. Woldemar hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet , mußte jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten , weil im Kasino eine kleine Festlichkeit stattfand , der er beiwohnen wollte . Der alte Graf ging , als unten die Droschke hielt , mühsamlich auf seinem Zimmerteppich auf und ab , weil ihn sein Fuß , wie stets , wenn das Wetter umschlug , mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte . » Nun , da seid ihr ja wieder . Der Zug muß Verspätung gehabt haben . Und wo ist Woldemar ? « Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um Entschuldigung bäte . » Gut , gut . Und nun setzt euch und erzählt . Mit dem Conte , das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih , Melusine . Da möcht ich denn begreiflicherweise , daß es uns diesmal besser ginge . Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen , aber die Familie , der alte Stechlin . Armgard braucht selbstverständlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten , wenn sie nicht will , wiewohl erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und Schwiegervätern . Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn . « Armgard lachte . » Mir , Papa , passiert so was Nettes nicht . Aber mit Melusine war es wieder das Herkömmliche . Der alte Stechlin fing an , und der Pastor folgte . Wenigstens schien es mir so . « » Dann bin ich beruhigt , vorausgesetzt , daß Melusine über den neuen Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt . « Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand . » Dann bin ich beruhigt « , wiederholte der Alte . » Melusine gefällt fast immer . Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht . Es gibt so viele Menschen , die haben einen natürlichen Haß gegen alles , was liebenswürdig ist , weil sie selber unliebenswürdig sind . Alle beschränkten und aufgesteiften Individuen , alle , die eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben - das richtige sieht ganz anders aus - , alle Pharisäer und Gernegroß , alle Selbstgerechten und Eiteln fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt , und wenn sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat , dann lieb ich ihn schon darum , denn er ist dann eben ein guter Mensch . Mehr brauch ich von ihm gar nicht zu wissen . Übrigens konnt es kaum anders sein . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm . Aber auch umgekehrt : wenn ich den Apfel kenne , kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da ? Ich meine , von Verwandtschaft ? « » Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz « , sagte Armgard . » Das ist die Schwester des Alten ? « » Ja , Papa . Altere Schwester . Wohl um zehn Jahr älter und auch nur Halbschwester . Und eine Domina . « » Sehr fromm ? « » Das wohl eigentlich nicht . « » Du bist so einsilbig . Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben . « Armgard schwieg . » Nun , Melusine , dann sprich du . Nicht fromm also ; das ist gut . Aber vielleicht hautaine ? « » Fast könnte man ' s sagen « , antwortete Melusine . » Doch paßt es auch wieder nicht recht , schon deshalb nicht , weil es ein französisches Wort ist . Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch . « » Ah , ich versteh . Also komische Figur . « » Auch das nicht so recht , Papa . Sagen wir einfach , zurückgeblieben , vorweltlich . « Der alte Graf lachte . » Ja , das ist in allen alten Familien so , vor allem bei reichen und vornehmen Juden . Kenne das noch von Wien her , wo man überhaupt solche Fragen studieren kann . Ich verkehrte da viel in einem großen Bankierhause , drin alles nicht bloß voll Glanz , sondern auch voll Orden und Uniformen war . Fast zuviel davon . Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke , ganz einsam und doch beinah vergnüglich , einen merkwürdigen Urgreis , der wie der alte Gobbo - der in dem Stück von Shakespeare vorkommt - aussah , und als ich mich später bei einem Tischnachbar erkundigte , wer denn das sei , da hieß es : Ach , das ist ja Onkel Manasse . Solche Onkel Manasses gibt es überall , und sie können unter Umständen auch Tante Adelheid heißen . « Daß der alte Graf das so leichtnahm , erfreute die Töchter sichtlich , und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte , wurd auch Armgard mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen , danach vom Stechlinsee ( der ganz überfroren gewesen sei , so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können ) und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen . Diese waren das , was den alten Grafen am meisten interessierte . » Wetterfahnen , ja , die müssen gesammelt werden , nicht bloß alte Dragoner , in Blech geschnitten , sondern auch allermodernste Silhouetten , sagen wir aus der Diplomatenloge . Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen . Und wißt ihr , Kinder , das mit dem Museum gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle Befriedigung , beinah mehr noch , als daß ihm Melusine gefallen hat . Ich bin sonst nicht für Sammler . Aber wer Wetterfahnen sammelt , das will doch was sagen , das ist nicht bloß eine gute Seele , sondern auch eine kluge Seele , denn es is da so was drin wie ein Fingerknips gegen die Gesellschaft . Und wer den machen kann , das ist mein Mann , mit dem kann ich leben . « Man blieb nicht lange mehr beisammen ; beide Schwestern , ziemlich ermüdet von der Tagesanstrengung , zogen