, die Gediegenheit seines Charakters konnte selbst dem Kinde nicht entgehen . So wenig er meiner Eitelkeit als einem jungen Fürsten schmeichelte , so besaß ich doch Lernbegierde genug , von seinem reichen Wissen Vortheile zu ziehen . Ja wie Knaben mit ihren Lehrern pflegen , in meiner eitlen Bewunderung stellt ' ich ihn wol gar noch höher als er stand . Seinen Nachfolger wählte die Mutter auf Empfehlung der pietistischen Kreise in der Residenz . Es war dies ein junger , gewandter Theolog , Namens Guido Stromer . Wenn ich nicht irre , brachte er sich sogleich eine Gattin mit und gewann das Herz meiner Mutter in dem Grade , daß es ihm gelang , einen andern Plan mit mir durchzusetzen , für den ich ihm eigentlich Dank weiß . In seiner Furcht , meine Erziehung auf dem Schlosse würde doch einen ewigen Ab- und Zustrom von Hofmeistern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu ändernden Bedingung machen , äußerte er der Mutter die Idee , mich nach Genf in ein Pensionat zu geben . Naturen wie Sylvestre Rafflard gewesen war , blieben ihm gefährlich . Die Mutter , nicht ahnend , daß er nur in der ihm natürlich sehr wichtigen Gunst seiner Kirchenpatronin die Nebenbuhlerschaften entfernen wollte , ging auf diesen Plan mit Begeisterung ein . Sie hatte Genf selbst gesehen , schwärmte für den reizenden bergumkränzten Leman , träumte oft von dem Glücke , dort zu wohnen , dort ihre Tage zu schließen , was ihr bei der Beschränkung ihrer Mittel nicht beschieden sein konnte ... und alle diese Reize erhöhte ihr zuletzt noch das Bewußtsein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung herrschenden Geistes der strengen Kirchlichkeit . Die Sekte der Momiers war damals neu in der französischen Schweiz erst aufgekommen . Sie erkannte in ihnen , nach den Berichten einer von ihr nach Kräften unterstützten Kirchenzeitung , eine Gemeinde Wiedergeborener , die sich nur an den reinen biblischen Geist des Christenthums hielte . Es wurden Erkundigungen eingezogen über die Pensionate von Lausanne , von Vevey , von Neufchatel , Genf . Das war ein Geschwirre von Briefen der Pastoren jener herrlichen Gegend , die Alle mit Empfehlungen der christlichen Institute zur Hand waren und dabei die Gelegenheit benutzten , mit einer deutschen Dame von Stande in Rapport zu treten . Denn diese Pfaffen dort , müssen Sie wissen , haben keinen größern Ehrgeiz , als mit der halben vornehmen Welt Europas in Rapport zu stehen und sich mit den Briefen zu brüsten , die sie selbst aus Petersburg , Stockholm und Neuyork erhalten . Damit ist zugleich ein eigenthümlicher Menschenhandel verbunden . Kennen Sie Casanova ? Dankmar verneinte befremdet . Casanova , sagte der junge Fürst , Casanova , den ich im Pensionat des Herrn Monnard mit aller Bequemlichkeit gelesen habe .... Im Pensionat ? sagte Dankmar erstaunt . Casanova , fuhr Egon ruhig fort , erzählt von den in Europa zerstreuten italienischen Sängern und Tanzmeistern und plaudert uns deren Memoiren aus ; ich versichere Sie , der fromme Menschenhandel mit Bonnen , Gouvernanten , Hauslehrern aus der französischen Schweiz ist so organisirt , daß ich eine große Ähnlichkeit finde . Sie haben keine Ahnung , welche Dinge in einer französisch-schweizerischen Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht werden . Ich könnte Ihnen Fürstinnen nennen , die auf europäischen Thronen sitzen und von den Fäden einer ehemaligen , glänzend pensionirten , bei Genf in ihren Verbindungen schwelgenden alten Erzieherin gelenkt werden . Sie erfahren in einem frommen Thee in Lausanne mehr Cabinets- und Hofgeheimnisse , wie in Berlin in dem engern Cirkel eines Ministers . Dankmar fiel lachend ein : Das hätte ja fast Ähnlichkeit mit dem Einflusse , den zehn Meilen weiter von Lausanne die freiburger Jesuiten über das übrige Europa ausüben .... Die vollkommenste ! bestätigte der junge Fürst . Sie können aber auch in Lausanne die Politik der Jesuiten und in Freiburg die Politik der Momiers studiren . Es ist ganz dieselbe Sache , wie sie auch von Menschen vertreten wird , die sich untereinander vor Brotneid aufzehren möchten . Das ist eine Sucht , dem andern eine Beute abzujagen ! Denken Sie sich diese Correspondenz der reformirten Geistlichen mit den höchststehenden Familien ! Der Reiz der französischen Sprache , die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung , die den gutkatholischen Fénélon zum Ideal auch dieser Protestanten gemacht hat , ... genug , die gute Mutter war auf Grund meiner Versendung nach Genf so lebhaft in Verbindung mit den schönsten , durch die Fremdenbesuche an Neuigkeiten ergiebigsten Gegenden der großen europäischen Route , daß sie sich in ihren Briefen hier auf Hohenberg schon da vortrefflich unterhielt , noch ehe ich abreiste . Wie aber nahm Das erst zu , als ich wirklich in Genf war ! Wie wurden da über mich , über meine Erziehung , meine Anlagen , meine Irrthümer , meine Tugenden und Gebrechen soviele Anfragen an Geistliche , Professoren , Syndics , Künstler , am Genfersee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von diesen beantwortet ! Nun war ich der einzige Gedanke der Fürstin , ja der Angelpunkt und die Achse ihres ganzen Daseins geworden . Welche Briefe ließ mich Professor Monnard und sein boshafter erster Lehrer , Sylvestre Rafflard , schreiben .... Rafflard ? unterbrach Dankmar . Sie erwähnten ja seine Anwesenheit in Hohenberg .... Rafflard war , berichtete der Erzähler , ursprünglich aus Genf , kam nach Deutschland , zu uns als Lehrer der französischen Sprache , von da nach Kurland , wo er mit Rudhard wieder zusammentraf und zwar feindselig genug , dann kehrte er nach Genf zurück , wo ich ihm im Monnard ' schen Institute wieder begegnete . Jetzt ist er Jesuit .... Das ist eine lehrreiche Biographie ! sagte Dankmar . Sie werden noch Manches von Sylvestre Rafflard hören ; schaltete der Erzähler ein und fuhr fort : Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monsieur Sylvestre ausgestrichen und unter dem einfachen Scheine stilistischer Veränderungen in ihren Thatsachen so