Dort setzten wir uns nieder . Ich erzählte . Sie hörte zu , ganz still , ganz still , doch zeigte sich in ihren dunkeln Augen , den wunderbaren und geheimnisvollen , von Zeit zu Zeit ein Glanz , der mich an jenes Eigenlicht des Alabasters mahnte - - - wie Sonnengold , vermählt mit Himmelsblau . Und auch als ich geendet hatte , blieb sie noch immer still . Sie hatte ihren Kopf zur Seite an den Stein gelehnt und hielt die Augenlider fest geschlossen . Ich störte sie in ihrem Sinnen nicht und wartete geduldig , bis sie sprach . Sie tat es , ohne ihren Blick zu öffnen : » Ich sehe eine Linie , von rechts nach links gezogen . Am Ende rechts gibt ' s eine Sonnenglut , die Alles , was da lebt , verbrennen würde , wenn es so unbesonnen wäre , sich ihr zu weit zu nähern . Das linke Ende taucht in eine Finsternis , die jeder Kreatur mit augenblicklicher Vernichtung droht . Die Linie ist unser Menschenleben . Zu weit nach rechts , zu weit nach links bringt sicheres Verderben . Grad in der Mitte liegt die Unverletzlichkeit und auch die Durchschnittslänge der geworfnen Schatten . Wer diesen Durchschnitt haßt , der wendet sich nach einer von den Seiten . Nun denke nach , Effendi , denke nach ! Stehst du vielleicht grad in der Mitte ? « » Ich hoffe es nicht , « antwortete ich . » So bist du also kühn , vielleicht sogar verwegen ! Betrachte deinen Schatten ! Wird er zu klein ? Wird er zu groß ? In beiden Fällen ist ' s um dich geschehen ! Weißt du es nun , wozu die Schatten sind ? So sag ich nur als Mensch , als ungelehrtes Weib . Die Allmacht aber wird wohl noch ganz andre Gründe haben , warum sie Finsternis und Licht vermählte und beiden die Erlaubnis gab , im Zwielicht unfaßbare Schemen zu erzeugen und an der Sonne jene äffenden Gebilde , die uns als Schatten sagen , daß wir sind . « Nun schlug sie die Augen auf , sah mir so lieb , so herzlich in die meinen , hielt mir das kleine , aber feste Händchen her und sagte : » Gib mir jetzt einmal deine Hand ! « Ich tat es . Da fuhr sie fort : » Erlaube mir , daß ich für diese Schatten bitte ! Verfahre nicht so streng , wie du wahrscheinlich wolltest . Du weißt ja wohl , daß Schatten keinen Willen haben ! « Da mußte ich doch lächeln ! » So ist es also wahr , daß sich die Seele immerdar erbarmt , selbst wenn der Geist auch nicht den kleinsten Grund zur Milde findet ! Wer keinen Willen hat , den darf man billig schonen , doch aber den , der ihm den Willen nahm , den trete man zu Boden ! « » Trotz deines Traumes heut - - - ? Und trotz des Zauberers - - - ? « fragte sie . » Trotz alledem ! Ich glaube , daß ich diesen Traum verstehe . Er kam zwar aus dem Schattenreich zu mir , doch war er keinesweges selbst ein Schatten . Ich träumte ihn beim ersten Sonnenstrahl und fühle ihn verschmolzen mit mir selbst , von gleicher Wesenheit mit meinem eignen Wesen . Er hat mich viel gelehrt und handelt in mir weiter . Der Schatten , der mich vor sich selber warnt , ist Menschenfreund , ist ohne Falsch , ist ehrlich . Er rettet mich vor fremden Gaukeleien und auch vor meinen eignen Truggebilden , und Wahnsinn wäre es , wenn ich ihn hassen wollte . Für ihn hast du gebeten , Schakara . Du siehst , es war nicht nötig ! Gebeten aber hast du nicht für Andre , für welche ich dein Auge schärfen möchte . Ich meine jene pfiffigen Gesellen , die sich als Schatten stellen , doch aber keine sind . Die stets verführten - Verführer ! Die in Demut zerfließenden - Tyrannen ! Die tugendreinen - Sünder ! Die opferbereiten - Feinde ! Die aufrichtigen - Heuchler ! Die arglos treuherzigen - Schlangen ! Und noch viele , viele tausend Aehnliche , die sich sofort als Schatten des nächsten Gegenstandes in Sicherheit bringen , wenn du zur Fackel greifst , sie anzuleuchten . Sie flüchten sich vollständig waffen- , wehr- und willenlos in irgend eines Starken Schutz und Schirm . Er sinkt und sinkt und sinkt ; sie aber steigen . Und dann , wenn er am Abgrund steht , von aller Welt verlassen , nur nicht von Dem , der liebevoll den Fuß erhebt , um dankbar ihn vollends hinabzutreten , erkennt er endlich , aber viel zu spät , daß sie nichts weniger als arme Schatten waren . Die Willenlosigkeit war höchste Energie , die Schwäche nur die Maske der Gewalt , und jede Bitte , welche er gewährte , in Wahrheit ein Befehl , dem er gehorchen mußte . Das Allerschlimmste aber ist , o Schakara , daß diese Büberei nie eignen Schatten wirft , weil sie ja stets im Schatten Andrer schwelgt . Darum erscheinen diese Fleckenlosen der heilgen Einfalt drei- und zehnmal heilig , und wenn sie noch dazu so glücklich sind , vor ihrem Tode nicht entlarvt zu werden , so glaubt die liebe , liebe Unvernunft , daß sie an ihnen viel , sehr viel verloren habe , der Himmel aber viel , sehr viel gewonnen ! Wenn die Ruinen da erzählen könnten ! Ich sah im Traume , wie man sich verkroch ! Da ging ich ruhig weiter . Doch , sollte das Geträumte sich erfüllen , so wird statt nur gefackelt , dann geleuchtet ! Du weißt , wie gut wir hier versehen sind : an Fackeln fehlt es nicht ! « Hier wurde unser Gespräch unterbrochen . Drüben in den Ruinen , im obern Teile derselben , erschien nämlich