Kind entreißen , unter dem Vorwande , daß der einzige ehrenfeste , unbescholtene Mann der Familie auch nur den einzigen jungen Träger des Namens erziehen dürfe , aber seine Hand hat ein Menschenleben schwer geschädigt , und die Intrige , durch die Gabriel und seine Mutter verstoßen worden sind , wirft unauslöschliche Flecken auf den › Nimbus des Edelmannes ‹ . Du kannst ruhig sein angedrohtes Vorgehen abwarten ; Leo wird ihm nie zugesprochen werden . « Hatte sie gemeint , der Schuldige sei unter der Wucht der Anklagen und des so plötzlich aufgerüttelten Gewissens vollständig zusammengebrochen , so war das ein Irrtum gewesen . Schon bei dem Hinweise auf seine geknickte Haltung hatte er sich mittels eines energischen Ruckes steif aufgerichtet ; bei der Anschuldigung bezüglich Gabriels und seiner Mutter nickte er wiederholt , wie amüsiert , mit dem Kopfe , und jetzt brach er in schallendes Hohngelächter aus . » Das Tableau meiner Verbrechen ist ja famos zusammengestellt , schöne Frau ... Ich sag ' s ja , diese Weiber mit den roten Flechten sind Teufel im kühl ausgesonnenen Intrigieren . Tausend noch einmal , was für pikante Sachen ! ... Und das wird theatralisch effektvoll vorgetragen im eilig übergeworfenen schwarzen Trauergewande , das Sie , beiläufig gesagt , blaß und unschön wie ein Gespenst macht – « » Onkel , kein Wort weiter ! « rief Mainau erbittert und zeigte zum erstenmale nach der Thür . » Schön , schön – ich werde gehen , wenn es mir beliebt . Aber jetzt bin ich der Angegriffene und bin es mir schuldig , Licht in diese Geschichte zu bringen ... Was Sie so plötzlich so siegesgewiß , so unglaublich herausfordernd mir gegenüber macht , gnädige Frau – ich kann mir ' s denken . Während wir hier stritten , sind Sie voll leichtverzeihlicher Neugier hinübergegangen , um das › unglückliche Weib ‹ sterben zu sehen . Das gibt einen köstlichen Nervenreiz ; das kajoliert den schauerbedürftigen diabolischen Zug in der weiblichen Natur – « » Ich bitte dich , Raoul , thue nichts , was du später bitter bereuen müßtest ! « rief Liane , mit beiden Armen Mainau umschlingend , der , außer sich , auf den giftigen Sprecher losstürzen zu wollen schien . » Der weiblichen Natur , « wiederholte der alte Herr hämisch lächelnd , da Mainau , zornig den Boden stampfend , ihm den Rücken zuwandte . » Möglich , daß die gelähmte Zunge der › armen Bajadere ‹ im Delirium des Sterbens noch einmal – es soll ja dergleichen vorkommen – so viel Beweglichkeit zurückerhalten hat , verwirrtes Zeug zu lallen , sehr möglich sogar . Aber welcher vernünftige Mensch nimmt dergleichen für bare Münze , oder formuliert gar solch mirakulöses Zeug zu ehrenkränkenden Anklagen ? ... Meinen Standesgenossen , wie sie auch heißen mögen , dürften Sie mit diesen allerliebsten Neuigkeiten nicht kommen . Man kennt mich und würde von der zweiten Frau meines Schwiegersohnes einfach behaupten , daß sie mit Ränken umzugehen wisse . « » Sprich weiter , Liane ! Ich fürchte , die Herren Standesgenossen werden Dinge zu hören bekommen , die den Begriff vom angeborenen Adel kläglich zu schanden machen , « sagte Mainau schneidend . » Aber sprich zu mir ! Du hörst ja , der Herr Hofmarschall hat mit der Sache nichts zu schaffen , mich aber spannt sie auf die Folter . « » Die Frau im indischen Hause war tot , als ich hinüberkam ; über ihre Lippen ist dreizehn Jahre lang kein verständliches Wort gekommen , und so ist sie auch gestorben , « versetzte die junge Frau ; sie verstummte für einen Moment wieder und schloß die Augen ; ein abermaliger Schwindel überfiel sie . Sie stützte sich fest auf die Tischplatte und fuhr rascher fort : » Was ich zu sagen habe , weiß ich von einem Zeugen , der seit Onkel Gisberts Rückkehr aus Indien in Schönwerth gewesen ist , einem Zeugen , der nicht faselt , sondern genau weiß , daß er das , was er behauptet , nötigenfalls beschwören muß . « Sie sprach in der That zu Mainau , als sei der Mann mit der aufhorchenden , nicht zu unterdrückenden Besorgnis in den gespannten Zügen hinausgegangen , und sie erzählte , wie er sich , unterstützt von dem Geistlichen , zum Herrn von Schönwerth gemacht , mit welcher raffinierten Grausamkeit Onkel Gisbert von der Frau getrennt worden war , die er bis zu seinem letzten Atemzuge geliebt hatte ... Dazwischen klang spöttisches Kichern oder ein gemurmelter Fluch zu ihr herüber , aber sie ließ sich nicht beirren . Nur als der Name der Löhn zum erstenmale auf ihre Lippen trat , da mußte sie innehalten . » Die Bestie ! Diese Natter ! « unterbrach sie der Hofmarschall in einem Gemische von Wut und schrillem Auflachen . » Sie ist Ihr Gewährsmann , meine Gnädigste ? ... Sie haben mit dem rohesten , ungeschliffensten Weibe der gesamten Schönwerther Dienerschaft geklatscht und wollen nun daraufhin mich , mich angreifen ? « » Weiter , Liane ! « drängte Mainau mit bleichem Gesichte . » Lasse dich nicht irre machen ! Ich sehe bereits allzu klar . « » Mögen Sie auch alle diese Behauptungen der Löhn zu entkräften verstehen , weil Sie allerdings mit scharfem Auge selbst über jeden , auch den kleinsten Vorgang in Schönwerth gewacht haben – eines können Sie nicht bestreiten , denn Sie wissen nicht darum , Sie haben keine Ahnung von dem Geschehenen , « wandte sich die junge Frau noch einmal an den Hofmarschall selbst , » die Indierin war , trotz Ihrer Wachsamkeit , wenige Tage vor seinem Tode noch einmal bei Onkel Gisbert ; er ist gestorben mit der Ueberzeugung , daß sie unschuldig verleumdet worden ist . « » Bah , Sie tragen die Farben allzu dick auf , liebe kleine Frau . Sie sollten wissen , daß das jedweder Darstellung die Grundbedingung , die Glaubwürdigkeit , nimmt ,