. Sie trug zwei volle Eimer und konnte sich nicht wehren , und das war ein zu günstiger Augenblick – sausend fuhr die scharfe Peitschenschmitze über die dünn bekleideten Schultern des Mädchens ; sie stieß ein Wehgeschrei aus und krümmte sich vor Schmerz . Mit wenigen raschen Schritten trat die Majorin aus dem Holzstall – sie entriß dem Knaben die Peitsche , zerbrach den Stock derselben in Stücke und warf sie ihm vor die Füße auf das Pflaster . Er wollte wütend auf sie losspringen – es lief ihr wie ein Schauer über den Leib ; nach jenem innigen Umfangen durfte ihr dieses Element nie wieder nahe kommen . Sie stand da wie eine Mauer und streckte dem Heranstürmenden die geballte Faust entgegen . » Fort – oder ich züchtige dich , so lange ich eine Hand rühren kann ! « sagte sie mit ihrer eiskalten , harten Miene , wenn ihr auch vor Grimm die Lippen bebten . Er hatte die Kraft dieser Hand neulich zur Genüge gespürt und zog sich feige zurück . Dafür verlegte er sich aufs Schimpfen ; er machte die Geste der langen Nase und hob den zerbrochenen Peitschenstock auf , um ihn nach dem Düngerhaufen zu schleudern . » Der Papa wird dir ' s schon sagen ! Wenn er nach Hause kommt , da kriegst du deine Leviten ! « drohte er und lief nach dem Pferdestall , wo noch verschiedene seiner Peitschen und Reitgerten waren . Der Papa war aber bereits zu Hause . Er stand am Fenster der Eßstube und hatte den zerknitterten Filzhut mit der breiten , schlappigen Krempe noch auf dem Kopfe . Die Majorin hatte ihn schon vor Vollzug ihres Strafaktes bemerkt , und gerade weil er nicht die geringste Miene machte , die Mißhandlung der Magd auch nur mit einer Silbe zu rügen , hatte sie die Ausgleichung in die Hand genommen . Sie ging in die Küche , nahm einen Korb voll frischgepflückter Johannisbeeren aus einem Schranke und trug ihn in das Eßzimmer , um dort die Beeren zum Einmachen vorzurichten . Ihr Gesicht war wie immer so starr und verschlossen , als sei heute auch noch nicht die mindeste Gemütsbewegung darüber hingegangen ; und wenn der arme Felix einen Rückblick in das alte Falkennest hätte werfen können , er würde genau wie bei seiner jedesmaligen Heimkehr das unbeirrte Schaffen und Hantieren , das Sparen und Einheimsen gefunden haben ... Und die Stube , an deren Eßtisch sich die Majorin einen jener steiflehnigen , hartgepolsterten Stühle gerückt hatte , die schon für die Großeltern Erbstücke gewesen waren , sie war unverändert dieselbe , in der dem Ausgestoßenen vor acht Jahren der Prozeß gemacht worden war . Sie zeigte dieselbe häßliche schokoladenfarbene Tapete ; nur daß da und dort neue Flicken , jedenfalls im Bereich von Veits zerstörenden Händen , aufgesetzt waren und die Spuren täglicher Berührung am Schlüsselloch der tapezierten Wandschranktür sich verdunkelt und verbreitert hatten . Dahinter stand noch auf derselben Stelle der Blechkasten mit dem Milchgeld . Der Rat lehnte mit verschränkten Armen an der Fensterbrüstung , als seine Schwester eintrat . Er hatte den Hut auf das Nähtischchen geworfen , und das grünliche Licht , das durch die Ulme hereinfiel , ließ die reichen Silberfäden in seinem starren , immer noch sehr dichten Haar aufflimmern . ... Es sah aus , als habe er auf die Majorin gewartet , und sie mußte sich selbst denken , daß er sie Veits wegen zur Rede setzen werde , und gerade deshalb war sie in die Eßstube gegangen . Aber sie wartete vergeblich auf eine seiner beißenden , verletzenden Bemerkungen . Er trat nach einem kurzen Schweigen vom Fenster weg und fing an , in der Stube auf und ab zu gehen . » Du bist in der letzten Zeit so wortkarg , ja , so stumm gewesen , Therese , daß ich nicht einmal weiß , ob dir das drohende Unheil in meinen Kohlengruben vollständig zu Ohren gekommen ist , « hob er zu ihrem Erstaunen endlich an . » Das Gesinde spricht den ganzen Tag davon , « antwortete sie gelassen und streifte nach wie vor die Beeren von den Stengeln . » Und ficht dich das gar nicht an ? ... Ist dir das Wohl und Wehe , der Besitz der Wolframs gleichgültig geworden ? « fuhr er mit grollender Stimme auf – es klang fast wie ein halbverhaltenes , drohendes Knurren , und der Blick , der über ihre ruhig arbeitenden Hände hinfunkelte , war tiefgereizt . » Um das Wohl und Wehe der Wolframs habe ich mich längst nicht mehr zu kümmern , « versetzte sie , ohne aufzublicken . » Du erziehst den einzigen , der es dermaleinst in der Hand halten wird , nach eigenem Ermessen , nach deinen Grundsätzen , und ich – ich verbrenne mir den Mund nicht mehr ... Was aber den Besitz betrifft , so habe ich ihn nun seit langen Jahren durch unverdrossene Arbeit und gewissenhaftes Sparen vermehren geholfen – das Zeugnis darf ich mir geben ! ... Es macht mir Freude , ein Familienvermögen anwachsen zu sehen ; aber das darf nur auf ehrliche , brave Weise geschehen , stet und beharrlich , wie es unsere Väter gemacht haben – nicht um Haarbreite anders ! ... Du aber bist ein Moderner geworden . Du möchtest das Geld in jagender Eile scheffelweise einsäckeln , willst aber nichts ausgeben , um den Boden unter deinen Füßen zuerst zu sichern ; und das ist das drohende Unheil in deinen Gruben – du hast es selbst verschuldet ! « Sie hatte in fast eintöniger Ruhe gesprochen ; und wenn er bis dahin der Meinung gewesen war , die Schwester kümmere sich , wie immer im festen Glauben an seine geschäftliche Unfehlbarkeit , nicht entfernt um das , was außerhalb der Wirtschaft liege , so war das jetzt widerlegt – sie wußte alles und verurteilte ihn ebenso streng , wie die ganze Stadt . » Davon verstehst du