Worte finden konnte , die ihm schicklich dünkten , seine Gefühle auszudrücken . Er küßte rasch hinter einander die Hände aller Damen , und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküßt haben , wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrthum gezeigt hätte , wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde . Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen , daß die frühere Spannung , die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt hatte , völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine herzliche Innigkeit getreten war . Er sah es leicht ein , daß die Krankheit der Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei , aber eben so wenig , wie er begreifen konnte , wodurch dieß Zusammentreffen so erschütternd gewirkt habe , vermochte er einzusehen , wie durch diesen öffentlichen Auftritt , der dem Grafen nur unangenehm sein konnte , eine größere Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden . Er konnte sich ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken , denn seine Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen , weil Emilie , Therese und St. Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen Koncerte die Genesung der theuern Kranken feiern wollten . Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar , faßte sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin , den die zärtlichste Anhänglichkeit ihr bereitet hatte , und gestand sich innerlich , daß das Leben noch Reiz für sie haben könne , und daß selbst der Schmerz der Erinnerung den giftigsten Stachel verloren habe , da ein treues Herz ihn mit ihr theilte , und sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wußte . Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt , so daß Allen unerwartet der junge Graf Hohenthal in den Saal trat . Ein allgemeiner Ausruf der Freude begrüßte den Neuangekommenen ; doch wurde diese sogleich gemäßigt , als man die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm , wodurch ein erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet wurde . Mit sichtbarem Gefühl bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung ; ein Strahl wehmüthigen Entzückens leuchtete in seinen Augen , als er Theresens Hand küßte , welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte , mit gleichem Feuer erwiederte er St. Juliens stürmische Umarmung , und mit kindlichem Gefühl die väterliche Begrüßung des Obristen und seines Oheims . Was macht Ihr Vater , theurer Vetter ? fragte dieser halb leise . Ich habe ihn vor wenigen Tagen begraben , sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender Stimme ; ich glaubte , Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten . Nein , erwiederte der Graf mit Bestürzung , mir ist Ihr Unglück völlig fremd , und es erschüttert mich um so mehr , da es mich daran erinnert , wie nahe daran ich selbst war , den schmerzlichsten Verlust zu erdulden . Jedermann fühlte , daß es unschicklich sein würde , in den Ton lauter Freude jetzt wieder einzustimmen . Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die Gesellschaft trennte sich früher , als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen geschehen wäre . Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte , kam ihm ein junger Mensch entgegen , in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte , bis er sich laut weinend in seine Arme warf . Freudig überrascht , drängte ihn der junge Graf von seiner Brust zurück , um ihn zu betrachten . Nein ! rief er endlich aus , nimmermehr hätte ich geglaubt , daß wenige Wochen einen Menschen so zu seinem Vortheile verändern können ; sage mir doch , wie hast Du es angefangen , daß Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen hast . Wenn das ist , sagte der junge Mensch , so kommt es wohl daher , daß mir Herr Dübois so außerordentlich gute Kleider hat machen lassen ; die Frau Gräfin hat mir die feinste Wäsche geschenkt , und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen diese goldene Uhr , damit ich , wie er sagte , meine Studien regelmäßig einrichten könne ; dabei habe ich noch alles Geld , das Sie mir schenkten . Das ist Alles ganz gut , sagte der junge Graf , aber woher hast Du den Anstand , die vortreffliche Haltung . Das kommt denn wohl , meinte sein junger Freund lächelnd , von dem lustigen Herrn St. Julien , zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat , und der mich nun , seit das Leben der Gräfin außer Gefahr ist , täglich vexirt und mich dabei tanzen , reiten und fechten lehrt . Ich versichere Sie , fuhr er , plötzlich in Rührung übergehend , fort , hier im Schlosse sind lauter vortreffliche Menschen , die Bedienten abgerechnet ; aber Herr Dübois meint , die wären beinah nirgends so gut , wie sie oft in Büchern geschildert werden , und verzeihen Sie mir , wenn auch Herr Dübois nicht so vornehm ist , als sie Alle , so ist er gewiß einer der Besten hier im Schlosse . Ich glaube es Dir , erwiederte der junge Graf , und es schmerzt mich , daß ich ihm früher Unrecht gethan habe ; ich sehe , er handelt wahrhaft väterlich gegen Dich . Sie haben das rechte Wort ausgesprochen , erwiederte der Jüngling ; wie ein Vater sorgt er für mich , und der Rath , den er mir giebt , ist jedes Mal so weise , daß ich blind vor Undankbarkeit sein müßte , wenn ich ihn nicht befolgen wollte . Es war hier eine trübe Zeit im Hause , so lange die Gräfin so gefährlich krank war .