, Arno , mir ist , als könnte auch ich Dich nicht mit einer Zukunft versöhnen , in der alles fehlt , was Dein eigentliches Leben ausmacht . Du wirst Dich verzehren in der Einsamkeit , auch wenn ich an Deiner Seite bin . “ „ Laß das jetzt ! “ sagte Raven sanft ablenkend . „ Davon sprechen wir später . Ich habe den Schleier von meiner Vergangenheit gezogen ; Du solltest sie und mich ganz kennen lernen . Jetzt aber ist es genug mit den düsteren Erinnerungen ; sie sollen uns nicht länger diese Stunde trüben . “ Er richtete sich empor mit einem Ausdruck , als wolle er alles Quälende weit hinter sich werfen . Sie war in der That schön , diese Stunde in der mondbeglänzten Einsamkeit des Gartens . Die halbentlaubten Bäume , die blumen- und duftlose Erde , all die traurigen Zeugen des Herbstes schienen ihren längst verlorenen Reiz zurückzugewinnen in dem geisterhaften Lichte , das so mild verschleierte , was ihnen die Herbststürme geraubt hatten , und sie in seinen verklärenden Glanz tauchte . In träumender Stille lag der Schloßgarten und die weite Landschaft , auf die er den Blick eröffnete . Jetzt leuchtete sie freilich nicht mehr in der goldigen Klarheit des Sommertages ; heut ruhte das Thal halb verborgen im duftigen Schimmer der Mondnacht . Vom Fuße des Schloßberges her blinkten die Lichter der Stadt herauf , deren Dächer und Thürme sich hellbeschienen in die Nachtluft emporhoben . Deutlich standen die nächsten Berggipfel da ; die zackigen Felshäupter schienen sich von der dunklen Masse Gebirges loszulösen , aber weiterhin wurden die Linien zarter , unbestimmter und die ferneren Höhenzüge verschwanden ganz im bläulich schimmernden Duft . Das bleiche Licht überströmte wie mit unendlichem Frieden all die Wälder , die Höhen und Ortschaften ringsum . Unten im Thale , auf den Wiesen und Feldern regte sich geheimnißvolles Nebelweben , nur hier und da blitzte eine der Windungen des Flusses auf . Hoch oben wölbte sich der Himmel in seiner Sternenpracht , und über dem Allen lag es wie ein zarter , durchsichtiger Schleier , aus Mondesstrahlen und Nebelduft gewoben – es war ein Bild von traumhafter Schönheit und tiefer unaussprechlicher Ruhe . Auch hier oben schwebte der Nebelduft über dem Rasen , und der Mondesstrahl webte ringsum seine phantastischen Gebilde . Die grauen , moosbewachsenen Gestalten des Nixenbrunnens schienen Leben zu gewinnen in diesen Strahlen ; es war , als regten sie sich unter dem feuchten Wasserschleier , der , voll und ganz von dem weißen Lichte getroffen , wie ein funkelnder Silberregen aussprühte und wieder niedersank . In sein Rieseln und Rauschen mischten sich all die Stimmen , die nur in der Sage der Nacht aufwachen , dunkel und räthselhaft wie die Nacht selbst . Der Wind ruhte ; die Luft war völlig unbewegt , und doch regte sich oft ein Flüstern und Wehen das wie Geisterhauch vorüberzog und dahinstarb . Der Abend war so mild und klar , daß man sich in den Frühling zurückträumen konnte , und es war auch ein Frühlingstraum , der jetzt durch die Seele Raven ’ s zog . Freilich ein später , kurzer Traum , aber für ihn drängte sich darin doch alle Seligkeit zusammen , welche die Erde nur zu geben vermag , und dies Geständniß strömte jetzt heiß und innig über seine Lippen , während er das holde junge Wesen in den Armen hielt , das ihn Liebe und Glück kennen gelehrt hatte . Wer Arno Raven in dieser Stunde sah und hörte , der begriff es , daß er trotz seiner Jahre und seiner strengen Verschlossenheit , trotz all der Schattenseiten seines Charakters doch Sieger bleiben mußte gegen jeden Andern , wo er wirklich liebte . All die lang zurückgehaltene Gluth und Zärtlichkeit flammte wieder in ihm auf , jedes Wort , jeder Blick sprach von einer Leidenschaft , die in solcher Macht und Tiefe in keiner Jünglingsbrust , sondern nur in der Seele des Mannes lodern kann . Das fühlte auch Gabriele , als sie , dicht an ihn geschmiegt , das Haupt an seine Schulter gelehnt , mit glückseligem Lächeln zu ihm empor sah . Die trüben beklemmenden Ahnungen hielten nicht Stand vor dem Zauber , den die Nähe des Geliebten ausübte , und in seine Worte hinein klang wieder das Rieseln des Quells , die einförmig süße Melodie , unter der diese Liebe aufgewacht war . Das „ Eden von Glückseligkeit “ , das einst in der schimmernden Ferne , weit hinter den blauen Bergen zu liegen schien , war jetzt herangeschwebt und umschloß die Beiden . Es war eine Stunde so vollen , reinen Glückes , wie sie das Leben nur einmal geben kann – sie wog aber auch ein ganzes Leben auf . Unten in der Stadt verkündeten die Uhren langsam und deutlich die elfte Stunde . Der Freiherr zuckte leise zusammen bei dieser Mahnung , dann erhob er sich rasch , wie mit einem gewaltsamen Entschlusse . [ 583 ] „ Wir müssen in das Schloß zurückkehren , “ sagte er . „ Die Nacht wird kühl , und Du bedarfst der Ruhe nach Deiner schnellen und anstrengenden Reise . Komm , Gabriele ! “ Sie legte ohne Widerspruch ihren Arm in den seinigen und folgte ihm . Sie schritten an dem Nixenbrunnen vorüber und verließen den Garten . Die Thür schloß sich hinter diesem mondbeglänzten Frieden , hinter dieser Stunde des Glückes – der Frühlingstraum war zu Ende . Oben im Schlosse , in dem Corridor , der zu den Zimmern der Baronin Harder führte , blieb der Freiherr stehen . Versagte auch ihm die eiserne Kraft ? Sein ganzes Wesen bäumte sich auf im wilden Schmerze des Scheidens , aber er hatte nicht umsonst die ahnungsvollen Fragen Gabrielens gehört . Er wußte , daß die geringste Unvorsichtigkeit seiserseits ihr Alles verrathen und sie einer nutzlosen Todesangst preisgeben würde . Der Schlag mußte nun einmal fallen ; besser er traf sie unerwartet . „