Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen Rosalia . - Keine Kasteiung , - keine Buße im Sinn des Klosters ; aber als die Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabschoß , war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt . - Nicht nur Cyrillus ' Mahnung , sondern eine innere unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat trieb mich fort auf demselben Pfade , den ich bis nach Rom durchwandert . Ohne es zu wollen , hatte ich , indem ich meinem Beruf entfliehen wollte , den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior Leonardus bestimmten Ziel genommen . - Ich vermied die Residenz des Fürsten , nicht weil ich fürchtete , erkannt zu werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu fallen , aber wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort betreten , wo ich in frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Glück zu trachten mich vermaß , dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte - ach , wo ich , dem ewigen reinen Geist der Liebe abgewandt , für des Lebens höchsten Lichtpunkt , in dem das Sinnliche und Übersinnliche in einer Flamme auflodert , den Moment der Befriedigung des irdischen Triebes nahm ; wo mir die rege Fülle des Lebens , genährt von seinem eigenen üppigen Reichtum , als das Prinzip erschien , das sich kräftig auflehnen müsse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen , das ich nur unnatürliche Selbstverleugnung nennen konnte ! - Aber noch mehr ! - tief im Innern fühlte ich trotz der Erkräftigung , die mir durch unsträflichen Wandel , durch anhaltende schwere Buße werden sollte , die Ohnmacht , einen Kampf glorreich zu bestehen , zu dem mich jene dunkle , grauenvolle Macht , deren Einwirkung ich nur zu oft , zu schreckbar gefühlt , unversehends aufreizen könne . - Aurelien wiedersehen ! - vielleicht in voller Anmut und Schönheit prangend ! - Konnt ' ich das ertragen , ohne übermannt zu werden von dem Geist des Bösen , der wohl noch mit den Flammen der Hölle mein Blut aufkochte , daß es zischend und gärend durch die Adern strömte . - Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt , aber wie oft regten sich dabei Gefühle in meinem Innersten , deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des Willens vernichtete . Nur in dem Bewußtsein alles dessen , woraus die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging , und dem Gefühl meiner Ohnmacht , die mich den Kampf vermeiden hieß , glaubte ich die Wahrhaftigkeit meiner Buße zu erkennen , und tröstend war die Überzeugung , daß wenigstens der höllische Geist des Stolzes , die Vermessenheit , es aufzunehmen mit den dunklen Mächten , mich verlassen habe . Bald war ich im Gebirge , und eines Morgens tauchte aus dem Nebel des vor mir liegenden Tals ein Schloß auf , das ich , näher schreitend , wohl erkannte . Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks waren verwildert , die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt ; auf dem sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase Vieh , - die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen - der Aufgang verfallen . - Keine menschliche Seele ließ sich blicken . - Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Einsamkeit . Ein leises Stöhnen drang aus einem noch ziemlich erhaltenen Boskett , und ich wurde einen alten eisgrauen Mann gewahr , der in dem Boskett saß und mich , unerachtet ich ihm nahe genug war , nicht wahrzunehmen schien . Als ich mich noch mehr näherte , vernahm ich die Worte : » Tot - tot sind sie alle , die ich liebte ! - Ach , Aurelie ! Aurelie - auch du ! - die letzte ! - tot - tot für diese Welt ! « Ich erkannte den alten Reinhold - eingewurzelt blieb ich stehen . - » Aurelie tot ? Nein , nein , du irrst , Alter , die hat die ewige Macht beschützt vor dem Messer des freveligen Mörders . « - So sprach ich , da fuhr der Alte , wie vom Blitz getroffen , zusammen und rief laut : » Wer ist hier ? - wer ist hier ? Leopold ! - Leopold ! « - Ein Knabe sprang herbei ; als er mich erblickte , neigte er sich tief und grüßte : » Laudetur Jesus Christus ! « - » In omina saecula saeculorum , « erwiderte ich , da raffte der Alte sich auf und rief noch stärker : » Wer ist hier ? - wer ist hier ? « - Nun sah ich , daß der Alte blind war . - » Ein ehrwürdiger Herr , « sprach der Knabe , » ein Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier . « Da war es , als erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen , und er schrie : » Fort - fort - Knabe , führe mich fort - hinein - hinein - verschließ die Türen - Peter soll Wache halten - fort , fort , hinein ! « Der Alte nahm alle Kraft zusammen , die ihm geblieben , um vor mir zu fliehen wie vor dem reißenden Tier . Verwundert , erschrocken sah mich der Knabe an , doch der Alte , statt sich von ihm führen zu lassen , riß ihn fort , und bald waren sie durch die Türe verschwunden , die , wie ich hörte , fest verschlossen wurde . - Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner höchsten Frevel , die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten , und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht . Ermüdet setzte ich mich an den Fuß eines Baumes in das Moos nieder ; unweit davon war ein kleiner Hügel aufgeschüttet , auf welchem ein Kreuz stand . Als ich aus dem Schlaf , in dem ich vor Ermattung gesunken , erwachte , saß ein alter Bauer neben mir