zu Staub unter ihm . Behalten wir Besinnung , Bewußtheit , Einigkeit ! Der internationale Sozialismus ist der Friede . « Erschöpft fiel der Redner in den Stuhl zurück . Man applaudierte lebhaft . » Hoch die internationale Sozialdemokratie ! « rief einer mitten im Saal . Aber alles geschah wie nach einem Schema , ohne innere Anteilnahme . Der Weltkrieg ! Wie oft wurde davon geredet ! Von nüchternen Politikern und spiritistischen Schwärmern ; von Imperialisten , die Deutschlands überragende Weltmachtstellung , von Sozialisten , die die Weltrevolution von ihm erwarteten . Daß er kommen werde , kommen mußte , war zur Formel geworden , wie das Warten auf den Messias bei den Juden zur Formel geworden war . Nichts Lebendiges , nichts , das Kräfte zeugt oder steigert , lag mehr darin . Konrad aber fühlte sich seltsam aufgewühlt : Krieg - konnte das mehr sein als die Rauferei von ein paar wilden Tieren um die Beute , als das Niederknütteln von Schwächeren durch der Stärkeren Habgier , als ein Spektakelstück auf einer der tausend Weltbühnen , bei dem der Gebildete halb gelangweilt , halb mitleidig zusieht ? Krieg - verbarg sich unter diesem Namen noch eine Macht , die den einzelnen sich selbst entreißen , in die Sintflut eines einzigen Geschehens hineinzuschleudern vermöchte , so daß er wieder ein Teil würde , sich als Teil empfände , erlöst von der Grausamkeit eigenen Lebens ? Das wäre - Leben ! Die Flamme , die flüchtig in ihm aufgeschlagen war , sank rasch in sich zusammen . » Tor , der ich bin , « dachte er , » mit der drastischen Darstellung ewiger Höllenstrafen suchten noch immer kluge Pfaffen die ihnen entweichenden Seelen wieder zu ködern . Die Schrecken des Kapitalismus verfangen nicht mehr , seitdem man anfing , sich mit Hilfe von Genossenschaften und Gewerkschaften und sozialer Gesetzgebung halbwegs bequem in ihm einzurichten , jetzt versucht man ' s mit dem neuen Gespenst . « Sehr müde , wie immer , wenn er geschlafen hatte , - denn das Erwachen zur Wirklichkeit erschöpft den Unglücklichen mehr als das stete wache Bewußtsein ihres Schreckens - entschloß sich Konrad am nächsten Morgen endlich , die Menschen aufzusuchen , die er sehen wollte . Den kleinen Bildhauer zuerst . Er war inzwischen eine Berühmtheit geworden , und von ihm erhoffte Konrad jenes Denkmal , das Norinas würdig wäre : einen schlichten antiken Grabstein träumte er sich mit der Gestalt einer Frau , die ruhevoll in tiefem Sessel lehnt , die Augen auf einen zu ihren Füßen spielenden Knaben gerichtet und in Ausdruck und Gebärde wie Norina hätte sein müssen , wenn das Kind nicht gestorben wäre . So sollte man , meinte er , alle Toten ehren : indem die Kunst vollendete , was das Schicksal stümperhaft unterbrach . Als er vor Bernhards Villa trat , leuchtete ihm aus dem herbstlich bunten Garten jene Statue entgegen , die des Bildhauers Ruf begründet hatte : ein nacktes Weib , sehr schmal , sehr schlank , von der keuschen Unnahbarkeit gotischer Heiligen . Er vergewisserte sich daran aufs neue , daß Bernhard schaffen würde , was er hoffte , und nun überkam ihn wieder jene freudige Gewißheit von Norinas Nähe , von dem Vollbesitz ihres Wesens . Der Künstler begrüßte ihn mit übertriebener Herzlichkeit und vielem Geschwätz , das offenbar irgend etwas verdecken sollte . Sie kamen ins Atelier . Da saßen und standen und lagen dieselben Frauen wie die im Garten , nur daß die Oberkörper noch kleiner , die Beine dafür noch länger und schlanker geworden waren . Das war nicht künstlerische Entwicklung , sondern Manier . Bernhard errötete unter Konrads fragendem Blick und lachte gezwungen . » Sie sehen , « sagte er , » ich bin bereits in jenes Stadium der Berühmtheit getreten , die es mir erlaubt , mich selbst zu wiederholen , ja gewissermaßen zu karikieren . « » Schade , « meinte Konrad trocken und sehr ernüchtert . » Was wollen Sie ? « fuhr Bernhard fort . » Das große Publikum gewöhnt sich am raschesten an bestimmte Ausdrucksformen und liebt den Künstler , den es durch sie immer wieder erkennt . Unbequem , fast suspekt ist ihm einer , der stets aufs neue Probleme stellt . « » Das große Publikum ! « rief Konrad gereizt , » was geht es den großen Künstler an ! « Der andere lächelte überlegen : » Der große Künstler will leben , lieber Baron . Und seitdem ich mir dies Haus baute und dazu den Luxus einer armen Frau gestattete , ist die Erfüllung dieses berechtigten Wunsches nicht leicht . Überdies : was hat man sonst vom Dasein , wenn das bißchen äußerliche Behaglichkeit nicht wäre ? « Dann zeigte er Konrad einige kleine Modelle für das Grabmal : gemeißelte Tragödien - kein Bildwerk . Konrad fühlte , daß für ihn hier nichts zu erwarten war . Sie trennten sich kühl und verstimmt . Auf dem Wege zum Gartentor sprachen sie noch flüchtig über alte Bekannte . Auch Eulenburgs Name wurde erwähnt . » Wissen Sie noch nicht , daß er geheiratet hat , - Veits Stieftochter , über deren Häßlichkeit ihn ihre Millionen trösten sollten ? « spottete der Bildhauer . » Verdiente er nicht viel ? Brauchte er sich in so ekelhafter Weise zu verkaufen ? « frug Konrad in unbeherrschter Empörung . » Viel , - aber nicht genug ! Übrigens hat sich der arme Kerl greulich verrechnet . Für Papa Veit ist das Dichten so was wie ein Makeln mit Börsenpapieren , und das Herstellen von Material für Druckerschwärze nicht viel anders wie das Weben von Lein wand , das man nach der Elle mißt und bezahlt . Sein Zuschuß an den Schwiegersohn richtet sich nach dessen prompter Lieferung von Geistesprodukten . Darum ist er jetzt bis zum Zirkus und zum Kino gelangt - darum , mein lieber Baron , - « und der kleine Bildhauer , der sich offenbar lange im Zaum