Kara Ben Halef . Er sah uns sitzen und winkte uns zu , daß er zu uns kommen werde . Er ging nicht grad auf dem Glockenpfade , sondern er stieg über das Gestein gleich quer herab und kletterte an einer verwitterten Mauerstelle zu uns herauf . » Effendi , ich habe einen Gefangenen ! « sagte er . » Wie ? Einen Gefangenen ? « fragte ich . » Hat man hier im tiefsten Frieden Gefangene zu machen ? « » Ist das Friede , wenn Jemand sich nicht friedlich zu mir verhält ? « » Wer ist es ? « » Kein Dschamiki , sondern ein Fremder . Ich kenne ihn nicht , und er weigerte sich , Auskunft zu geben . « » Wo ? « » Da drüben , in einer der alten Kirchen . Ich ging heut schon sehr früh wieder einmal durch die Ruinen . Man spricht im Duar davon , daß es dort wohl noch versteckte Plätze und verborgene Dinge gebe , die man noch nicht entdeckt habe . Ich bin derselben Meinung . Die vertriebenen Massaban , die in dem Gemäuer hausten , kennen es wahrscheinlich besser als wir , da sie dort ihre Schlupfwinkel hatten . Und wer zu dieser Sorte von Menschen gehört , weiß besser Bescheid , als jeder Dschamiki . Darum muß uns jeder Fremde , der die Ruinen ohne unser Wissen betritt , verdächtig erscheinen . Folglich war ich sofort argwöhnisch , als ich in so früher Morgenzeit Schritte hörte , die sich der Stelle näherten , in der ich mich befand . Das war in dem runden Quaderturme , der trotz seiner starken Mauern schon fast in sich zusammengestürzt ist . Es führt nur eine Tür hinein , keine andere hinaus . Ich stand in der Nähe derselben und drückte mich fest an die Wand , um nicht sogleich gesehen zu werden . Der , welcher kam , trat ein . Ein hagerer Mann , nicht groß , aber stark ; das habe ich dann gespürt . Er fühlte sich so sicher , daß er sich gar nicht umschaute , und ging zum nächsten , großen Brocken der eingefallenen Mauer , um sich da niederzusetzen . Dabei drehte er sich um und mußte mich nun sehen . Ich war schnell an den Eingang getreten , um ihm die etwaige Flucht zu versperren . Er erschrak , nahm sich aber zusammen und fragte mich , wer ich sei und was ich hier wolle . Das klang so gebieterisch , als ob er der Herr an diesem Orte sei . Und als nun aber ich Auskunft forderte , wurde er grob und warf sich plötzlich auf mich , um zu entkommen . Dabei hatte er ein langes Messer gezogen und schrie mich an , daß er mich sofort erstechen werde , wenn ich nicht darauf verzichte , ihn festzuhalten . Er stach auch wirklich zu . Schau hier , den Schlitz im Aermel ! Das war auf das Herz abgesehen ! Ich entging der Gefahr aber durch eine schnelle Wendung , entriß ihm die Waffe , warf sie fort und rang ihn auf den Boden nieder . Das war aber nicht leicht . Dieser Mensch besaß viel Kraft und Gewandtheit . Er rang meisterhaft , ruhig , still , den Atem berechnend und jeden Griff genau überlegend , ohne dabei ein einziges Wort zu sagen . Es scheint mir , als habe er schon oft in dieser Weise um seine Freiheit oder gar um sein Leben ringen müssen . Er hatte Uebung ! Aber er kam trotz aller Mühe nicht auf ; ich hielt ihn unter mir , bis seine Kräfte schwanden und ich dadurch eine Hand frei bekam , ihm die Halsader zusammenzudrücken . Da stockte ihm das Blut im Kopfe ; er wurde ohnmächtig . Zwar nur für ganz kurze Zeit , aber das genügte mir , ihn zu binden . « » Womit ? « » Die Arme , nach hinten gezogen , mit den Flügeln seiner eigenen Perserjacke . Die Beine schnallte ich ihm mit seinem Gürtel zusammen . Er kann sich nicht befreien . « » Untersuchtest du seine Taschen ? « » Ja . Sie waren leer . Er hatte nichts bei sich gehabt , als nur das Messer . Dann eilte ich fort , um dir diesen Vorgang zu melden . Als ich in das Freie kam , sah ich dich hier sitzen . Nun bestimme , was geschehen soll , Sihdi ! « » Zunächst das Eine : Kein Mensch darf davon wissen , am allerwenigsten Pekala . Ich ahne , wer dieser Fremde ist , nämlich ein entflohener Verbrecher , welcher uns im Auftrage des Scheik ul Islam ausspionieren soll . Ich muß ihn selbst sehen . Du führst mich also zu ihm , holst aber vorher einige feste Riemen oder Stricke aus dem Hause , doch heimlich . Für so einen Menschen genügen die jetzigen Fesseln nicht . « Kara ging nach dem Hause . Ich fand es sehr erklärlich , daß Schakara mich bat , uns nach dem Turme begleiten zu dürfen , und erlaubte es sehr gern . Mein Plan war schon fertig . Dieser Spion verriet uns freiwillig sicher nichts . Er mußte gezwungen werden . Und da gab es ein Mittel , welches vielleicht sogar dem Teufel den Mund geöffnet hätte ! Aber das konnte nur im Geheimen angewendet werden , und darum war es mir lieb , daß Schakara mitging . Ihre Anwesenheit gab der Sache den Anschein eines bloßen Spazierganges , der keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen hatte . Als Kara wiederkehrte , schlenderten wir also nach dem Glockenwege und dann auf schmalem , aber bequemem Wege bis grad zum Quaderturm , um den es sich handelte . Sein eigentliches Tor war längst schon zugemauert . Wir konnten nur durch das Nebengebäude zu der Tür gelangen , von welcher Kara gesprochen hatte . Als wir durch sie getreten waren , sahen