« versetzte der alte Herr mit gut gespielter spöttischer Nachlässigkeit ; allein so erloschen , so gleichsam aus vertrockneter Kehle sich ringend hatte seine Stimme noch nicht geklungen . » Von dieser rührenden Szene weiß ich allerdings nichts – sehr begreiflich ! Sie wird schließlich , wie alles andere auch , auf die pure nackte Erfindung hinauslaufen ... Uebrigens sehe ich nicht ein , weshalb ich so lammgeduldig dieses nichtswürdige Intrigengespinst länger anhören soll . Ich bin droben in meinen Appartements jederzeit zu finden für den – Gerichtsdiener , den Sie mir so liebenswürdig auf den Hals schicken möchten – ha , ha , ha ! ... Gehen Sie jetzt schlafen , gnädige Frau ! Sie sind entsetzlich bleich und sehen aus , als stünden Sie nicht fest auf den Füßen ; ja , ja , das Dichten greift an , sagen die Leute ... Gute Nacht , meine schöne Feindin ! « » Bitte , Onkel ! « rief Mainau und trat vor die Thür , auf welche der Hofmarschall sehr eilig zuschritt . » Ich habe dich mit unerhörter Geduld und Langmut stundenlang mich und meine Familie verunglimpfen lassen – jetzt fordere ich von dir , daß du in meinem Beisein das Ende der Mitteilungen erwartest , wenn du nicht den letzten Rest von deiner › Kavalierehre ‹ in meinen Augen verlieren willst . « » Poltron ! « zischte der Hofmarschall zwischen den Zähnen und warf sich in den Stuhl zurück . Die junge Frau erzählte den Vorfall an Onkel Gisberts Sterbebett . Es war totenstill im Zimmer geworden , in dem Moment aber , wo sie beschrieb , wie der Sterbende die zwei Siegel mit so peinlicher Sorgfalt unter das Geschriebene gedrückt , da fuhren die beiden Zuhörer empor . » Lüge , infame Lüge ! « schrie der Hofmarschall . » Ah ! « rief Mainau , als falle plötzlich ein grelles Licht in tiefe Nacht . » Onkel , die Herzogin und ihr Gefolge werden bezeugen müssen , daß sie den Siegelring gesehen haben , den Smaragd , von welchem du beiläufig erzähltest , er sei dir vor Zeugen am 10. September von Onkel Gisbert feierlich übergeben worden . Und jener Zettel , den er auf diese Weise einigermaßen rechtskräftig zu machen sucht , existiert er noch , Liane ? « Die junge Frau nahm schweigend , mit bebenden Händen die Kette vom Nacken und legte sie in seine Hand . Das kleine Schmuckstück war allerdings wie » zugehämmert « ; keine Spur von Mechanik ließ sich entdecken . Mainau nahm die starke Klinge eines Taschenmessers und schob sie zwischen das Gefüge – ein starker Druck , und der dünne Deckel zerbrach ... Lässig , aber doch so glücklich zusammengebrochen , daß die emporstehenden Enden die zwei Siegel vor jedweder verwischenden Berührung geschützt hatten , lag ein Zettel in dem schmalen Behälter , jedenfalls noch so , wie ihn die Indierin von ihrem küssenden Lippen weg hineingelegt hatte . » Diese Abdrücke sind , noch dazu unter dem Schutze einer so klug eingeleiteten Maßregel , für mich eine absolute Bürgschaft , so gut wie für dich , Onkel , der du selbst erklärt hast , ein solcher Abdruck gelte dir mehr als die eigenhändige Unterschrift . « Keine Antwort , kein Laut erfolgte . » Hier die scheinbar defekte Stelle des Steines , sie tritt klar und scharf hervor . Morgen bei Tageslichte , unter der Lupe , werden wir den schönen Männerkopf bewundern können ... Und hier unten das Datum , zweimal unterstrichen : › Geschrieben in Schönwerth am 10. September ‹ . « Er legte einen Augenblick in unbeschreiblicher Bewegung die Hand auf die Augen , dann entfaltete er das Papier . » An mich adressiert ? An mich ? « rief er erschüttert ... Er trat näher an das Lampenlicht und las den Inhalt mit lauter Stimme . Der Sterbende erklärte gleich zu Beginn , er sei infolge seines geistigen und körperlichen Gebrochenseins der Gefangene seines Bruders und des Geistlichen . Er habe , obgleich in dem Wahne , daß die Indierin treulos sei , dennoch zu ihren gunsten testieren wollen ; allein es sei alles geschehen , ihn zu verhindern ; selbst der Arzt sei bestochen gewesen und habe seine Bitten um eine gerichtliche Kommission stets als einen im Fieberdelirium ausgesprochenen Wunsch ignoriert . In solchen Momenten seien dann alle beflissen gewesen , ihm das Vergehen , die moralische Gesunkenheit der verstoßenen Frau und das Strafbare seiner früheren Beziehungen zu ihr in den schwärzesten Farben hinzustellen , und er , in seiner grenzenlosen Hinfälligkeit und oft bis zum Wahnsinne geängstigt durch Halluzinationen , habe sich gefügt ... Nun aber wisse er , daß man ihn fluchwürdigerweise hintergangen habe . Er wisse , daß ihm ein Sohn geboren sei , dessen Existenz man ihm verschwiegen habe . Er wisse ferner , daß sein Bruder das Weib seines Herzens mit glühender Leidenschaft verfolge und ihr jedes , auch das kleinste Erbteil zu entziehen suche , um die Unglückliche ganz in seine Hand zu bringen ... Unter all den Schurken , die ihn in eiserne Ketten geschnürt , sei nicht einer , der ihm einer mitleidigen Regung fähig schiene ; wohl aber erinnere er sich in diesem Augenblicke namenloser Verlassenheit seines jugendlichen Neffen » mit dem tollen , heißen Kopfe , aber großmütigen Herzen « . Angesichts des nahenden Todes , der ihn stündlich bedrohe , wende er sich an ihn mit seiner letzten Bitte . Er halte es dabei für seine Pflicht , , auszusprechen , daß die Indierin makellos an Ruf und Sitten und nicht , wie man gefabelt , eine Bajadere gewesen sei , als sie sein eigen geworden . Er erkenne ferner den kleinen Gabriel als seinen Sohn an und beschwöre seinen Neffen , die beiden verfolgten unglücklichen Wesen zu schützen und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen , so zwar , daß ihnen der dritte Teil seiner gesamten Hinterlassenschaft ungeschmälert überantwortet und seinem Kinde der Familienname des Vaters