte . Und nun geht ' s da wieder an , der Vater und der Sohn ! tun Sie , was Sie können , aber kommen Sie beide . Drittes Kapitel Vorstehender wunderliche Brief war freilich schon lange geschrieben und hin und wider getragen worden , bis er endlich , der Aufschrift gemäß , diesmal abgegeben werden konnte . Wilhelm nahm sich vor , mit dem ersten Boten , dessen Absendung bevorstand , freundlich , aber ablehnend zu antworten . Hersilie schien die Entfernung nicht zu berechnen , und er war gegenwärtig zu ernstlich beschäftigt , als daß ihn auch nur die mindeste Neugierde , was in jenem Kästchen befindlich sein möchte , hätte reizen dürfen . Auch gaben ihm einige Unfälle , die den derbsten Gliedern dieser tüchtigen Gesellschaft begegneten , Gelegenheit , sich meisterhaft in der von ihm ergriffenen Kunst zu beweisen . Und wie ein Wort das andere gibt , so folgt noch glücklicher eine Tat aus der andern , und wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte veranlaßt werden , so sind diese um so fruchtbarer und geisterhebender . Die Unterhaltungen waren daher so belehrend als ergötzlich , denn die Freunde gaben sich wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns , woraus eine Bildung entstanden war , die sie wechselseitig erstaunen machte , dergestalt , daß sie sich untereinander erst selbst wieder mußten kennen lernen . Eines Abends also fing Wilhelm seine Erzählung an : » Meine Studien als Wundarzt suchte ich sogleich in einer großen Anstalt der größten Stadt , wo sie nur allein möglich wird , zu fördern ; zur Anatomie als Grundstudium wendete ich mich sogleich mit Eifer . Auf eine sonderbare Weise , welche niemand erraten würde , war ich schon in Kenntnis der menschlichen Gestalt weit vorgeschritten , und zwar während meiner theatralischen Laufbahn ; alles genau besehen , spielt denn doch der körperliche Mensch da die Hauptrolle , ein schöner Mann , eine schöne Frau ! Ist der Direktor glücklich genug , ihrer habhaft zu werden , so sind Komödien- und Tragödiendichter geborgen . Der losere Zustand , in dem eine solche Gesellschaft lebt , macht ihre Genossen mehr mit der eigentlichen Schönheit der unverhüllten Glieder bekannt als irgendein anderes Verhältnis ; selbst verschiedene Kostüms nötigen , zur Evidenz zu bringen , was sonst herkömmlich verhüllt wird . Hievon hätt ' ich viel zu sagen , so auch von körperlichen Mängeln , welche der kluge Schauspieler an sich und andern kennen muß , um sie , wo nicht zu verbessern , wenigstens zu verbergen , und auf diese Weise war ich vorbereitet genug , dem anatomischen Vortrag , der die äußern Teile näher kennen lehrte , eine folgerechte Aufmerksamkeit zu schenken ; so wie mir denn auch die innern Teile nicht fremd waren