als ihnen vom Schicksal gewährt wird ? Was nützt dem Dürstenden in der Wüste , der nach einem Tropfen Wasser lechzt , ein Sack voll Perlen ? Er gäbe ihn gerne hin , wenn er sich dafür das Ersehnte erkaufen könnte . Wer wird ihm sagen : Du hast einen kostbaren Schatz , warum bist Du nicht zufrieden ? Wer wird ihm einen Vorwurf daraus machen , daß er ein Mensch von Fleisch und Blut ist , der trinken muß , wenn er leben will ? Höchstens kann man ihm sagen : wenn Du weißt , daß Du Wasser nicht entbehren kannst , warum gehst Du in die Wüste ? Das ist der Punkt , wo uns eine Ver ­ antwortung trifft . Wenn wir uns der Bedingungen unseres Seins bewußt sind , so können und sollen wir ermessen , ob das , was wir ergreifen , denselben ent ­ spricht , vorausgesetzt , daß uns die Vorsehung das Recht der freien Selbstbestimmung in die Hände legte . Tat sie das und wir wählen falsch , so ist es unsere Schuld , wenn wir elend werden ! Ein ungewöhnliches Glück nenne ich es daher , wenn uns die Vorsehung gestattet , das unserm Wesen völlig Entsprechende zu ergreifen . Gestattet sie uns das nicht , so ist auch der innerlich freiste Mensch nicht verantwortlich für sein Schicksal , er leidet und duldet unter dem Banne einer höheren Macht ! “ Ernestine lauschte ihm mit unverhehlter Bewunderung . Er sah es und fuhr fort : „ Wir , mein Fräulein , stehen uns einander frei gegenüber , deshalb sind wir uns einander verantwort ­ lich , deshalb müssen wir die Augen offen halten . Die gütige Gottheit , das fühlen Sie gewiß mit mir , hat uns einander zugeführt , aber die Entscheidung über das , was wir uns sein wollen , in unsere Hände ge ­ legt : zeigen wir uns dieses Vertrauens würdig , prüfen wir uns ! Es ist ein großer Augenblick , in dem zwei Menschen sich gegenseitig als ihr verkörpertes Schick ­ sal erkennen . Ich sehe es Ihnen an , Sie empfinden ihn gleich mir . — Doch nicht in Herzensergüssen , nicht in Überschwänglichkeiten , nur in ernster Fassung , in ruhiger Klarheit will er gefeiert sein ! “ Er ergriff ihre Hand und sah sie lange und fest an . Sie stand still und ergeben vor ihm . Ein schöner Frieden strömte von seiner hohen Stirn auf sie nieder . Und wieder trat jenes inhaltsreiche Schweigen ein , wie es Menschen lieben , die mehr auf dem Herzen haben , als sie sagen wollen oder dürfen . Da öffnete die Willmers leise die Tür . „ Es ist eine Dame draußen , die Sie zu sprechen wünscht , Fräulein . “ „ Mich ? “ fragte Ernestine , unangenehm überrascht . „ Wer ist es denn ? “ „ Sie will sich nicht nennen und nicht abweisen lassen . Sie meinte , wenn das Fräulein jetzt keine Zeit habe , so käme es ihr nicht darauf an , zu warten . “ „ Sagten Sie ihr , daß ich Besuch habe ? “ „ Nein , man kann ja nicht wissen , ob es der Herr Oheim “ , — sie warf einen verlegenen Blick auf Johannes — „ nicht durch die Dame erführe ! “ Ernestine sah betroffen vor sich nieder . „ Das ist wahr , — wenn der Zufall wollte , — o , was ist da zu tun ? Welche Verlegenheit ! “ „ Ich dachte , wenn sich der Herr von mir durch das Laboratorium und die Hintertreppe hinabführen ließe ? “ schlug die Willmers ängstlich bittend vor . „ Soll ich das ? “ frug Johannes nicht ohne einen Anflug von Unwillen . Ernestine sah mit Besorgnis die Willmers an . „ Tun Sie es “ , bat sie , — „ nur aus Schonung für die arme Frau , die des Oheims ganzer Zorn träfe , würde es ihm verraten , daß sie unser Zusammensein unterstützte . “ „ Ich muß mich Ihren Wünschen fügen , aber nur für heute noch “ , sagte er ruhig und reichte ihr die Hand : „ Wann darf ich wieder kommen ? “ „ Nächsten Sonnabend , nicht wahr ? “ Johannes wußte wohl , wehalb sie gerade diesen Tag bezeichnete , aber er schwieg und folgte der voraneilenden Willmers . Unter der Tür sah er sich noch einmal nach Ernestinen um , sie las eine Verstimmung in seinen Zügen und eilte ihm nach . „ Bitte , zürnen Sie mir nicht , mein guter Herr ! “ Johannes ward durch diese Innigkeit des sonst so starren Wesens tief gerührt . Er zog ihre Hand an seine Lippen und flüsterte weich : „ Nie , niemals werde ich Ihnen zürnen . Gott behüte Sie ! “ Die Tür schloß sich hinter ihm und Ernestine , noch tief bewegt von Allem , was sie erlebt , halb wachend , halb träumend , ging nach dem Vorzimmer , um die dort harrende Fremde einzulassen . Die Worronska stand vor ihr in ihrer ganzen Pracht . Ernestine hatte in ihrem Leben noch keine so außerordentliche Erscheinung gesehen . Sie war förmlich geblendet . Das braune junoische Auge der gewaltigen Frau ruhte mit einem Ausdruck gehässiger Neugierde auf ihr , die schwarzen Brauen waren finster zusammengezogen ; es lag etwas so Hartes , Übermütiges in ihrem ganzen Wesen , daß Ernestine im Innersten davon verletzt war , bevor sie ein Wort gesprochen . Die Art , mit welcher diese Frau sie vom Scheitel bis zur Zehe maß , rief eine Erinnerung an die Pein in ihr wach , welche ihr einst die Blicke jener vornehmen Damen bei der Staatsrätin bereiteten . Eine Sekunde lang wollte sie jenes Gefühl der Schüchternheit und Verlegenheit von damals wieder beschleichen , sie fühlte sich selbst wieder verschwinden und verblassen gegenüber dieser hochfahrenden glänzenden Persönlichkeit , aber sie