Flurs . In der Wohnstube blieb eine bange Stille . Auch auf dem Marktplatz war es schon wieder ruhig geworden , als Frau Marianne endlich heraufkam . Sie wollte sich auf einen Sessel setzen , weil ihr die Knie zitterten . Aber sie tat es nicht . Denn die ungewohnte Stubenstille fiel ihr auf . Und da entdeckte sie : Die Kastenuhr war stehengeblieben , knapp vor der siebenten Morgenstunde . Zum erstenmal in ihrem Leben wurde diese helle Frau von dunklen Ahnungen befallen . So sehr hatten die Schrecken des Krieges ihren gesunden Verstand umwirbelt . Während sie den armen Ruppert pflegte , die versteckten Kostbarkeiten aus den Mauerlöchern herausholte und die gründliche Scheuerung des Hauses überwachte , ging ihr diese ziellose Sorge nimmer aus dem Sinn : » Welches Unheil wird geschehen zu einer siebenten Morgenstund ? « Dabei ertappte sie sich auf einem wahrhaft vaterlandsfeindlichen Gedanken . Das fremde Kriegsvolk in Berchtesgaden und ihr Sohn in sicherer Ferne - dieser vergangene Zustand war ihr lieber gewesen als der jetzige , bei dem der heilige Peter mit den Salzburger Hauptbüchsen einem wahrscheinlichen Sieg entgegenrasselte . Solch einer unheldenhaften Erkenntnis schämte sich Frau Marianne nicht im geringsten . Das wertvollste Lebensgut dieser natürlich gearteten Mutterseele war das Glück und die Sicherheit des Sohnes , den sie geboren hatte . Auch zweifelte sie nicht an Gott wie der geplagte Ruppert . Sie war im Gegenteil der festen Überzeugung , daß der Ewige und Allweise über diese Dinge nicht um ein Härchen anders dachte als die Amtmännin Someiner . 2 Von Staub umwirbelt , mit pludernden Hemdärmeln , die rot gesprenkelt waren , hetzte Malimmes auf dem Ingolstädter Gaul dem zerstörten Hallturm entgegen . Dem Erschöpften drohten die Kräfte zu erlöschen . Manchmal verzog er das Gesicht , weil ihm das verkrustete Blut die Haut spannte . Und manchmal lachte er wie ein Berauschter vor sich hin . Den fremden Bidenhänder hatte er quer vor dem Sattel liegen . Die mächtige Klinge war ein bißchen rot geworden . Bei den letzten Häusern von Berchtesgaden hatte dem Malimmes eine Wache mit vier Spießen den Weg versperren wollen . Dann hatte ihm kein Hindernis mehr den jagenden Ritt gestört . Über die Stillen , die auf der Straße lagen , sauste der Gaul ohne Zuck hinüber . Er scheute auch nicht vor den Brandruinen , nicht vor den Leuten , die bei den qualmenden Haustrümmern stumpf und ruhig auf der Erde saßen . Von Rauch umkräuselt , von aufgeregten Dohlen und Tauben umflattert , tauchten die Reste des Hallturmes über die Wiesen herauf . In der Torhalle war ' s öd und still . Alles Leben fehlte . Und die Toten hatte man , um Platz für den Rückzug der Bayrischen zu schaffen , aus dem Torweg herausgezerrt in den Burghof . Hier und entlang der Mauer , lagen sie in der bratenden . Sonne und mahnten schon fürchterlich an die Düfte des Vergänglichen . Sie waren wie friedsame Schläfer nur mit dem Hemd bekleidet ; was sie sonst am Leibe getragen hatten - Kleider , Wehr und Waffen - , alles war verschwunden . Dem Malimmes , der an den Graus der Schlachtfelder gewöhnt war , rann beim Anblick dieses vom Tode besetzten Burghofes kein Schleier des Grauens über die Augen . Als Kriegsmann erriet er , daß diese Schläfer auf ihre Gräber warten mußten , um den heiligen Peter und seinen Freund Salzburg durch die Pflichten der Pietät einen Tag lang vom Sturm auf den Fuchsenstein und die Feste Plaien abzuhalten . Herr Seipelstorfer , der den Nachmarsch des Feindes durch jeden Behelf verzögern wollte , hatte auch die Zugbrücke zerstören lassen . Der tiefe Wassergraben sperrte den Weg des Malimmes . Ein Faustschlag : » Spring , Rössel ! « Und der Ingolstädter , der von Herzog Ludwigs Falkenjagden an kalte Bäder gewöhnt war , klatschte mit mächtigem Satz in das grüne Wasser hinunter . Als das weiße Geschäum zerfloß , war unter dem Wasserspiegel ein wunderlich geformter , heftig arbeitender Riesenfrosch zu sehen . Jetzt tauchte ein triefender Menschenkopf , ein triefendes Tierhaupt , an die Luft , Malimmes schleuderte den Bidenhänder ans Ufer , stieg mit den Füßen auf den Sattel des schwimmenden Gaules , sprang an das Land und half dem schlagenden Pferd aus dem Wasser heraus . Ein Griff nach dem Bidenhänder . Und wieder hinauf und davon durch das weißgraue Aschenfeld des niedergebrannten Waldverhaues . Das kalte Wasser hatte dem Malimmes die müden Kräfte ein erfrischt und säuberlich alle Blutflecken vom Hemde , vom Gesicht und aus den Haaren fortgewaschen . » Gott sei Lob und Dank ! Jetzt wird der Bub nicht erschrecken vor mir . « Er schüttelte sich in der Sonne . Hinter dem Aschenfeld arbeiteten Kriegsknechte und Schanzbauern an einem neuen Sperrwall , der schon übermannshoch gewachsen war . Und auf dem Fuchsenstein gewahrte Malimmes ein Geblitz von Waffen und die Verschanzungen der drei Geschütze . In seiner Freude hob er den Bidenhänder und tat einen gellenden Schrei . Waren die Kammerbüchsen noch da , so waren auch Jul und Runotter nicht weit . Viele Stimmen kreischten auf dem Wall . Faustbüchsen und Armbrusten richteten sich gegen den Reiter . Malimmes schrie die Losung von Plaien und schimpfte : » Hammelsköpf ! Man schießt doch nit auf die eigenen Leut ! « Der Wall hatte kein Tor und war so steil , daß man den Söldner und seinen Gaul an Seilen hinauflotsen mußte . Und da war auch Herr Martin Grans schon auf dem Wall und brüllte : » Du Schaf , du gottverlorenes ! « » Herr Hauptmann , Ihr seid ein Menschenkenner ! « » Hast du denn meinen Botschaftsweg in die Ramsau nicht verstanden ? « » Wohl , Herr ! Aber weil ich ein Schaf bin , hab ich halt auch was Schafmäßiges tun müssen . Sind meine Leut in Sicherheit ? « » Freilich ! « Herr Grans wurde heiter . » Dein Herr und sein