war jetzt das Kind nicht mehr , das kein Be ­ wußtsein besaß , als das seiner Mängel , und in der nächsten Sekunde schon erhob der Stolz auf ihren inneren Wert sein kampfgerüstetes Haupt . Sie wußte , daß sie eine Feindin vor sich habe , aber sie fühlte sich geistig jedem Gegner gewachsen . — Wer war diese Frau , daß sie sich berechtigt glaubte , so auf sie herab ­ sehen zu dürfen ? Worauf pochte sie so — auf Schön ­ heit , Rang , Reichtum ? Wußte sie so viel wie Ernestine , hatte sie eine preisgekrönte Schrift geschrieben , und was das Höchste war — sich einen Freund ge ­ wonnen , wie den , welchen Ernestine jetzt besaß ? Nein — nein , sicher nicht , — Ernestine war ihr ebenbürtig , mochte sie sein , wer sie wollte . — „ Treten Sie ein ! “ sagte Ernestine mit eisiger Ruhe und einer Würde , von welcher die Gräfin im höchsten Grade betroffen wurde . Ernestine ließ sie voranschreiten und bot ihr mit einer leichten Hand ­ bewegung den Platz auf dem runden Sofa , das in einer Nische stand . Sie selbst setzte sich ihr gegenüber . Ihre feinen Lippen waren fest geschlossen , keine jener konventionellen Grimassen , die man unwillkürlich beim Empfang eines Besuches schneidet , verzog die reinen Linien ihres ernsten Gesichts . Sie erwartete unbeweg ­ lich die Anrede der Fremden ; sie war zu wenig ge ­ übt in den Formen des Verkehrs , um sich zu entschuldigen , daß sie jene so lange im Vorzimmer hatte harren lassen . Die Gräfin sah endlich ein , daß sie zuerst sprechen müsse . Sie fühlte auch , daß dieser Per ­ sönlichkeit gegenüber ihr ganzes Auftreten ein verfehl ­ tes war , das machte sie unsicher , ja zum erstenmal in ihrem Leben befangen . Jetzt hatte sich das Blatt gewendet und bereits war der stumme Kampf zu Gunsten Ernestinens entschieden . Es war der Sieg ihres edlen Selbstbewußtseins über die frivole Aufgeblasenheit einer eifersüchtigen Kokette . Die Worronska war aus der Rolle gefallen , bevor sie dieselbe zu spielen begonnen . Sie hatte Möllners Stimme und seine heimliche Entfernung gehört . Das Verhältnis mußte also schon weiter gediehen sein , als sie es geglaubt . Der Zorn hatte sie übermannt und sie eine feindliche Miene zeigen lassen , wo sie ge ­ kommen war , um zu gewinnen und wenn möglich zu verführen . — Dieser Fehler mußte gut gemacht wer ­ den um jeden Preis . Sie reichte Ernestinen die Hand und sagte in ihrem melodischen Russisch-Deutsch : „ Ich bin die Gräfin Worronska . “ Ernestine neigte leicht den Kopf , der Ausdruck ihres Gesichtes wurde noch kälter und abweisender als zuvor . „ Und was können Sie bei mir suchen , Frau Gräfin ? “ „ Was ? Ei , das ist schnell gesagt : Unterhaltung , Belehrung , Anregung — kurz Alles , was eine so auserwählte Gesinnungsgenossin , wie Sie , gewähren kann ! “ Ernestine schob sich kaum merklich von ihr zurück . „ Eine Gesinnungsgenossin ? “ frug sie befremdet . „ Nun gewiß ! Wir kämpfen Beide für die Emanzipation . Nur jede in einer andern Art. Unser Zweck ist indessen der gleiche . Wir streben Beide der großen Vorkämpferin für Frauenrechte , jener geistvollen Louise A .... 56 nach , mit welcher ich eng befreundet bin . Wie schön wäre es , wenn Sie in unserem Bunde die Dritte sein wollten , wir könnten dann vereint wir ­ ken . Ich durch die Tat , Louise durch die Tages ­ literatur und Sie durch Ihre Bücher . “ Ernestine hatte die Gräfin mit derselben unbeweg ­ lichen Miene angehört wie zuvor . Als sie geendet , schwieg sie einen Augenblick , sie suchte eine geziemende Form für das , was sie ihr sagen wollte . Die Gräfin hing mit Spannung an ihren Zügen . Endlich war Ernestinens Ideenfolge zum Schluß gekommen und diesen sprach sie aus : „ Frau Gräfin , — ich muß Ihr Anerbieten ablehnen . Denn ich bin entschlossen , mei ­ nen Weg allein zu gehen . “ Die Worronska biß sich auf die Lippen . „ Wirk ­ lich ? Sie fürchten , Ihre Lorbeeren theilen zu müssen ? “ „ Das nicht “ , erwiderte Ernestine ruhig . „ Ich fürchte die Lorbeeren einer Louise A .... teilen zu müssen . “ „ O — hielten Sie das für eine Schande ? “ „ Ja ! “ — Eine Pause entstand . Die Gräfin maß Ernestinen mit einem vernichtenden Blick , dem diese nichts als Kälte entgegensetzte . Wieder kochte der wilde Zorn in der schönen Frau auf , doch sie bezwang sich , denn sie wollte durchaus ihren Zweck erreichen und fühlte , wie sehr sie vor diesem Mädchen auf der Hut sein mußte . „ Sie sind aufrichtig , das muß man sagen “ , be ­ gann sie . „ Doch auch das gefällt mir , — es ist originell ! “ „ Es ist schlimm , wenn Wahrhaftigkeit in Ihren Kreisen etwas so seltenes ist , daß Sie ihr das Prädikat originell erteilen ! “ „ Sie sind hart , mein Fräulein . Sie müßten unsere Kreise kennen , dann würden Sie nachsichtiger mit unseren Schwächen sein . Was ist es im Grunde so Schlimmes ? Die Verfeinerung unseres Geschmacks bringt das mit sich . Wir polstern die Stühle , auf denen wir ruhen , wir glätten das rohe Holz unserer Möbel durch die Politur , wir bekleiden die nackten Wände unserer Gemächer mit Tapeten — wir ver ­ zehren unsere Nahrung nicht roh wie die Kosaken , die sich ihren Braten mürbe reiten , sondern künstlich gekocht , wie es unserem Gaumen frommt , — warum sollen wir uns nun geistig mit Klötzen und Dornen umgeben , an denen wir uns stoßen und ritzen , warum