, daß auch das , was ihm ein trauriger Zufall geschienen , nicht aus dem Leeren auf sein Haupt heruntergestürzt war , sondern daß es ebenso auf einem vorbestimmten , nur dunklern Weg zu ihm herangezogen war , wie das , was auf weithin sichtbarer Straße sich ihm nahte und das er gewohnt war , Notwendigkeit zu nennen . Sie waren vor dem Hause , in dem Heinrich wohnte . Der Hausmeister stand am Tor und teilte mit , daß er vor kurzem eine Depesche in Heinrichs Zimmer gelegt hätte . » So ? « sagte Heinrich wie gleichgültig und ging langsam die Treppen hinauf . Georg folgte . Im Vorzimmer zündete Heinrich eine Kerze an . Auf einem kleinen Tischchen lag die Depesche . Heinrich öffnete sie , hielt sie nah zum flackernden Licht hin , las für sich und wandte sich dann zu Georg . » Sie wurde heute morgens auf der Probe erwartet und ist nicht erschienen . « Er nahm den Leuchter in die Hand und trat , von Georg gefolgt , in den nächsten Raum , stellte das Licht auf den Schreibtisch und ging im Zimmer auf und ab . Georg hörte durchs offene Fenster über den dunkeln Hof Klaviergeklimper . » Sonst enthält die Depesche nichts ? « fragte er . » Nein . Aber offenbar ist sie nicht nur nicht auf der Probe gewesen , sondern war auch in ihrer Wohnung nicht zu finden . Sonst hätte man wohl telegraphiert , daß sie krank sei , oder sonst ein Wort der Erklärung . Ja , lieber Georg « er atmete tief auf » diesmal ist es geschehen . « » Warum ? Dafür ist doch kein Beweis vorhanden , kaum ein Anhaltspunkt . « Heinrich schnitt mit einer seiner kurzen Handbewegungen die Rede des andern ab . Dann sah er auf die Uhr und sagte : » Heut hab ich keinen Zug mehr ... Ja ... was soll man nur was soll man nur beginnen ? « Er hielt inne , blieb stehen und sagte plötzlich : » Ich werde zu ihrer Mutter fahren . Ja . Das ist das beste ... Vielleicht , vielleicht ... « Sie verließen die Wohnung . An der nächsten Ecke nahmen sie einen Wagen . » Hat die Mutter etwas gewußt ? « fragte Georg . » Ach Gott « , sagte Heinrich . » Was Mütter eben zu wissen pflegen . Es ist ja unglaublich , wie wenig die Menschen über das nachdenken , was in ihrer nächsten Nähe vorgeht , wenn sie nicht durch einen äußern Anlaß dazu genötigt werden . Und die meisten Menschen ahnen nicht einmal , was sie alles wissen , in der Tiefe ihrer Seele wissen , ohne sich ' s einzugestehen . Die gute Frau wird wohl etwas erstaunt sein , wenn ich so plötzlich vor ihr auftauche ... ich habe sie schon lange nicht gesehen . « » Was werden Sie ihr sagen ? « » Ja , was werde ich ihr sagen ? « wiederholte Heinrich und biß an seiner Zigarre herum . » Hören Sie , ich habe eine großartige Idee . Sie werden mit mir kommen , Georg , ich stelle Sie als Direktor vor , ja ? Sie sind auf der Durchreise hier , müssen noch heute mit einem Separatzug um elf Uhr fort , nach Petersburg , haben irgendwie gehört , daß sich das Fräulein in Wien aufhält , und ich , als alter Bekannter des Hauses bin so liebenswürdig Sie vorzustellen . « » Sind Sie zu dergleichen Komödien aufgelegt ? « fragte Georg . » Ach verzeihen Sie , Georg ! Es ist ja alles gar nicht notwendig . Ich frage die Alte einfach , ob sie Nachricht hat ... Was sagen Sie ... wie schwül diese Nacht ist ? « Sie fuhren über den Ring , durch den hallenden Burghof , durch die Straßen der Stadt . Georg war eigentümlich gespannt . Wenn die Schauspielerin nun wirklich ruhig bei ihrer Mutter zu Hause säße , dachte er . Er fühlte , daß es eine Art Enttäuschung für ihn bedeuten würde . Dann schämte er sich dieser Regung . Ist denn die ganze Geschichte eine Zerstreuung für mich , dachte er . Was den andern Leuten passiert ... ist uns wohl selten mehr , würde Nürnberger finden ... Eine seltsame Art sich zu zerstreuen , um den Tod seines Kindes zu vergessen ... Aber was soll man tun ? ... Ändern kann ich nichts mehr . In ein paar Tagen reis ' ich fort . Gott sei Dank . Der Wagen hielt vor einem Hause in der Nähe des Pratersterns . Über den Viadukt gegenüber dröhnte eben ein Zug , darunter weg liefen die Alleen des Praters ins Dunkle . Heinrich schickte den Wagen fort . » Ich danke Ihnen sehr « , sagte er zu Georg . » Leben Sie wohl . « » Ich warte hier auf Sie . « » Wollen Sie wirklich ? Nun , ich bin Ihnen sehr dankbar . « Er verschwand im Haustor . Georg ging auf und ab . Rings herum auf den Straßen war es trotz der späten Stunde noch ziemlich belebt . Aus dem Prater drangen die Klänge eines Militärorchesters zu ihm her . Ein Mann und eine Frau kamen an ihm vorbei . Der Mann trug ein schlafendes Kind auf dem Arm , das die Hände um den Hals des Vaters geschlungen hatte . Georg dachte an den Grinzinger Garten , an das kleine , ungewaschene Ding , das ihm von den Armen der Mutter aus die Händchen entgegengestreckt hatte . War er damals wirklich gerührt gewesen , wie Nürnberger behauptet hatte ? Nein , Rührung war es wohl nicht . Etwas anderes vielleicht . Das dumpfe Bewußtsein , dazustehen in der geschlossenen Kette , die von Urahnen zu Urenkeln ging , an beiden Händen gefaßt , mit teilzuhaben am allgemeinen Menschenlos . Nun stand er mit einemmal wieder losgelöst ,