, in Gedanken ihren Lauf bis zum Bodensee zu verfolgen , in der Hoffnung , daß auf dem langen Wege doch irgendein Zeitvertreib zu finden sein werde . Es gelang ihr nicht , die Gedanken anzubinden . Schon vor der Haustüre begegnete der aufgeregten Einbildung Andreas , wie er leibte und lebte , und sie begriff nicht mehr , wie sie sich um ihn so viel kümmern konnte , ihm es schon für ein Großes hielt , daß er sich einige Male wie andere vernünftige Menschen zu benehmen suchte . Wenn er anders geworden wäre , hätt ' es ihn gewiß früher heimgetrieben zu Weib und Kind , daß man ihn daran nicht mehr hätte mahnen müssen . Das alles mußte Dorothee sich jetzt gestehen , und es war ihr dabei stets , als ob jemand mit durchdringenden Blicken sie verfolge . Schon wollte sie das Fensterchen schließen , da glaubte sie das Geräusch von Tritten zu hören und sah gleich darauf , wie ein schwerbeladener Schlitten von zwei Männern vor dem Hause vorbeigezogen wurde . Das Mädchen horchte . » Wenn doch nur der Sturm noch wartet , bis wir auch dem Krämer seine Sachen unters Dach gebracht haben « , flüsterte der eine . Dorothee zitterte . Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt . » Sei du zufrieden , wenn du deinen Plunder hast . Der Krämer kann mir einige Träger mitgeben oder meinetwegen alles bei der Brunnenstube verschneien lassen « , versetzte Hansjörg mit heiserer Stimme . Dorotheen war ' s , als ob der schneidende Windstoß ihr den Geruch fauler Äpfel entgegentrüge . Erschrocken fuhr sie zurück und schlug das Fenster vielleicht noch um so heftiger zu , damit die beiden daran erinnert wurden , wie leicht man sie belauschen könnte . Der Schleichhandel kam ihr noch nie so verdächtig vor wie jetzt , aber mit den beiden , die sie eben gehört hatte , war sie doch nicht so bald fertig wie mit dem Andreas . Es wär ' ein Büchlein davon zu schreiben , wie sie von den schrecklichsten Gedanken , dann wieder von bösen Träumen gequält wurde , wie sie sann und betete , bis endlich - endlich das Morgenrot über die nahe Fluh heraufdämmerte . Zum lieben Glück hatte man diesen Tag das Haus voll Gäste , die das Mädchen kaum einen Augenblick zu sich selbst kommen ließen . Es waren viele da , die über Mittag trotz ihrer Sparsamkeit lieber im Wirtshaus blieben als in ihre entlegeneren Wohnungen eilten , da sie es für eine Gewissenssache hielten , besonders an einem so stürmischen Tag wie dem heutigen , wo Gott sich seinen Zorn einmal recht anmerken ließ , auch den nachmittägigen Gottesdienst nicht zu versäumen . Auch Andreas war über Mittag nicht heimgekommen und saß auf seinem alten Platze . Als Dorothee nun einmal einen freien Augenblick hatte , wollte er sie , ohne die vielen Anwesenden zu berücksichtigen , sogleich neben sich auf einen Stuhl ziehen . Das Mädchen jedoch sprang , einen Schrei ausstoßend , mehrere Schritte zurück und schickte dann , als es von seinem Schrecken sich wieder ein wenig erholt hatte , die Wirtin an den Tisch , wo nun Andreas den Ärger an den in einem Weinglas aufgestellten Zigarren auslassen zu wollen schien . » Ist das ein elendes Kräutlein , das nicht brennt und nicht geht , elend wie die ganze Wirtschaft « , rief er immer wieder , versuchte ein Stück nach dem andern und warf es dann zum Fenster hinaus . Der Wirtin ward das endlich zuviel , und als nun Andreas gar noch die Äußerung fallen ließ , er denke nicht daran , die weggeworfenen Stücke zu bezahlen , sagte sie ihm vor allen Leuten die Meinung , daß er es zur Erforschung des Gewissens nicht besser und genauer hätte wünschen können . Er sagte auch spottend , hier könne man sich nun auf die Beichte gehörig vorbereiten , aber niemand lachte über diese Bemerkung , und ihn selbst erschreckte die plötzlich entstandene Stille so , daß er , anfangs verlegen , sich nun erst recht in seinen Zorn hineinzureden begann . Immer wieder dachte er ans Beichten . Noch nie kam er sich so schlecht vor als jetzt , da auch Dorothee ihn verließ , deren Freundlichkeit ihm doch so wohlgetan hatte . » Aber weg mit solchen Gedanken ! « sagte er sich , ein volles Glas Wein hinunterstürzend , und schrie : » Kein Gericht und kein Amt kann mich zwingen , geschmuggelte schlechte Ware zu zahlen , die hier um den Preis der guten verkauft wird . Zeigt mich nur an , dann werdet ihr Wunder sehen . Ich kenne die Ware schon auch . « » Sie ist von deinem Schwiegervater , und noch kein Mensch hat sie getadelt « , versetzte die Wirtin . » Natürlich « , spottete der Andreas , » weil die dummen Bauern was Rechtes gar nicht kennen . Ich aber will schon Zeugen bringen , welche sagen , daß ich ' s kenne . Wer mit mir Händel anfängt , muß sie haben . « » Mache , was du kannst « , sagte die Wirtin . Dorothee zitterte für den Geliebten und ihren Bruder . Alles Frühere für den Augenblick vergessend , näherte sie sich ihm , und es gelang ihr leicht , den schon etwas Angetrunkenen zu besänftigen . Er zog sie neben sich und sagte : » Du Trotzkopf hast nicht einmal mehr mit mir dich unterhalten wollen ! « » Ich will noch nicht « , rief das Mädchen und machte eine vergebliche Anstrengung , sich zu befreien . Die Wirtin eilte der noch Ringenden zu Hilfe , doch sie kam schon zu spät . Dutzende von Händen hatten den Andreas beim Kragen , bei den Haaren , den Händen , überall erfaßt , und eine Minute später lag er neben der steinernen Stiege vor der Türe bei den zerstreuten Zigarren im Schnee . » Das