Wolken , die bis dahin wie ein zartgelb gefärbter Flaum über den Waldwipfeln gehangen hatten , verdunkelten sich plötzlich und nahmen einen bedenklichen Charakter an . Nichtsdestoweniger gab der Fürst das Zeichen zum Beginn des Festes , und mit ihm erbrauste die Jubelouvertüre von Weber aus dem Dickicht – der Fürst hatte die vortreffliche Hofkapelle aus A. hierher berufen . Der Fürst ging während des Musikstücks umher und begrüßte seine Gäste . Er kam auch in Oliveiras Nähe ; allerdings verfinsterte sich sofort seine Stirn , und die kleinen , grauen Augen nahmen eine gewisse Starrheit an ; allein es mußte eine zwingende Macht in der imposanten Erscheinung des merkwürdigen Fremden liegen , eine Überlegenheit , der gegenüber weder Herablassung noch ein verächtliches Ignorieren möglich war . Die Gräfin Schliersen , die , eine atemlose Spannung in den Zügen , unfern gestanden hatte , rauschte plötzlich empört weiter , und auf dem Gesichte Seiner Exzellenz erschien jenes verächtliche Lächeln , mit dem er über die » Schwäche « seines fürstlichen Herrn und Freundes hinwegzusehen pflegte ... Man hatte einen Eklat erwartet , man hatte sicher vorausgesetzt , der Fürst werde wortlos vorüberschreitend den Portugiesen mit jenem starren Blick fixieren , der den Betroffenen in den tiefsten Abgrund fürstlicher Ungnade schleudern , und infolgedessen er sich schleunigst entfernen mußte , und nun vergaß der alte schwache Herr plötzlich , daß dieser Mann ihn schmählich beleidigt hatte ; er begrüßte ihn mit einem freundlichen Handwinken und sprach mit ihm wie mit allen anderen . Mittlerweile litt eine junge Mädchenseele tausend Schmerzen . Alle die fremden Stimmen , die mit süßen Schmeichelein auf Gisela eindrangen , peinigten sie . Hatte nicht ihr Vater gesagt , daß gerade diese Menschen den Verdacht des Betruges ihrer Großmutter gegenüber unerbittlich und geflissentlich festhielten und deshalb das schlimme Gerücht nicht sterben ließen ? ... Und nun schwärmten sie für » die göttergleiche Gräfin « , die sie alle zärtlich geliebt und tief verehrt haben wollten ! ... Sie fühlte eine Art von Haß und Erbitterung gegen diese Menschen , die sämtlich die Larve der Konvenienz vorgebunden hatten und mit schamloser Stirn ihre gleißenden Lügen als feine Gesittung , Anstand und Formenvollendung verkauften . Und dort an einem Baume lehnte der Mann aus dem Waldhause in ungezwungener , fast nachlässiger Haltung . Er hatte sich sofort nach der Begrüßung des Fürsten abgesondert . Seine Augen schweiften achtlos über die Menge hin – er schien nur dem wundervollen Orchester zu lauschen . Gisela wagte nicht hinüberzusehen . Sie wandte geflissentlich den Kopf seitwärts in dem Gefühl tiefster Schmach und Demütigung . Jetzt wußte sie , weshalb er sie damals auf der Waldwiese mit allen Zeichen der Abneigung von sich gestoßen hatte . Sie sagte sich ferner , daß er vollkommen berechtigt gewesen war , die Gastfreundschaft auf ihrem Grund und Boden zurückzuweisen – man nimmt nicht an da , wo man verachtet ! ... Er kannte den schlimmen Leumund ihrer Großmutter , er wußte so gut wie alle Versammelten hier , daß das Hauptvermögen der jungen Gräfin Sturm ein veruntreutes war – er , der stolze , unbestechliche Charakter , verachtete aus tiefster Seele ein Geschlecht , das eigentlich verdient hätte , am Pranger zu stehen , und das doch , bei aller Gemeinheit seiner Gesinnung , in unbegrenztem Hochmut die übrige Menschheit zu seinen Füßen sehen wollte . Und sie war die letzte Vertreterin dieses Geschlechts ; sie hatte , getreu den Traditionen des edlen Hauses , ebenfalls den Fuß auf den Nacken ihrer Untergebenen gesetzt , sie hatte gewähnt , durch ihre hochadlige Geburt hoch über anderen zu stehen , während sich doch der eigentliche wahre Adel unter den räuberischen Händen ihrer Großmutter spurlos verflüchtigt hatte ... Und nun saß sie wie festgebunden da . Sie mußte schweigen , unverbrüchlich schweigen ; sie durfte nicht zu dem einsamen Mann hinübergehen und , vor Seiner Majestät niedersinkend , sagen : » Ich weiß , daß der Heiligenschein ein falscher war ! – Ich leide unsäglich ! Ich will mein ganzes Leben daran setzen , das Verbrechen jener Frau auszulöschen – nur nimm den Fluch der Verachtung von meinem Haupt ! « Sie saß regungslos da mit dem tiefernsten , totenblassen Gesicht – und in der Menge ging es flüsternd von Mund zu Mund : » Schön , wunderschön ist das Mädchen ; aber der Fürst irrt sich – sie ist nicht hergestellt ! « Das Dunkel brach so schnell herein , daß aller Augen ängstlich den Himmel suchten . Allerdings hing eine grollende Wolkenschicht über den Wipfeln ; allein noch bewegte sich kein Blättchen oder Zweiglein in jenem Wind , der jäh aufbraust und wie in gewaltigen Trompetenstößen den Ausbruch des Gewitters anzeigt ... Man tat am besten , den unliebenswürdigen Himmel einstweilen noch zu ignorieren ; über den mächtigen Pyramiden des köstlichen Fruchteises vergaß man die drückende Hitze , und in diesem Augenblick wurde ja auch das Tageslicht überflüssig . So plötzlich , als ob ein elektrischer Funke entzündend weiterspringe , flammten die Sternenkränze , Ballons und Fackeln auf und gossen bunte Lichtwogen über See , Waldwiese und den dräuenden Himmel . Und nun begann die unvergleichliche Musik zum Sommernachtstraum . Der Purpurvorhang rauschte empor – da lag die ruhende Titania , bedient von ihren Elfen ! ... Nie hatte wohl jene diamantenfunkelnde Frau einen solchen Sieg gefeiert wie in diesem Augenblick ! Vergessen war das stille , bleiche Mädchen , das fürstliche Huld auf den Schild gehoben hatte , vergessen das neue , jugendkeusche Gestirn über dem verführerischen Weib , dessen wundervolle Formen sich weich und hingebend auf dem blumenbesäten Moosteppich hinstreckten . Man jubelte und lärmte . Immer wieder mußte sich der Vorhang erheben – alles , was an Bildern folgte , ließ kalt ; selbst die reizende Esmeralda-Sontheim erlitt eine empfindliche Niederlage . » Schöne Titania , sind Sie zufrieden mit Ihren Erfolgen ? « fragte der Fürst , als die Baronin nach dem Schluß der Vorstellung am Arm ihres Gemahls vor seiner Durchlaucht