so fremd als kenne er nicht die vertrauten Räume und müsse sich erst besinnen , wo er sei , nur als sein Auge auf die geschlossene Thür zum Gemach seiner Mutter fiel , zuckte er zusammen . » Wo ist Wanda ? « fragte er endlich . » In ihrem Zimmer . Willst du sie sehen ? « Der junge Fürst machte eine abwehrende Bewegung . » Nein ! Sie würde mich auch mit Abscheu , mit Verachtung zurückstoßen – ich habe genug an dem einen Mal . « Er stützte sich schwer auf den Sessel ; die sonst so helle , jugendfrische Stimme klang matt und gebrochen . Man sah es , die Scene mit der Mutter war ihm ans Leben gegangen . » Leo , « sagte Waldemar ernst , » hättest du mich nicht so furchtbar gereizt , ich hätte dir die Nachricht nicht so schonungslos mitgeteilt . Aber du brachtest mich aufs Aeußerste mit jenem verhängnisvollen Worte . « » Sei ruhig ! Die Mutter hat es mir zurückgegeben . Ich bin ihr jetzt der Verräter , der Ehrlose . Ich habe das anhören müssen und – schweigen . « Es lag etwas Unheimliches in dieser starren , dumpfen Ruhe des sonst so leidenschaftlich aufbrausenden Jünglings ; die eine halbe Stunde schien seine ganze Natur verändert zu haben . » Folge mir ! « drängte Waldemar . » Du mußt doch fürs erste noch im Schlosse bleiben . « » Nein , ich will nach W. hinüber , sofort . Ich muß wissen , was aus meinem Oheim und den Seinigen geworden ist . « » Um Gottes willen ! « rief der Bruder entsetzt . » Du willst doch nicht den Wahnsinn begehen , jetzt am hellen Tage die Grenze zu passieren ? Das wäre ja offenbarer Selbstmord . « » Ich muß , « beharrte Leo . » Ich kenne den Ort , wo der Uebergang noch möglich ist . Habe ich heute morgen den Weg gefunden , so werde ich ihn auch zum zweitenmal finden . « » Und ich sage dir : du kommst jetzt nicht hinüber . Seit heute morgen ist die Bewachung verstärkt auch auf unsrer Seite , und drüben steht eine dreifache Postenkette , Sie haben Befehl , jeden niederzuschießen , der die Losung nicht kennt . Und du kommst in jedem Falle zu spät . In W. ist die Entscheidung längst gefallen . « » Gleichviel ! « brach Leo aus , plötzlich aus seiner Erstarrung in die wildeste Verzweiflung übergehend . » Irgend einen Kampf wird es da drüben doch noch geben , nur einen einzigen , und mehr brauche ich nicht . Wenn du wüßtest , was die Mutter mir angethan hat mit ihren furchtbaren Worten ! Sie weiß es ja , daß , wenn ich den Untergang der Meinigen verschuldete , ich auch den ganzen Fluch , die ganze Hölle dieses Bewußtseins tragen muß ; sie hätte barmherzig sein müssen , und sie hat mich – – O mein Gott , es ist doch meine Mutter , und ich bin so lange ihr alles gewesen . « Waldemar stand erschüttert da vor diesem Ausbruche des Schmerzes . » Ich will Wanda rufen , « sagte er endlich . » Sie wird – « » Sie wird das gleiche thun . Du kennst nicht die Frauen unsres Volkes . Aber ebendeshalb « – es brach mitten durch die Verzweiflung des jungen Fürsten etwas wie ein düsterer Triumph – , » ebendeshalb hoffe du nichts von ihnen ! Wanda wird dir nie angehören , niemals , auch über meine Leiche hinweg nicht . Und wenn sie dich liebt , und wenn sie stirbt an dieser Liebe – du bist der Feind ihres Volkes ; du hilfst mit an seiner Unterdrückung : das spricht dir bei ihr das Urteil . Eine Polin wird nicht dein Weib . Und es ist gut , daß es so ist , « fuhr er tief aufatmend fort . » Ich hätte nicht ruhig sterben können , mit dem Gedanken , sie in deinen Armen zu wissen ; jetzt kann ich ' s – sie ist dir verloren wie mir . « Er wollte forteilen , blieb aber plötzlich wie gebannt stehen . Einige Sekunden lang schien er zu schwanken , dann ging er langsam , zögernd zu der Thür , die in das Arbeitskabinett der Fürstin führte . » Mutter ! « Drinnen blieb alles still – nichts regte sich . » Ich wollte dir lebewohl sagen . « Keine Antwort . » Mutter ! « Die Stimme des jungen Fürsten bebte in angstvollem , herzzerreißendem Flehen . » Laß mich nicht so von dir gehen ! Wenn ich dich nicht sehen soll , so sage mir wenigstens ein Wort des Abschiedes , nur ein einziges ! Es ist ja das letzte . Mutter , hörst du mich nicht ? « Er lag auf den Knieen vor der verriegelten Thür und preßte die Stirn dagegen , als müsse sie sich ihm aufthun . Es war vergebens – die Thür blieb geschlossen , und von drinnen kam kein Laut . Die Mutter hatte kein Abschiedswort für ihren Sohn , wie die Fürstin Baratowska keine Verzeihung für sein Vergehen hatte . Leo erhob sich von den Knieen . Sein Antlitz war wieder starr wie vorhin , nur um die Lippen zuckte ein Ausdruck von so wildem bitterem Weh , wie er es wohl noch niemals in seinem Leben empfunden . Er sprach kein Wort ; er nahm schweigend den Mantel auf , den er vorhin abgeworfen , legte ihn um die Schultern und ging dann der Thür zu . Der Bruder versuchte vergebens ihn zurückzuhalten . Leo drängte ihn beiseite . » Laß mich ! Sage Wanda – nein , sage ihr nichts ! Sie liebt mich ja nicht ; sie hat mich ja aufgegeben um deinetwillen . Leb wohl ! « Er stürmte fort . Waldemar stand einige Minuten lang völlig ratlos .