und es erwies sich zu meinem nicht geringen Entsetzen , daß das rechte Bein und der rechte Arm an der Schulter gebrochen sei . Die Verwundung am Kopf war ebenfalls höchst gefährlich . Es war ein junger , schöner , gesunder Mensch , der vielleicht sterben - vielleicht Zeitlebens ein Krüppel bleiben konnte . Mich erbarmten die Seinen .... seine Mutter , die ihn in frischer Jugendblüte entlassen hatte und Gott weiß wie und wann wiederfinden mogte . Ich gab mir das Wort ihn wie einen Sohn zu pflegen . Wie er hieß , wer und woher er war - davon hatte Niemand die leiseste Ahnung . Von Luzern war er mit Aloys über den Brünig ins Berner Oberland gekommen und seinen Koffer hatte er von dort nach Genf geschickt . In seinem kleinen Mantelsack befanden sich so wenig Sachen und Geld als man zu einer Fußreise braucht - übrigens weder Briefe , noch Paß , noch legitimirende Papiere . Aloys meinte er habe ein kleines Portefeuille in der Brusttasche seiner Blouse getragen und dasselbe vermuthlich bei seinem Sturz verloren . Mich beunruhigte dies nur in dem traurigen Fall seines Todes . Blieb er am Leben , so würde er sich mit der Zeit schon legitimiren . Er blieb am Leben ; aber es war qualvoll , der Leib gemartert , der Kopf fast immer besinnungslos ; und traten lichte Augenblicke ein , so waren sie von so unerhörter Schwäche begleitet , daß Gedanken und Gedächtniß sich nicht sammeln konnten . Außer meiner Mutter hatte ich nie einen Menschen so heftig , so lange , so in jedem Nerv vom Scheitel bis zur Sohle leiden sehen . Aber er hielt es aus ! der Körper ist eine wunderbar kräftige Pflanze so lange sie in der Jugend wurzelt . Wir hatten Alle schwere Zeiten ! er - durch Leiden ; wir - durch leiden sehen und nicht helfen können . Unter wir verstehe ich Aloys , den ich zu seinem speciellen Dienst bei mir behielt , mich und meine Dienstboten . Ich befand mich vielleicht von ihnen Allen am wolsten : ich vergaß mich selbst , und meine Tage waren mit etwas Andrem gefüllt als mit meinem erbärmlichen Ich . Ich konnte noch nützlich sein , noch einem Menschen zu demjenigen helfen , was eine so köstliche Gabe sein kann , wenn man sie zu benutzen versteht : zum Leben ! konnte für Eltern ein Kind retten , vielleicht ein Einziges , vielleicht den letzten Trost einer elenden Mutter . So vergingen Wochen und Monate . Um Weihnachten trat endlich wahrhafte Besserung ein ; die Lethargie wich , die Besinnung kehrte zurück , Fieber und Phantasieen hörten auf . In den qualvollen Schienen eingezwängt konnte er nur seinen linken Arm brauchen und bedurfte daher einer Menge kleiner Dienstleistungen . Sein erstes Wort an mich das er mit Bewußtsein und mit dem Ton innigster Dankbarkeit aussprach , war : » O ! die gute Frau vom Grindelwald ! « Der fieberhafte Schleier war also endlich von seinen Blicken genommen . Jenes Wort des Aloys war nicht das letzte welches er gehört - aber das letzte welches Eindruck auf ihn gemacht hatte ; seine Erinnerung war bei demselben stehen geblieben und kam mit ihm zur Besinnung . » Gott sei Dank ! Sie erkennen mich ! « sagte ich froh . - Mit erleichtertem Herzen konnte ich nun daran denken zum Neujahrsfest , das in der Schweiz den Platz unsers Weihnachtsfestes einnimmt , die Kinder zu besuchen . Am Tage vor meiner Abreise kündigte ich dieselbe meinem Kranken an , und fragte ihn ob in Genf oder Bern keine Briefe ihn erwarteten , die ich ihm mitbringen oder zusenden könne . Auf dem Postamt in Genf müßten deren wol einige sein - meinte er . » Dann muß ich um Ihren Namen bitten , sagte ich lächelnd , damit ich die richtigen fodern kann . « » Nicht einmal meinen Namen wissen Sie ! .... und wo ist denn mein Paß geblieben ? « » Da ich kein Thorwächter bin der nach Paß und Namen zu fragen hat , so habe ich mich bisher um Beides nicht gekümmert . Was ersteren betrift , so glaubt der Aloys Ihr kleines Portefeuille sei bei Ihrem Sturz verloren gegangen . « » Darin war mein Paß und ein Creditbrief an einen Banquier in Genf , « sagte er besorgt . » Trösten Sie sich ! entgegnete ich lächelnd . Ein Paß ist Ihnen vor der Hand ganz überflüssig da Sie Grindelwald nicht verlassen können ; - und ich gebe Ihnen mehr Credit als Ihr Banquier in Genf ! - Aber den Namen muß ich wegen der Briefe wissen . « » Ich heiße Graf Wilderich Wildeshausen , sagte er , und auf einem Schloß dieses Namens in Ostfriesland lebt meine Mutter , der ich gern Nachricht von meinem Unfall zukommen ließe . « » Ich will ihr schreiben und ihr die Wahrheit nicht verhehlen , aber auch die Gewißheit Ihrer Genesung ihr geben ! « unterbrach ich ihn lebhaft . Er nahm meine Hand , küßte sie und fragte : » Sie verlassen mich nicht ? Sie kommen wieder ? « » Gewiß , in vierzehn Tagen komme ich wieder , und Sie werden während meiner Abwesenheit keine Pflege entbehren . « » Aber Ihre Gegenwart ! « » Allerdings ! denn eine Doppelgängerin bin ich nicht . « Er lächelte . Es war mir eine stille Freude ein Lächeln auf diesem Antlitz zu sehen , das so lange von Schmerz und Krankheit zerstört war ; mit dem Lächeln ging das Menschliche wie eine Sonne über ihm auf ; Leidensausdruck hat auch das Thiergesicht . Tags darauf reiste ich ab , über Bern und Freiburg nach Ouchy . Ich hatte schon viel von meinem unbekannten Kranken an Benvenuta geschrieben , die sich wie alle junge Mädchen außerordentlich für das Geheimnißvolle interessirte . Jezt mußte ich ihr noch viel mehr von ihm erzählen ; aber als sie