Glaubt Ihr , der große Kaiser Karl hätte die uralten Lieder der Völker sammeln und singen lassen , wenn nur leeres Stroh darin steckte ? Müßt Ihr zu allem Eure lateinischen Bücher haben ? « » Ich weiß nichts « , wiederholte Ekkehard . » Ihr sollt aber etwas wissen « , sagte die Herzogin . » Es stünde doch zu verwundern , wenn nur wir Hausgenossen der Burg einen Abend zusammensäßen und von den alten Geschichten und Sagen plauderten , ob da nicht mehr zusammenkäme , als in der ganzen Äneïde steht ? Des Kaiser Karl frommer Sohn hat freilich vom alten Heldensang nichts mehr wissen wollen233 und lieber schnarrendem Psalmodieren sein Ohr geliehen und ist an Leib und Seele verkümmert gestorben , aber uns allen haften von Kindesbeinen noch jene Geschichten an . Erzählet uns eine solche , Meister Ekkehard , dann erlassen wir Euch den Virgil samt der liebesiechen Königin Dido . « Aber Ekkehards Gedanken flogen weit anderwärts . Er schüttelte sein Haupt wie ein Träumender . » Ich sehe , Ihr brauchet Anstoß « , sprach die Herzogin . » Es soll Euch von allen ein gut Beispiel gegeben werden . Praxedis , halt ' dich bereit und künde es dem Kämmerer Spazzo an , wir wollen uns morgen an Erzählung alter Sagen erfreuen . Ein jedes sei gerüstet . « Sie griff den Virgilius und warf ihn feierlich unter den Tisch , als Zeichen , daß eine neue Ära beginne . Ihr Gedanke war gut und anregend . Nur dem Klosterschüler , der während der Herzogin Rede sein Haupt in Praxedis ' Schoß hatte ruhen lassen , war es nicht ganz deutlich . » Wann darf ich weiter Griechisch lernen , gnädige Herrin ? « sagte er . » Thalassi ke potami ... « » Wenn die grauen Haare wieder gewachsen sind « , sprach sie heiter und küßte ihn wiederum . Ekkehard ging mit großen Schritten aus dem Saal . Fußnoten A1 Der ich kaum ein Lateiner bin , ein Grieche möcht ' ich werden . A2 Ich finde keinen Vers mehr , es stockt der Rede Fluß , Zu tief hat mich erschreckt der Herrin süßer Kuß . Zwanzigstes Kapitel . Von deutscher Heldensage . Auf dem Gipfel des hohen Twiel innerhalb der Burgmauern war ein zierlich Gärtlein angelegt ; ein steiler Felsvorsprung , von Mauerwerk eingefaßt , umschloß den mäßigen Raum . Es war ein feiner Platz , als wie eine Hochwacht , denn steil abwärts sprang der Fels , also , daß man über die Brüstung gelehnt einen Stein mochte hinabschleudern ins tiefe Tal , und wer sich am Ausspähen erfreute , der mochte Umschau halten über Berg und Fläche und See und Alpengipfel , keine Schranke hemmte den Blick . Im Eckwinkel des Gärtleins ließ ein alter Ahorn vergnüglich seine Wipfel im Winde rauschen , schon war das beflügelte Samenkorn reif und gebräunt und wirbelte auf die schwarze Blumenerde hernieder ; - eine Leiter war an den grüngrauen Stamm gelehnt , zu Füßen stand Praxedis und hielt die Enden eines schweren langen Zeltgetüchs , in den Ästen aber saß Burkard , der Klosterschüler , mit Nagel und Hammer und suchte das Tuch festzunageln . » Achtung ! « rief Praxedis , » ich glaube , du schauest dem Storch nach , der dem Kirchturm von Radolfs Zelle entgegenfliegt . Paß auf , du Ehrenpreis aller lateinischen Schüler , und schlag ' mir den Nagel nicht neben den Ast . « Praxedis hatte das Tuch mit der Linken emporgehalten , jetzt ließ es der Klosterschüler fahren , da zog sich ' s gewichtig herab , riß von dem lässig eingeschlagenen Nagel und sank schwerfällig , so daß die Griechin schier ganz drein begraben ward . » Warte , Pfuscher ! « schalt Praxedis , wie sie sich aus der groben Umhüllung vorgewickelt , » ich werd ' einmal nachsehen , ob es keine grauen Haare mehr abzuschneiden gibt . « Kaum war das letzte Wort gesprochen , so ward der Klosterschüler auf der Leiter sichtbar , er kletterte die Sprossen bis zur Hälfte nieder , dann sprang er mit gleichen Füßen auf das Tuch und stand vor Praxedis . » Setzt Euch « , sprach er , » ich will mich gern wieder strafen lassen . Ich hab ' heut nacht geträumt , Ihr hättet mir alle Haare ausgerauft und ich wär ' mit einem Kahlkopf in die Schule gekommen und es hätt ' mich gar nicht gereut . « Praxedis schlug ihm leicht auf das Haupt . » Werd ' nicht zu üppig in den Ferien , Männlein , sonst wird dein Rücken ein Tanzboden für die Rute , wenn du wieder im Kloster bist . « Aber der Klosterschüler dachte nicht an den kühlen Schatten seiner Hörsäle . Er stund unbeweglich vor Praxedis . » Nun ? « sprach sie , » was gibt ' s noch ? Was begehrt man ? « » Einen Kuß ! « antwortete der Zögling der freien Künste . » Hört mir den Zaunkönig an ! « scherzte Praxedis . » Was hat Eure Weisheit für Gründe zu solchem Begehr ? « » Die Frau Herzogin hat ' s auch getan « , sagte Burkard , » und Ihr habt mich schon über ein dutzendmal aufgefordert , ich soll Euch die Geschichte erzählen , wie ich mit meinem alten Freund Romeias vor den Hunnen geflohen und wie er als ein tapferer Held gestritten hat . Das erzähl ' ich Euch aber nur um einen Kuß . « » Höre « , sprach die Griechin mit ernst verzogener Miene , » ich muß dir etwas sehr Merkwürdiges mitteilen . « » Was ? « frug der Knabe hastig . » Du bist der törichtste Schlingel , der je seinen Fuß über eine Klosterschulschwelle gesetzt ! ... « sprach sie , verstrickte ihn schnell in ihre weißen Arme und küßte ihn derb auf die Nase . » Wohl bekomm ' s ! « rief