worden . Erfahren habe ich es freilich nie , aber meine Begnadigung drückte das Siegel auf den Verdacht . Nach vier Wochen stand ich wieder vor dem Minister . Ich hatte Alles versucht , mich von dem schändlichen Verdachte zu reinigen , und Alles war gescheitert . Ich blieb ausgestoßen , gemieden , verfehmt von meinen Parteigenossen , aber auch ich war jetzt fertig mit ihnen . Bis hierher war ich ohne Schuld . Noch lag ein letzter Ausweg vor mir : ich konnte mein Vaterland verlassen und anderswo ein neues Leben beginnen , um meiner Ueberzeugung treu zu bleiben , wie Rudolph es später that , als er frei wurde . Das hätte mich schließlich doch gerechtfertigt , wenn auch erst nach Jahren , aber für den Heroismus des Märtyrerthums habe ich nie Verständniß besessen . Auf der einen Seite stand das Exil , mit all seinen Entsagungen und Bitterkeiten , auf der anderen eine Laufbahn , die meinem Ehrgeiz volle Befriedigung verhieß . Ich täuschte mich nach den letzten Vorgängen nicht mehr darüber , was von mir verlangt wurde , wenn ich das Anerbieten meines Chefs annahm , aber Alles in mir gährte auf in glühendstem Hasse gegen die , welche mich verurtheilten , ohne mich auch nur zu hören . Der erlittene Schimpf , die Ungerechtigkeit der ehemaligen Freunde trieben mich geradewegs in das Lager der Feinde hinüber . Ich wußte , daß der Preis meiner neuen Laufbahn meine Ueberzeugung war , und – ich brach mit meiner Vergangenheit und leistete das geforderte Versprechen . “ Die Stimme des Freiherrn , seine kurzen , heftigen Athemzüge verriethen , wie furchtbar diese Erinnerungen in ihm wühlten . Gabriele hörte in angstvoller Spannung zu , aber sie wagte es jetzt nicht , ihn mit einer Frage zu unterbrechen . Er hatte sie aus seinen Armen gelassen , und sein Ton klang matt und dumpf , als er fortfuhr : „ Von diesem Augenblicke an kennst Du und die Welt meine Laufbahn . Ich wurde der Secretär des Ministers , wurde sein Freund und Vertrauter , schließlich sein Schwiegersohn . Sein mächtiger Einfluß räumte all die Hindernisse fort , die dem bürgerlichen Emporkömmlinge im Wege standen , und als die Bahn erst einmal frei war , da brauchte ich nur meine eigenen Kräfte zu regen . Daß meine ganze Vergangenheit dabei venichtet und verleugnet werde mußte , war selbstverständlich ; ich hatte es ja gewußt und es lag nicht in meinem Charakter , irgend etwas halb zu thun . Meine Natur neigte ohnehin zum Despotischen , Macht und Herrschaft hatte stets für mich einen beinahe dämonischen Reiz gehabt , jetzt lernte ich sie kennen und eine unglaublich schnelle Carrière und glänzende äußere Erfolge halfen mir schneller , als ich glaubte , über die alten Erinnerungen hinweg . Der stete Einfluß meines Schwiegervaters , den ich aufrichtig verehrte , die Kreise , in denen ich fortan lebte , thaten das Uebrige . Ich mußte vorwärts , ohne umzublicken , und ging vorwärts . Der Weg führte freilich über die Trümmer meiner einstigen Ideale , aber ich erreichte das Ziel – um so zu enden ! “ „ Aber es ist ja nur eine Verleumdung , eine Lüge , die Dich stürzt ! “ fiel Gabriele ein . „ Das wird und muß doch offenbar werden . “ Raven schüttelte finster das Haupt . „ Kann ich die Welt zu dem Glauben zwingen , den sie mir versagt ? Ich habe es ja bereits aus dem Munde Rudolph Brunnow ’ s hören müssen , daß ich das Recht auf Glauben verwirkt habe . Er freilich kann jeder Anklage entgegentreten mit seiner reinen Stirn , seine Vertheidigung würde nicht ungehört verhallen , denn seine Vergangenheit , sein ganzes Leben zeugt für ihn – die meinige verurtheilt mich . Wer seine Ueberzeugung abschwor , der kann ja wohl auch seine Freunde verrathen haben . Der Fluch jener unseligen Stunde , in der ich mir selbst untreu wurde , fällt jetzt auf mich und macht mich ohnmächtig , der Verleumdung zu begegnen , die mich stürzt . “ „ Und wer stürzt Dich ? “ rief Gabriele aufwallend . „ Die , um deren willen Du das Alles gethan , denen Du Alles geopfert hast . O , welche Undankbarkeit ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 35 , S. 582 – 584 Fortsetzungsroman – Teil 27 [ 582 ] „ Undankbarkeit ? Habe ich denn ein Recht , Dankbarkeit von jenen Menschen zu verlangen ? “ fragte Raven mit ruhiger Bitterkeit . „ Zwischen uns hat nie irgend ein Band des Vertrauens existirt . Sie brauchten mich zur Ausführung ihrer Pläne , und ich brauchte sie um emporzusteigen . Es war ein ewiger Kriegszustand , ein ewiges Abwägen der gegenseitigen Kräfte . Ich habe sie oft genug die Macht des gehaßten Empörkömmlings fühlen lassen ; jetzt , da die Macht in ihren Händen ist , stürzen sie mich . Ich konnte und durfte nichts Anderes erwarten , aber ich fühle jetzt , daß Rudolph Recht hat . Es ist doch etwas werth , an sich selber und an seine Ideale zu glauben . Wer mit und für seine Ueberzeugung fällt , der kann auch den Fall ertragen . Wer wie ich die besten Kräfte seines Lebens an eine Sache setzte , der er kein Herz entgegenbrachte und die er im Grunde seiner Seele anklagen und verachten mußte , dem bleibt nichts , woran er sich im Sturze halten kann . “ „ Und ich ? “ sagte Gabriele vorwurfsvoll . „ Ja Du ! “ rief der Freiherr mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit aufflammend . „ Du bist mir noch allein geblieben . Ohne Dich hätte ich dieses Ende nicht ertragen . “ „ Wirst Du es denn überhaupt ertragen ? “ fragte das junge Mädchen beklommen . „ Ach