er sich auch zeigen mag ! Daß kein Mensch seine Laster sehen will und ganz fremde Leute , darauf versessen , ihn kennenzulernen , das windigste Entzücken äußern und ihn verhätscheln , als ob sie verzaubert wären , als ob er ihnen ein Liebestränkchen eingegeben hätte ! Das erbitterte Quandt . Er sagte sich : nehmen wir an , ich träte unter unbekannte Menschen und gäbe vor , der Heilige Geist oder sein Apostel zu sein oder spielte mich als Wundertäter , auf , und es fiele dem oder jenem bei , ein wirkliches Wunder zu verlangen , und ich müßte zugeben , es sei die blanke Spiegelfechterei , was würde da passieren ? Man würde mich ins Narrenhaus stecken oder mit Prügeln traktieren ; ja , das würde man , wenn ich auch noch so ein Engelsgesicht aufsetzte , das würde man , und mit Recht ; nicht aber würde man mich mit Geschenken überhäufen und mich anhimmeln und meine schönen Augen und weißen Hände bewundern und mir Haare zum Andenken abschneiden , wie ich das , Gott seis geklagt , von einer verblendeten Menschheit hier erleben muß . Aus einem Selbstgespräch solcher Art geht klar hervor , wieviel Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkämpfe dem Lehrer aus dem Umgang mit seinem Zögling erwuchsen . Und was war früher mit ihm ? grübelte Quandt . Wo kommt er eigentlich her ? Dahinter müßte doch zu kommen sein . Wie hat er sich das alles zurechtgelegt , womit er die Dunkelmänner betört ? Ja , das ist eben das Geheimnis , sagen die Dunkelmänner . Geheimnis ? Es gibt kein Geheimnis ; ich verwerfe das Geheimnis . Die Welt von oben bis unten ist ein klares Gebilde , und wo die Sonne scheint , verstecken sich die Eulen . Gäbe mir nur der Herrgott einen Wink , wie ich dieser diabolischen Verstellungskunst zu Leibe gehen könnte ! Man müßte einmal ernstlich zusehen , wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt . Das Tagebuch scheint zu existieren , es scheint damit seine Richtigkeit zu haben , abgesehen von allem Geflunker ; vielleicht ist es eine Art Beichtgelegenheit für ihn ; man muß dahinterkommen . Die Begebenheiten halfen Quandt , rascher dahinterzukommen , als er gehofft . Eine Stimme ruft Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen an ihn , den Polizeileutnant , gerichteten , aber im Grunde für Caspar bestimmten Brief des Grafen Stanhope , in welchem dieser dem Jüngling klipp und klar befahl , das Tagebuch an Hickel auszuliefern . Caspar überlas das Schreiben dreimal , ehe er endlich Worte fand ; er weigerte sich zu gehorchen . » Ja , mein Bester , « sagte Hickel , » wenn es nicht gutwillig geht , muß ich leider Gewalt anwenden . « Caspar besann sich , dann sagte er mit trüber Stimme , der einzige , dem er das Tagebuch geben könne , sei der Präsident , und dem wolle er es morgen bringen , wenn man darauf bestehe . » Gut , « entgegnete der Polizeileutnant , » ich werde Sie morgen früh abholen , und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten . « Hickel wollte Zeit gewinnen . Er hatte natürlich keine Lust , das Tagebuch in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen , gerade dies zu verhindern , hatte er Auftrag , und er überlegte , was zu tun sei . Was Caspar betrifft , so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des Präsidenten , um sich zu beschweren . Feuerbach war im Senat ; Caspar vertraute seine Sorge der Tochter an , und diese versprach dem Vater Bericht zu geben . Nachmittags läutete es bei Quandts , und der Präsident trat ins Zimmer . Mittlerweile hatte Caspar , um auch diesem sonst verehrten Mann den gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen , sich eine Ausrede erdacht , und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob es wahr sei , daß er es nicht zeigen wolle , sagte er schnell , er habe es verbrannt . Da gab es dem Lehrer einen Ruck , und er konnte sich eines zornigen Ausrufs nicht enthalten . » Wann haben Sie es verbrannt ? « fragte Feuerbach ruhig . » Heute . « » Und warum ? « » Damit ichs nicht hergeben muß . « » Warum wollen Sie es nicht hergeben ? « Caspar schwieg und starrte zu Boden . » Das ist eine Lüge , er hat es nicht verbrannt , Exzellenz « , zeterte Quandt , bebend vor Ärger . » Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt hat , so muß es schon länger beiseite gebracht sein . Von Weihnachten an hab ich es überall gesucht , in jedem Winkel seines Zimmers hab ich Umschau gehalten , und nie , niemals war eine Spur davon zu finden . « Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an ; es war ein Blick , der etwas Mattes und Gramvolles hatte . » Wo war denn das Tagebuch aufbewahrt , Caspar ? « fuhr er dann zu fragen fort . Caspar antwortete zaudernd , er habe es bald da , bald dort versteckt ; bald unter den Büchern , bald im Schrank , zuletzt an einem Nagel hinter der Schreibkommode . Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und lächelte böse . » Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen ? « inquirierte er . » Ja . « » Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt ? « » Gehen Sie jetzt , Caspar « , schnitt der Präsident das Zwiegespräch gebieterisch ab . » Ich begreife nicht , « wandte er sich , als Caspar draußen war , an den Lehrer , » weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes Gewicht auf das Tagebuch legt ; wahrscheinlich überschätzt er die ohne Zweifel harmlosen Schreibereien . Mit Güte und Überredung wäre man übrigens besser gefahren als