nicht gehen , nicht bleiben . Werden Sie nicht unwillig , verzweifeln Sie auch nicht gleich an der Ausführung irgend eines freien und schönen Gedankens , wenn sich Ihnen Hindernisse in den Weg stellen , schelten Sie mich vor allen Dingen nicht undankbar . Ich bin es nicht ! Folgte ich dem raschen , leidenschaftlichen Zuge des Herzens , ich wäre , trotz Schnee und schlechte Wege , vielleicht schon jetzt bei Ihnen in Wehrheim . Fragen Sie , warum ich diesem unbestochenen , einzig wahren Zuge nicht folge ? so frage ich Sie wieder , darf ich es auch ? hat er mich nie über mein Ziel hinaus geführt ? Ich sehe Ihre ungeduldige , mißbilligende Miene von hier , Sie legen das Blatt aus der Hand und denken , sie ist wie jede Andere ! Keine wird frei von dem Leitbande ängstlicher Rücksichten . Nun gut ! Denken Sie , es sei so . Was hülfe es Ihnen , wenn ich mich losrisse und haltungslos schwankte ? Besser , ich gestehe es ein . Ja , es giebt Rücksichten , die wir ehren müssen , nicht unsertwegen , doch um der Ruhe Anderer . Sagen Sie mir doch , was legen Sie mir Georgs Geschick an ' s Herz , wenn Sie in diesem nur den Knaben , nicht den Jüngling , nicht den Mann denken ? Oder meinen Sie , die Welt würde ihm den Maßstab der Beurtheilung nie in die Hand geben ? Hoffen Sie wirklich , Vertrauen könne in jedem Augenblick vor ängstigendem Zweifel schützen ? Lassen Sie dem zärtlichen Kinde die Mutter , wie er sie kannte . Was ist sie ihm , sieht er sie in verdächtigem Licht ? Kinder stehen der göttlichen Einfalt näher , als wir es ahnden . Sie haben ein zartes Empfinden für das Ungehörige , Widersprechende im Leben . Glauben Sie mir , ich würde Georgs verschwiegene Fragen errathen , und mich abhärmen , sie unbeantwortet lassen zu müssen . Sind Sie es denn noch nicht inne geworden , Lieber ! daß die innere und äußere That himmelweit von einander unterschieden ist ? Himmelweit , sage ich ! denn die Eine ist oft dort oben , wenn die Andere hineinfällt in die Region roher Gesetze . Die Erde gestaltet nach ihrer Weise , was der Gedanke gestaltet denkt . Es ist ein Unterschied , Hugo ! und hier nichts weiter zu thun , als den Schritt nach dem Gange Anderer freundlich und liebreich einzurichten . Also Sie bleiben , wo Sie sind ? höre ich Sie fragen . Lassen Sie mich erst ganz offen sein , ehe ich entscheide . Sie wissen , wie mich Ihr Vorschlag entzückte , wie mich die Vorstellung davon ergriff , wie ich es nicht eilig genug haben konnte ! Nun sehen Sie , ich hatte denn auch keine Ruhe , ich machte meine Anstalten ohne alles Hehl . Ich sagte es der Tante , daß ich sie nun endlich von einem unbequemen , eigensinnigen Gaste befreien würde , der nur ihre Güte in Anspruch zu nehmen gewußt , ohne dieser durch irgend eine angenehme Leistung zu lohnen . Die Tante hörte mich ruhig an , drückte dann ihr Bedauern aufrichtig aus , vermied aber , da sie mich entschlossen sah , für jetzt alle weitere Einwendung . So verging ein Tag nach dem andern . Das böse Wetter trat ein . Erst Schnee und Frost , dann das Thauwetter . Die Posten blieben aus . Ihre Briefe , die mich endlich bestimmen sollten , kamen nicht , wie ich es erwartet hatte . Ich ward unruhig . Die Tante bemerkte es . » Was ängstigst Du Dich denn so ? « fragte sie theilnehmend . » Solche Eile wird es ja doch nicht mit der Reise haben . « Ich war verlegen , denn im Grunde lag die Ursache der Eile nur in meiner Ungeduld . » Sieh ' mal , Kind , « bemerkte sie eindringlich , » jetzt kannst Du doch nicht fort . Du machst Dir keinen Begriff hier im Hause , wie es draußen auf der Heerstraße aussieht . Leute und Pferde fallen ja in die ausgefahrnen Gründe hinein , daß man denkt , sie könnten im Leben nicht wieder aufstehen . « - » Sie stehen aber wieder auf , Tantchen ! « unterbrach ich sie lachend . » Nicht alle , und nicht immer ! « versicherte sie . » Und noch dazu bist Du allein mit der Johanna . Was fangt ihr zwei Frauen denn in solcher Noth in unbekannter Gegend , allein , zu jeder Tagesstunde an ? Ist es denn weit von hier , Kind , « fragte sie nach kurzer Pause , » wo Du hin willst ? « Ich bejahte es , noch immer sorglos und muthig in meinem Innern . » Wie heißt denn der Ort ? « Hugo ! ich erröthete , ob aus Freude oder Scham ? das weiß ich nicht , als ich » Wehrheim , « sagte ! » Wehrheim ! Wehrheim ! « besann sie sich ungewiß . » Hast Du mir nicht den Ort genannt ? Ist es nicht ? - Liebes Kind , was willst Du da machen ? « rief sie erschrocken . » Ei mein Gott , wie kommst Du dahin ? Hast Du Niemand in Deiner Familie , dem Du vertrauest ? Mußt Du bei den Leuten Schutz suchen , die Dich in so schlimmes Gerede brachten ? « Sie setzte sich hier , der Schreck hatte sie übermannt , sie sah ganz blaß aus . Ich wollte ihre gutmüthige Schwäche belächeln , aber es war , als habe sie mich angesteckt . Ich konnte ihr umwölktes , feuchtes Auge nicht sehen , mit dem sie mich zu fragen schien : Ist es möglich ? Hast Du Alles vergessen ? Sieh ' Kind , wenn ich es tadle , was hoffst Du denn von andern Menschen ? Ich nahm mich