Sulpicia an Calpurnien . Ecbatana , im Febr . 303 . Wie vom düstern Strande des Cocyt und den Reichen der Schatten , kömmt dieser Brief zu dir . Mühsam bin ich noch diesmal dem Nachen des Charon entronnen , und zu dem Reste von Leben erwacht , der der zerstörten Maschine noch übrigt . Die Reise , die Luftveränderung , statt wohlthätig auf mich zu wirken , hatte mich ganz erschöpft . Mit Todesgedanken betrat ich den königlichen Palast , den ich wohl nicht lebend mehr verlassen werde . Nach einigen Tagen fühlte ich mich so weit erholt , daß ich , dem Wunsche meines Gemahls zufolge , die Ceremonien der Krönung mitmachen konnte . Aber sie waren kaum vorüber , so sanken meine Kräfte völlig , und ich schwebte mehr als einen Monat zwischen Leben und Tod . Ich genas endlich wieder , das heißt , ich kann in dem sonnigen Porticus meines Palastes und in den Gärten langsam herumschleichen , die eben jetzt unter dem Hauche des Frühlings zu erwachen beginnen . Bald wird auch das wieder aufhören , ich fühle das mörderische Eisen , das die Parze an den morschen Faden meines Lebens legt , und bald wird von deiner Freundin nichts mehr übrig seyn , als was eine Urne füllt . Und warum hat ein eisernes Geschick mein Urtheil so streng , so unwiderruflich gesprochen ! Warum hat mich seit meiner Kindheit das Unglück unabtrennbar begleitet ? Wie wenig frohe Stunden wurden mir zum Theil ? Und jetzt , wo endlich alle Kämpfe aufgehört haben , alle Hindernisse besiegt sind - jetzt soll ich sterben ? wie hart , wie ungerecht ist dieses Loos ! Haben denn nicht alle Geschöpfe Ansprüche auf Glück ? Auch das geringste Insekt ist mit den Fähigkeiten dazu ausgerüstet , und erfüllt diesen Zweck und ist in sich vollendet . Nur der Mensch allein darf sich des Vorrechts rühmen , vernünftig und elend zu seyn . So beschämt uns der Wurm , der zu unsern Füßen kriecht , und wir wären tausendmal glücklicher , wenn wir nichts als den blinden Instinkt von der Natur erhalten hätten , wenn unsere Wünsche mit unserm Vermögen gleichen Schritt hielten , und keine Voraussehung uns die Freuden der Gegenwart vergiftete . Sage mir , Calpurnia - ich flehe dich darum an - sage mir aus Mitleid , wenn du es aus Ueberzeugung nicht kannst , daß es jenseits der Urnen noch Etwas gibt - daß wir nicht ganz vergehen . Ich habe mir den Phädon1 des großen Plato bringen lassen . Tiridates selbst las ihn mir vor . Ach so lange die Worte des Weisen mir durch seine Stimme die Seele berührten , schwiegen die Zweifel , ich hörte ihn , mein Herz ward aufgeregt , aber mein Verstand blieb müßig . Als ich allein war , und die Rolle in die Hand nahm , da suchte ich mit Mühe , mit einer Art von Angst , und fand - Vermuthungen , Wahrscheinlichkeiten , individuelle Beruhigungen , die gerade den Sokrates in seiner Lage und Gemüthsstimmung ansprachen , aber nichts , das meine Zweifel löste . Alt , lebenssatt , von seiner Xantippe geplagt , und von seinen undankbaren Mitbürgern verkannt , welche Reize konnte die Erde für ihn haben ? Wie leicht konnte er sich über den Abschied von ihr trösten , wie bald mit einem Zustande zufrieden seyn , der so leicht besser seyn konnte , als sein gegenwärtiger ? Er hatte keine Jugend , keinen Thron , keinen geliebten Gemahl zu verlassen ! Auch du , Calpurnia , bist nicht glücklich ! Das sagen mir deine Briefe . Es ist ein seltsamer Streit in deinem Herzen . Du liebst deinen Freund mehr , als du ihm zeigen darfst , mehr , als du selbst glaubst , und dennoch hindert dich theils dein altes System von Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit , theils sein unbestimmtes Betragen , dich dem mächtigen Zuge deines Herzens zu überlassen , der dich trotz aller jener Hindernisse zu ihm führt . Was bleibt da für Hoffnung übrig , diesen Streit geschlichtet , und eure Herzen vereinigt zu sehen ? Es ist etwas , das sich stets zwischen Euch legt , und eure Annäherung nie bis über einen gewissen Punkt gehen laßt . Keines hat den Muth , diese Schranken zu durchbrechen , und so quält ihr einander wechselseitig . Aber das ist Menschenloos , und ihr tragt die Schuld eures Geschlechts . Es soll nicht glücklich seyn , das steingeborne Wesen , es soll sein Leben in Kämpfen , Leiden und Entbehren zubringen , und wenn einst das Geschick , müde seine Launen an ihm zu versuchen , von ihm ablaßt , dann nimmt es der Tod zur letzten Ruhe in seine kalten Arme , und auf dem Scheiterhaufen verlodert endlich das Herz , das hier stets vergebens glühte . So wird es auch dir ergehen , wenn einst ein glücklicher Zufall dich ganz mit deinem Freund vereinigen sollte . Hoffe nichts Besseres , du bist ein Kind der harten Erde ! Die schwarze Gestalt , die schluchzend aus dem Zimmer stürzte , ist euer böser Genius . Als ich die Stelle las , überlief mich ein unwillkührliches Grauen . Das ist das Gekrächz der Raben , rief eine Stimme in mir . Ich kann nur wünschen , daß die Vorbedeutung trügen möge ! Ueberhaupt ist dein Schritt sehr gewagt , und ich bin weder mit deiner Kühnheit , noch mit Agathokles Betragen zufrieden . So muß der Mann , um dessentwillen ein schönes , gesuchtes , edles Mädchen so weit geht , nicht mit ihr sprechen ! Er soll sein Glück fühlen , er soll davon hingerissen seyn - aber diese stolzen Männerseelen erkalten schnell , sobald sie fühlen , daß ihr Unglück , ihre Vorzüge oder sonst ein Zufall unser Herz für sie erwärmt hat . - O Calpurnia ! Denke der Warnungen , die ich dir noch in Rom schrieb ; denke der Fabel des Tantalus