erfuhr daß er ein ganz gewöhnliches Menschenkind - kein entthronter Fürst , kein Flüchtling , kein Verbannter , kein großer Künstler , Maler oder Dichter sei : nahm diese Theilnahme wenigstens um die Hälfte ab , denn es blieb nur noch die für sein Unglück , und die für seine Persönlichkeit fiel weg . Ich schickte meinen Diener nach Genf , der sich Wilderichs Briefe und Effecten einhändigen ließ ; und ich selbst schrieb an die Gräfin von Wildeshausen . Ich bekam jeden dritten Tag ein Bülletin seines Befindens von meiner Kammerfrau , die seit zwanzig Jahren in meinem Dienst und eine so zuverlässige Person war , wie man es unter diesen Umständen nur wünschen konnte ; deshalb hatte ich sie zurückgelassen . Die Nachrichten lauteten befriedigend , und als ich wieder nach Grindelwald kam fand ich Wilderich merklich besser und sehr erfreut über meine Heimkehr . Die Briefe die ich ihm mitbrachte erhöhten seine Freude , obgleich die letzten große Besorgniß ausdrückten veranlaßt durch sein langes Schweigen . Ein Schreiben seiner Mutter an mich , das bald darauf anlangte , sprach mir den Dank eines sorgengedrückten , tiefbekümmerten Herzens aus . Wie sie wünsche anstatt dieses Briefes selbst zu kommen ! wie ihre zahlreiche Familie und ihre Verhältnisse es unmöglich machten ! Ich gab den Brief an Wilderich ; er las ihn mit Thränen . » Immer muß ich ihr Sorgen machen ! « - sprach er bewegt . » Das ist das allgemeine Schicksal der Eltern ihren Kindern gegenüber ; entgegnete ich tröstend . Aber wie man um einen Sohn Sorgen haben könne - die abgerechnet , daß er sich Arme und Beine bricht - begreif ' ich nicht . Unsre Welt ist für die Männer eingerichtet , nämlich so daß man durch ringen , stoßen , drängen , ja einiges boxen vorwärts kommt - und das verstehen die Männer , das können sie aushalten , das bekommt ihnen sehr gut . Eine Frau kann daran zu Grunde gehen und wird immer fürchterlich leiden . Darauf muß eine Mutter für ihre Tochter vorbereitet sein ! die Chancen des Glücks sind unendlich viel seltner für sie . « » Sie haben kein Herz für die Söhne weil Sie nur eine Tochter haben , gnädige Gräfin , sagte Wilderich . Ich denke mir daß das Kind der Mutter Sorge macht , und ein Sohn ist auch ein Kind . « » So wird ' s wol am richtigsten sein , mein armer Wilderich ! und eben deshalb sagte ich , Sie sollten sich nicht zu sehr um die Sorgen Ihrer Mutter quälen ; denn die sind nun einmal dem mütterlichen Herzen eingeboren . « » Mein Vater ist seit zehn Jahren todt , ich bin der Aelteste von acht Kindern , und meine Mutter muß uns mit einem sehr geringen Vermögen erziehen : das ist eine unsäglich sorgenschwere Aufgabe . « » Ach ! rief ich , ohne die Verwöhnungen des Reichthums erzogen zu sein ist ein außerordentlicher Vortheil ! darin liegt der Sporn zur Entwickelung des Mittelstandes . Wenn unsre Zeit höhere Interessen als die des Materialismus , des Genusses in höchster Potenz , hätte : so könnte dieser Sporn der Unverwöhntheit zu etwas Tüchtigem und Großen treiben . Aber die Idee , welche der Mittelstand von den Bedürfnissen des Jahrhunderts , der Zeit und der Völker hat , ist folgende : Jezt sollen mir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen , welche bisjezt dem einen bevorzugten Stande zugeflogen sind ! - An diese fixe Idee von den gebratnen Tauben und wie ihnen beizukommen sei , vergeudet er seine Kräfte , denn all seine liberalen Machinationen und seine schwindelnden Speculationen sind ja weiter nichts als Bestrebungen um den Traum von den gebratnen Tauben zu realisiren . Lassen Sie ihn fahren , Wilderich ! er macht den Menschen nicht gut und nicht glücklich , sondern das , was er am meisten fürchten und fliehen sollte - gemein . « » Sie sprechen wie eine reiche Frau , die Sie auch sind , gnädige Gräfin « .... - - - » Lebe ich wie eine reiche Frau ? unterbrach ich ihn . Wo sind Pferde und Wagen , Livreebediente , Sofas von Sammt , Vorhänge von Seide , goldene Spiegel ? .... was Alles die erste beste Doctorsfrau in unsrer Heimat hat . « » Sie leben dennoch wie eine reiche Frau : nämlich - unabhängig ! und das ist der größte Vorzug des Reichthums . « » Lieber Wilderich ! der Reichthum knechtet die Seele und macht sie in zehntausend Fällen höchstens Einmal unabhängig . « » Ach , gnädige Gräfin , Sie würden anders sprechen wenn Sie nicht reich , und hingegen Mutter einer zahlreichen Familie wären ! Ich habe vier Brüder : die beiden jüngsten sind schöne , prächtig aufgeweckte Kinder , die sich schon ihr Fortkommen in der Welt erringen werden . Aber die beiden andern sind arme unfähige Knaben . Was soll aus ihnen werden ? In welcher Weise sollen sie es möglich machen ihren Stand , ihren Namen zu vertreten , da ihnen jedes Mittel dazu versagt blieb ? Wären sie die Söhne einer unbemittelten bürgerlichen Familie , so wäre ihre Unfähigkeit ein stilles Unglück das eben nicht über die vier Wände ihres Hauses hinaus reichte ; sie könnten ein leichtes Handwerk lernen , sich ihr Brot erwerben und Keinem zur Last fallen . Bei uns ist das anders ! uns wird solche ein Unglück zur Schmach und zum Vorwurf gemacht ! Da heißt es hier : » nichts als Dummköpfe sind diese Hochgebornen ! « - da heißt es dort : » Wie diese sogenannt Vornehmen degeneriren und nichts als Blöd- und Schwachsinnige erzeugen , welche dennoch mit uns in die Schranken treten und sich gar über uns erheben wollen ! « - Dieser Hohn ist schwer zu ertragen , gnädige Gräfin . Der Reichthum ist ein Bollwerk gegen ihn . Sie werden das nicht glauben , weil Sie nicht solche gemeine Brut