Weisheitsliebe mit dem griechischen Worte Philosophie bezeichnet , muß ich Euch sagen , was Ihr wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt , daß ich nicht gar sehr viel auf sie halte , wenn sie in ihrem eigenen und eigentümlichen Gewande auftritt . Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen ; aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben , als daß ich auf ledigliche Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte , ja sie sind mir sogar widerwärtig . Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem Gegenstande . Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe , so habe ich sie nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbüchern , am wenigsten aus den neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt ; sondern ich habe sie aus Dichtern genommen , oder aus der Geschichte , die mir am Ende wie die gegenständlichste Dichtung vorkömmt . « Als ich meinen Gastfreund so reden hörte , erinnerte ich mich , daß ich ihn in der Tat viel lesen gesehen habe . Oft war er mit einem Buche unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf einer sonnigen Bank , oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang begeben , er ist sehr häufig in dem Lesezimmer gewesen , und er trug Bücher in seine Arbeitsstube . Als wir die letzte Fahrt in den Sternenhof gemacht hatten , hatte er Bücher mitgenommen , und ich glaube von Gustav gehört zu haben , daß er auf jede Reise Bücher einpacke . Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in das Bücherzimmer , und wie ich früher vor den Schränken gestanden war , die die Werke der Naturwissenschaften enthielten , und wie ich damals manches Buch in das Lesezimmer mitgenommen hatte , so stand ich jetzt vor den Schreinen mit den Dichtern , sah viele einzelne der vorhandenen Bücher an , trug manches in das Lesezimmer oder mit Bewilligung meines Gastfreundes in meine Stube , und schrieb mir die Aufschrift von manchem in mein Gedenkbuch , um es mir , wenn ich nach Hause gekommen wäre , zu kaufen . Gegen das Ende meines Aufenthaltes , da noch einige sonnige Tage kamen , zeichnete und malte ich auch mehrere Stücke der schönen getäfelten Fußböden , die in diesem Hause anzutreffen waren . Ich tat dies , um dem Vater von allen Dingen , welche ich gesehen hatte , einiger Maßen Abbildungen bringen zu können . Als es schon bald zu meiner Abreise kam , sagte mein Gastfreund , er hätte noch etwas mit mir zu reden , und er sprach : » Weil Euch Euere Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat , den Ihr um Euch gesteckt habt , weil Ihr zu Euren früheren Bestrebungen noch den Einblick in die Dichtungen gesellt habt , so wie ja schon das Landschaftsmalen als ein Übergang in das Kunstfach ein Schritt aus Eurem Kreise war , so erlaubet mir , daß ich als Freund , der Euch wohl will , ein Wort zu Euch rede . Ihr solltet zu Eurem Wesen eine breitere Grundlage legen . Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen Richtungen tätig sind , so wird der Mensch , eben weil alle Kräfte wirksam sind , weit eher befriedigt und erfüllt , als wenn eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt . Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet . Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an , verhindert ihn , das Nebenliegende zu sehen , und führt ihn in das Abenteuerliche . Später , wenn der Grund gelegt ist , muß der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden , wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll . Er wird dann nicht mehr in das Einseitige verfallen . In der Jugend muß man sich allseitig üben , um als Mann gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein . Ich sage nicht , daß man sich in das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse , wie zum Beispiele in allen Wissenschaften , wie Ihr ja selber einmal angefangen habt , das wäre überwältigend oder tötend , ohne dabei möglich zu sein ; sondern daß man das Leben , wie es uns überall umgibt , aufsuche , daß man seine Erscheinungen auf sich wirken lasse , damit sie Spuren einprägen , unmerklich und unbewußt , ohne daß man diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe . Darin , meine ich , besteht das natürliche Wissen des Geistes zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege desselben . Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens . Ihr habt , scheint es mir , zu jung einen einzelnen Zweig erfaßt , unterbrecht ihn ein wenig , Ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen . Schaut auch die unbedeutenden , ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an . Geht in die Stadt , sucht Euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen , kommt dann zu uns auf das Land , lebt einmal eine Weile müßig bei uns , das heißt , tut , was Euch der Augenblick und die Neigung eingibt , wir wollen dieses Haus und den Garten genießen , wollen den Nachbar Ingheim besuchen , wollen auch zu anderen , entfernteren Nachbarn gehen , und die Dinge an uns vorüber fließen lassen , wie sie fließen . « Ich dankte ihm für seine Bemerkungen , sagte , daß ich selber so etwas Ähnliches in mir empfinde , daß ich wohl etwas unbeholfen gegen das Leben sei , daß meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht mit mir haben müssen , und daß ich für jeden Wink dankbar sei . Besonders freue mich die Einladung in sein Haus , und ich werde ihr mit vieler Freude Folge leisten . Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war , packte ich die Zeichnungen und alles , was ich in dem Rosenhause hatte , ein